"Brother"-Regisseur Kitano "Der Japaner von heute ist stumpf und geistlos"

Abgeschnittene Finger und durchsiebte Leiber - auch der neue Film "Brother" des Kult-Regisseurs Takeshi Kitano spart nicht an Gewalt - diesmal zwischen Dealern, Mafia und japanischen Clans in Los Angeles.

Von Oliver Hüttmann


Spielt die Hauptrolle in seinem neuen Film: Kitano
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Spielt die Hauptrolle in seinem neuen Film: Kitano

Ein kleiner, krummbeiniger Japaner steht am Flughafen von Los Angeles, die Hände tief in seinem Designeranzug vergraben, und starrt durch seine Sonnenbrille reglos geradeaus. Fast ein, zwei Minuten bleibt das Bild mit ihm stehen, und das ist schon eine Ewigkeit im Kino, das immer rasanter voranprescht und dem Publikum kaum noch Ruhe gönnt. Dieser Mann aber hat Zeit. Und man ahnt, dass er nichts zu verlieren hat.

Ähnlich hat man das zuletzt nur bei Gary Cooper gesehen, der vor jedem Satz stets Sekunden verstreichen ließ. Oder in Allen Barons Killer-Drama "Blast Of Silence", auch wenn er die Szenen aus dem Off kommentierte. Takeshi Kitano aber bleibt stumm, als ein geschwätziger Taxifahrer ihn in ein Hotel bringt. Wortlos reicht er dem redseligen Zimmerjungen einen 100-Dollar-Schein. Auf der Straße rempelt er dann mit einem Schwarzen zusammen, wobei eine Flasche zerbricht, und die Kamera fokussiert dessen Mund, aus dem allerlei Flüche sprudeln. Kitano schweigt, bückt sich nach einer Scherbe und schlägt sie dem Kerl ins Gesicht.

Schweigen und Stille waren in Kitanos Gangsterelegien immer schon tragende Elemente, aus denen heraus exzessive Gewalt explodiert. Damit drückt der minimalistische Stilist auch die Sprachlosigkeit und innere Leere seiner lebensmüden Helden aus und die meditative Strenge und kategorische Disziplin ihrer japanischen Traditionen. In "Brother" versteht er zudem die Sprache gar nicht. Denn Kitano spielt den Yakuza Yamamoton, der zu seinem kleinen Bruder Ken (Claude Maki) ins amerikanische Exil geflüchtet ist, weil er sich in Tokio nach einem verlorenen Bandenkrieg nicht dem neuen Boss unterordnen wollte.

"Brother" ist Kitanos erste Geschichte, die außerhalb seiner Heimat spielt, wo er unter dem Namen Beat Takeshi vor allem als Komiker, Musiker und Moderator ein Superstar ist, im Grunde also viel Lärm macht. Seine TV-Show "Takeshi¹s Castle" etwa ist eine verschärfte Variante von Spiel-ohne-Grenzen, wo die Kandidaten schon mal mit Kot beworfen werden oder durch Schlangengruben waten müssen. Wenig zimperlich ist er auch bei seinen Yakuza-Krimis "Violent Cop", "Boiling Point" und "Sonatine", in denen er die Hauptfiguren darstellt. Allerdings illustrieren die Gewalttaten keine Action, sondern reflektieren eher eine soziale Desillusion, zumal sie sich oft nur in Kitanos unbewegtem Gesicht zeigen. "Der Japaner von heute ist stumpf und geistlos", meint er. Und da er diese Art von Filmen bisher nicht überlebt hat, enthalten sie durchaus eine kathartische Wirkung. So dreht Kitano eigentlich Tragödien. Und seit er für sein Cop-Melodram "Hana-Bi" die Goldene Palme von Cannes erhalten hat, gilt er in Japan als bedeutendster Regisseur nach Akira Kurosawa und Seijun Suzuki.

Im Westen erscheint das trotzdem oft befremdlich. Betreten wie Schulbuben stehen Ken und seine Kumpels denn auch daneben, als Yamamoto erst hispanische Dealer umlegt und dann deren Bosse massakriert. Die Jungs legen daraufhin ihre Hemmungen ab, übernehmen den Drogenhandel im Viertel und schwelgen im Luxus. Nun hat Yamamoto den Greenhorns zwar gezeigt, wie man mit Kaltblütigkeit an die Macht gelangt, ihnen die Konsequenzen einer solchen Haltung aber verschwiegen. Und als sie der italienischen Mafia selbstherrlich einen Anteil verweigern, kichert Yamamoto: "It's over, we all die."

Ein Yakuza stirbt für seine Ehre, in Loyalität zum Clan-Chef und für seinen Blutsbruder, was Rückblenden und Parallelszenen in Tokio erläutern. Die Gang in Los Angeles aber gerät in Panik und zerfällt. Mit diesen kulturellen Gegensätzen erzählt Kitano von Freundschaft und von den Gesetzmäßigkeiten der Gewalt. Immer wieder zeigt er die Clique, wie sie fast schon mit kindlicher Heiterkeit um einen Basketballkorb herumtobt, an einem idyllischen Strand Football spielt, Papierflieger bastelt oder untereinander alberne Wetten abschließt. Das ist sehr komisch, anrührend, ja poetisch ­ und dann wird diese Unschuld mit unerwarteter und heftiger Brutalität konfrontiert. Die zeigt Kitano mit abgeschnittenen Fingern, durchsiebten Leibern oder abgetrennten Köpfen zwar expliziter als früher. Dramaturgisch ist "Brother" dennoch sein zugänglichster Film; eine bizarre Ballade mit tiefer Melancholie.

"Brother", Japan/USA 2000. Regie: Takeshi Kitano; Drehbuch: Takeshi Kitano; Darsteller: Beat Takeshi, Claude Maki, Omar Epps; Länge: 112 Minuten; Verleih: Advanced, Deutschlandstart: 18.Januar



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