Burlesque-Film "Tournée" BH statt Brustbeutel

Schamlos, übertrieben, lustig: Mathieu Amalric begleitet eine Gruppe amerikanischer Burlesque-Tänzerinnen durch Frankreich. Der Film ist fest in Frauenhand - und besetzt mit  Schauspielerinnen, die auch im echten Leben Stars der New-Burlesque-Szene sind.

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Es gibt Reisen, deren Routen lässt man sich am besten auf dem Bildschirm des Navigationsgerätes anzeigen oder von einem Bleistiftstrich im ADAC-Straßenatlas. Und dann ist da die Reise, von der dieser Film erzählt. Man erahnt ihr Wesen beim Blick auf die Karte. Denn quer über das Papier wurde die Route geschmiert - mit Lippenstift. Eine knallrote Kurve, ein bisschen dick aufgetragen. Cremig, schwungvoll, glänzend biegt sie sich an der Außenseite Frankreichs entlang, lässt keinen Zweifel: diese Reise ist Tournee und Tortur.

Im Reisegepäck finden sich Büstenhalter statt Brustbeuteln. Und die Reisenden sind keine Touristen. Es sind Frauen mit Namen wir Dirty Martini oder Mimi le Meaux: amerikanische Burlesque-Tänzerinnen auf Frankreich-Tournee. Und zwischen ihnen ihr Manager Joachim Zand, ein ehemaliger TV-Produzent, der ursprünglich aus Frankreich stammt, dann in den USA das Glück suchte und nun zurückgekehrt ist in die alte Heimat, wo alte Freunde und Geschäftspartner leben, wo er Schulden hat und Kinder. Seinen Tänzerinnen hat er ein großes Finale in Paris versprochen und der Film "Tournée" folgt der Truppe durch die Küstenstädte Frankreichs, auf Bühnen und in Hotels.

Zand wird von Mathieu Amalric gespielt, der berühmt geworden ist mit seiner Rolle als Locked-in-Syndrom-Patient in "Schmetterling und Taucherglocke". Zusätzlich führte Amalric auch Regie, und als er 2010 während der Filmfestspiele in Cannes für "Tournée" den Preis für die beste Regie erhielt, widmete er ihn den Schauspielerinnen, die allesamt auch im echten Leben Stars der New-Burlesque-Szene sind. Für die Filmaufnahmen wurde eine wirkliche Tournee durch Frankreich organisiert, und obwohl Amalric betont, dass nichts improvisiert und alles geskripted gewesen sei, wurde der Film immer wieder auch für seine dokumentarisches Züge gelobt.

Die Schamlosigkeit steht dem Film ganz großartig

Und tatsächlich ist das beste an diesem Film seine Wesensverwandtheit zu seinem Sujet. Die Schamlosigkeit, die Derbheit und der Humor stehen dem Film ganz großartig. Wie auch während der Bühnenshows wirkt alles übertrieben: Eine Supermarktverkäuferin, die am Abend zuvor die Show gesehen hat, will sich gleich an der Kasse ausziehen, als sie Zand erkennt. Und als dieser sie abwimmeln will, wirft die Verkäuferin mit Joghurt nach ihm. Zand flüchtet, denn auch davon handelt der Film: von einer Übermacht starker Frauen, zwischen denen dieser dauernervöse, rauchende Zand beständig unterzugehen droht.

Amalric hat über seine Rolle später in einem Interview gesagt, sie sei "die Rolle eines Mannes zwischen all diesen starken Frauen. Wie kann er sich da behaupten?" Für Zand ist die Tournee ein ständiger Kampf um Kontrolle.

Das größte Problem des Filmes ist, dass dieser Konflikt auch auf formaler Ebene geführt wird: Die Handlung schwankt unentschlossen zwischen den Shows der Tänzerinnen und den Familienproblemen Zands hin und her. Und so wird der Zuschauer immer wieder zu Ausflügen in Zands altes Leben gezwungen, auch wenn er viel lieber mit den Tänzerinnen hinter der Bühne geblieben wäre, weil der Film immer dann am stärksten ist, wenn er das Gefühl vermittelt, er sei im Grunde eine große Show für seine Tänzerinnen.

New Burlesque, fragt in einer Szene des Films ein Journalist nach einer Show, was ist das für Sie? Ihm gegenüber sitzen die Tänzerinnen auf die Sessel in der Hotel-Lobby gedrängt wie Freundinnen auf Klassenfahrt. Dirty Martini sagt schließlich, New Burlesque sei wenn Frauen Shows für andere Frauen aufführten. Und Männer nicht die Kontrolle hätten.


Tournée. Start: 8.9. Regie: Mathieu Amalric. Mit Mathieu Amalric, Mimi Le Meaux, Dirty Martini.



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bastianbuchtaleck 08.09.2011
1. Fiktional oder Dokumentarisch?
Die Einleitung klingt, als sei der Film eine Dokumentation. Später lese ich von Rollen, die gespielt werden. Ich gehe jetzt von einem Spielfilm aus. Aber das hätte man eindeutiger schreiben können.
fatherted98 08.09.2011
2. Bei den Bildern der Damen...
...könnte man glauben in dem Film gehts um eine neue Art Geisterbahn.
snickerman 08.09.2011
3. Hier könnte mein Klarname stehen
Zitat von fatherted98...könnte man glauben in dem Film gehts um eine neue Art Geisterbahn.
Das sind eben ECHTE Frauen, keine Modepüppchen und Wannabe-Supermodels oder Silikonmonster. Sie scheinen mit richtigen Frauen wohl überfordert zu sein.
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