Bukowski-Film "Factotum" Des Säufers schöne Seele

Das Leben ist ein langer, ruhiger (Alkohol-)Fluss: In seiner beschaulichen Romanverfilmung "Factotum" zeigt der norwegische Regisseur die sanfte Seite des harten Fäkal-Poeten Charles Bukowski - mit einem kolossalen Matt Dillon in der Hauptrolle.

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Henry Chinaski wacht auf. Es ist offensichtlich schon Nachmittag, am Vorabend wurden wieder diverse Flaschen billigen Weins geleert. Ihm ist übel. Aus dem Bett stolpert er geradewegs ins Bad und übergibt sich. Als er zurückkommt und einigermaßen wieder bei Besinnung ist, wacht auch seine Freundin auf und wiederholt dasselbe morgendliche Ritual. Kurz darauf macht Chinaski Schluss mit ihr. So geht es einfach nicht weiter.

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Factotum: Traurige Trinker
Noch lethargischer ist nur die Kamera. Sie rührt sich nicht vom Fleck, sondern steht einfach irgendwo am Ende des Zimmers, wo sie einen guten Blick auf das Bett, den Flur, das Klo und den Schminktisch hat, an dem Henry erschöpft sitzt und raucht und beschließt, dass es mal wieder Zeit ist, sich am eigenen Kragen aus dem Elend des Lebens zu ziehen.

Henry "Hank" Chinaski ist das ewige Alter ego des amerikanischen Schriftstellers Charles Bukowski und die Hauptfigur in dessen Roman "Factotum". Das Buch entstand zwischen 1970 und 1974 und bildet jene Phase in Bukowskis Leben Anfang der vierziger Jahre ab, in der die erfolgreiche Karriere als Underground-Poet noch in ferner Zukunft lag. Hank schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und hangelt sich von Gehalts-Scheck zu Gehalts-Scheck: Es ist ein trister Alltag, den der angehende Dichter mit Pferdewetten, verkrachten Frauengeschichten und Saufgelagen füllt, die immer wieder in völliger Besinnungslosigkeit enden. Nebenbei wurde geschrieben: Mehr als 1000 Gedichte hat Bukowski bis zu seinem Tod 1994 verfasst, über 60 Bücher mit Erzählungen, Romanen und Prosa sind bisher erschienen.

Inzwischen weiß man, dass Bukowskis wahres Leben weit weniger exzessiv verlief, als es Erzählungen wie "Factotum" glauben machen wollen. Aus Briefen Bukowskis, die erst vor wenigen Jahren veröffentlicht wurden, erfuhr man, dass der dirty old man mit der Fäkalsprache in Wahrheit ein recht sensibler, verletzlicher und einsamer Mann gewesen ist. Ganz im Gegensatz zu Hank Chinaski war er sogar treu und beständig: Seinen 1955 angefangenen Job als Briefsortierer im Hauptpostamt von Los Angeles gab er erst 1970 auf, als er mit seiner tabubrechenden Prosa vor allem bei den revolutionshungrigen 68ern in Deutschland Erfolge verzeichnete. Mit seiner späteren Frau Linda lebte er seit 1979 zusammen und blieb bis zu seiner tödlichen Leukämie-Erkrankung mit ihr zusammen.

Diesen jüngsten Erkenntnissen über den eher zahmen Wilden fühlte sich wohl auch Regisseur Bent Hamer verpflichtet, als er "Factotum" als andächtiges und heiter-melancholisches Episodendrama verfilmte. Auch wenn Hamer sich mit seiner distanzierten Kamera bemüht, Abstand zu halten und seine Szenen als statische Panoramen entwirft, so spürt man doch das Mitgefühl, das der Norweger seinem Anti-Helden entgegenbringt. Dabei ist Chinaski ein drifter, ein fahriger Gewohnheitstrinker, der keinen Job länger als einen Tag halten kann und sein Leben nimmt, wie es kommt. Kaum trennt er sich von seiner Freundin, läuft er ihr schon wieder hinterher. Bei Bukowski liest sich das so:

"Ich konnte mich nicht dazu bringen, die Stellenanzeigen zu lesen. Die Vorstellung, wieder einem Mann an seinem Schreibtisch gegenüber zu sitzen und ihm zu sagen, dass ich einen Job wollte und die nötige Qualifikation dafür mitbrachte, war einfach zu viel für mich. Ehrlich gesagt, ich hatte einen Horror vor dem Leben; vor dem, was ein Mann alles tun musste, nur um essen und schlafen und sich was zum Anziehen kaufen zu können. Also blieb ich im Bett und trank. Wenn man trank, war die Welt zwar immer noch da draußen, aber wenigstens hatte sie einen im Augenblick nicht an der Kehle."

Hamer, der im letzten Jahr mit seinen beschaulichen "Kitchen Stories" einen Überraschungserfolg feierte, verleiht seinem Chinaski mehr Würde als ihm eigentlich zusteht: Seine Kleidung ist einfach, aber sauber, sein Haar sitzt, der Bart ist anständig gestutzt. In einer Szene auf der Pferderennbahn spielt sich Hank bei einem Streit um einen Sitzplatz sogar als Anwalt des kleinen Mannes auf und behauptet, die Armen müssten zusammenhalten. Als er beim Wetten Geld gewinnt, investiert er es sofort in einen guten Anzug und leistet sich eine dicke Zigarre. Und während bei Bukowski die Frauen zumeist an Hank verzweifelten, dreht der Regisseur und Drehbuchautor den Spieß kurzerhand um und zeigt Chinaskis Dauer-Gespielin Jan (Lili Taylor) als Klotz am Bein, die mit viel Lethargie und Zickigkeit jede aufkeimende Ambition ihres Freundes abwürgt - aus Angst, er könne etwas aus sich machen und sie zurücklassen. Das tut er dann schließlich auch, siehe oben, aber nur, um kurze Zeit später wieder in ihrem Lotterbett zu landen.

Hamers Hank ist kein Nihilist, der in seiner Selbstverachtung badet, sondern ein Geworfener, eine ungeschlachte, aber schöne Seele, die sich in der Welt nicht zurechtfindet und nur durch das Schreiben Erlösung finden kann. So jedenfalls deutet es das versöhnliche Ende des Films an.

Zu dieser uramerikanischen Verlierer-Story malt Hamer sehr europäische Filmbilder aus wärmenden Gelb-, hoffnungsvollen Grün- und traurigen Blautönen, immer haarscharf am Kitsch vorbei. Vieles an diesem Stil - die sparsam im Hintergrund dudelnde Polkamusik, der langsame Fluss der Handlung - erinnert an Aki Kaurismäki, allerdings ohne den anarchischen Humor des Finnen zu verströmen und ohne Mut zur Drastik aufzubringen. Der schwitzig-heiße Sex der Romanvorlage wird auf eine einzige, züchtige Szene reduziert; gesoffen wird zwar dauerhaft, aber ohne Vehemenz und Verzweiflung.

Es liegt an Matt Dillon, dass der Film letztlich nicht an seiner fast schon sterilen Beschaulichkeit scheitert. Der 41-Jährige hat die Rolle des Underdogs schon oft glaubhaft verkörpert, ob als kleiner Drogendealer in "Drugstore Cowboy", als Opfer der schönen Muse in "One Night at McCool's" oder zuletzt als soziopathischer Polizist in "L.A. Crash". Als Hank Chinaski wirkt der eigentlich schmächtige Schauspieler wie ein klobiger Hüne, schleppt sich hinkend durch den zähen Alltag, guckt mal schüchtern, mal desperat und malt unentschlossen mit den Kieferknochen.

Im Gegensatz zu Mickey Rourke, der einst in Barbet Schroeders Bukowski-Film "Barfly" die selbstzerstörerische und aggressive Seite des Säufers betonte, setzt Dillon auf sparsame Gesten und differenziertes Mienenspiel - die perfekte - und durchweg sympathische - Verkörperung des sanften Machos, den Bent Hamer in Bukowski zu erkennen glaubt. So ist man am Ende doch versöhnt mit dieser ungewöhnlichen Bukowski-Verfilmung, die mit allen Erwartungshaltungen bricht und schon allein deswegen als bisher gelungenste gelten muss. Beim nächsten Mal darf's allerdings gern wieder ein bisschen deftiger zugehen.



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