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Bushido-Film "Zeiten ändern dich": Arglos Berlin

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Von wegen Bürgerschreck: In der Verfilmung seines Lebens "Zeiten ändern dich" müht sich der Skandalrapper Bushido als Filmheld ab. Durch hölzerne Dialoge und schlechtes Casting ist das stellenweise unfreiwillig komisch, meistens langweilig - und komplett Talkshow-tauglich.

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"Zeiten ändern dich": Skandalrapper als Filmheld
Da hat wohl jemand Uli Edel und Bernd Eichinger nicht gesagt, dass HipHop etwas mit Tempo, Rhythmus und Wortwitz zu tun hat. Anders kann man sich nicht erklären, wieso ihr Film über Deutschlands erfolgreichsten Rapper Bushido so strunzlangweilig geworden ist.

Die Geschichte von "Zeiten ändern dich" nimmt jedenfalls zu keinem Zeitpunkt Fahrt auf, die Dialoge grenzen an eine Parodie. Selbst Musik scheint in diesem Musikerporträt nicht weiter von Interesse zu sein.

Warum also Bushido?

Wahrscheinlich, weil sich Produzent Bernd Eichinger ("Der Untergang", "Der Baader-Meinhof-Komplex") in ihm wiedererkennt: Bushidos Story ist der Aufstieg eines Jungen, der sich vom kleinbürgerlichen Milieu in die A-Prominenz hochgekämpft hat. Diese Geschichte hat Eichinger schon immer gereizt, sie hat er immer wieder erzählt. Wobei Eichingers jüngste Filmhelden Adolf Hitler, Andreas Baader und Anis Ferchichi alias Bushido eine Reihung ergeben, über die man lieber nicht so lange nachdenken möchte.

Deshalb also Bushido. Berliner Skandalrapper mit Titeln wie "Mittelfingah" und Texten wie "Tunten vergasen". Echo-, Comet- und MTV Europe Music Award-Gewinner. Obendruff Schallplatten in Gold und Platin, dazu eine Bestseller-Autobiografie.

Bisschen chillen, bisschen kiffen, bisschen Sex

Das erscheint auf den ersten Blick spektakulär, ist es auf den zweiten aber gar nicht mal so: Der Gymnasiast und Vorzeigelehrling Bushido hat kontinuierlich Musik gemacht, Fans gewonnen und sich den Durchbruch redlich erarbeitet. In seinem Buch liest sich der Karriereweg entsprechend nüchtern: Nach sechs Studioalben hat Bushido halt einen irren Haufen Geld verdient. Sonst hat sich nicht viel geändert, er selbst schon gar nicht. Der teilt die Welt weiterhin in Atzen und Opfer ein.

Weil Bushidos Geschichte nicht zum Entwicklungsroman taugt, haben Eichinger (Drehbuch) und Edel (Regie) jetzt versucht, daraus ein Familiendrama zu machen. Zentrales Thema soll die Versöhnung mit dem gewalttätigen Vater sein. Doch das scheint den Film-Bushido, der ab 20 Jahren von ihm selbst gespielt wird, nicht besonders umzutreiben. Er will, wie er etwa vorm Jugendrichter sagt, am liebsten gar nichts machen. Bisschen chillen, bisschen kiffen, bisschen Sex. Nicht die beste Voraussetzung also, ihn zu einem Filmhelden aufzumotzen. Aber dann kommt der 11. September 2001, und Bushido findet zur Musik: Plötzlich ist der Ehrgeiz geweckt, und die Reime fließen. Kein Witz! Und irgendwie doch einer.

Was Bushido im wahren Leben trotzdem zu einer interessanten Figur macht, ist sein Talent, eine genaue Balance zwischen Rüpel-Image und Massen-Appeal zu wahren. Er kann gegen Schwule hetzen und gleichzeitig Schönwetter bei Kerner machen, ohne dass sich Fans und Medien fragen, ob wirklich beides geht: Gangster und Talkshownase.

Omi mit Pocahontas-Perücke

Dieses seltsame Talent interessiert den Film aber nicht. Bushido wird komplett Talkshow-tauglich gemacht. Sein Frauenverschleiß, mit dem er im Buch angibt, kommt nicht mehr vor. Drogentrips und Schlägereien verschwinden ebenfalls unterm Teppich. Selbst das legendäre Krawall-Plattenlabel "Aggro Berlin" - im Film besonders szenefremd in "Hardcore" umbenannt - wird zu einer Kellerklitsche heruntergestuft.

Ohne Milieustudie und ohne Gespür für die Musik bleibt dem Film aber kaum etwas zu erzählen. Dabei, denkt man, kann es ja gar nicht so schwer sein, ein gutes Rapper-Biopic zu drehen: Einfach alles so wie Eminem in "8 Mile" machen. Aber dazu braucht man auch eine überzeugende ästhetische Vision, und die ist bei "Zeiten ändern dich" die von Fernsehfilmen aus den frühen Neunzigern. Die Farben sind blass, die Kameraführung und die Schnitte betulich. Das große Abschlusskonzert am Brandenburger Tor wirkt schließlich wie eine Mischung aus Scorpions-Konzert und "Wetten, dass...?"-Außenwette: Familienunterhaltung der ödesten Sorte.

Hinzu kommt eine Besetzung, wie man sie eher von Dieter-Wedel-Filmen kennt: Katja Flint und Uwe Ochsenknecht spielen die schnöseligen Eltern von Bushidos großer Liebe Selina (Karoline Schuch), in Nebenrollen tauchen Moritz Bleibtreu und Martin Semmelrogge auf. Besonders unglücklich erscheint das Casting von Hannelore Elsner als Bushidos Mutter: Die 67-Jährige übertrifft das Rollenalter mindestens um zwanzig Jahre und kommt wie eine Omi mit Pocahontas-Perücke daher.

Hasch und arabische Wurzeln

Elyas M'Barek ("Türkisch für Anfänger") hingegen macht seine Sache als Teenager-Bushido ziemlich gut: Deutlich aufgepumpt und mit vorgezogenem Haaransatz spielt er den Gangster in spe fast zu detailreich. Weil ihm das Drehbuch keine wirkliche Filmfigur bietet, in die er sich hineinfinden kann, bleibt ihm aber auch wenig mehr als die Bushido-Imitation. Wenn er in einem der hanebüchenen Dialoge seiner Mutter erklären muss, warum sie ihm Geld für einen Drogendeal leihen muss und was das mit seinen arabischen Wurzeln zu tun hat, scheint M'Barek an den hölzernen Sätzen im Stillen selbst zu verzweifeln.

Um den Quatsch mit Soße glaubhaft herüberzubringen, braucht es schon den echten Bushido - und der kriegt das in den Spielszenen sogar ordentlich hin. Sobald er jedoch aus dem Off seine eigenen Gedanken und Handlungen erklärt, schmiert der Film ab: Einen ungelenkeren Sprecher hätte man kaum finden können. "Sendung mit der Maus" goes Problemkiez.

Ein Gutes könnte "Zeiten ändern dich" dennoch bringen: Nach diesem peinlichen Auftritt könnte für Bushido doppelt Schluss sein - sowohl mit Gangster als auch mit Talkshownase.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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1. epilog
join3 03.02.2010
möge der epilog des artikels sich bewahrheiten - dem himmel sei dank für jeden verschwundenen dreistphon dieser machart.
2. Nicht überzeugend
shatreng 03.02.2010
Ich habe bis jetzt nur den Trailer zu dem Film gesehen und sowohl den Regisseur, als auch Bushido bei Stefan Raab. Der Film hat auf mich keinen guten Eindruck gemacht,weil Bushido einfach nicht schauspielern kann, sondern für mich einfach nur lächerlich rüberkommt :S Da hat Eminem in 8 Mile schon eine viel bessere Figur gemacht. Nach Der Untergang und Der Baader Meinhoff Komplex, die mich zumindest unterhalten haben, wird das ein Reinfall. Finanziell natürlich nicht, es gibt ja genug pubertierende Anhänger, die sich einen Film mit ihrem Idol nicht entgehen lassen werden.
3.
quone, 03.02.2010
Zitat von sysopVon wegen Bürgerschreck: In der Verfilmung seines Lebens "Zeiten ändern dich" müht sich der Skandalrapper Bushido als Filmheld ab. Durch hölzerne Dialoge und schlechtes Casting ist das stellenweise unfreiwillig komisch, meistens langweilig - und komplett Talkshow-tauglich. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,675528,00.html
Bushido ist ein gewalttätiger, frauenverachtender homophober Proll der ausserdem noch schlecht rappt und seine Musik erwiesenermassen zum Grossteil geklaut hat. Über so jemanden musste natürlich ein Film gemacht werden bevor die Karriere abrauchst
4. Verkommene Medien
terrencehill 03.02.2010
Dass so ein Film mit so einer Person als Hauptdarsteller überhaupt rauskommt, und dass der Spiegel sich mit so einen gefährlichen Unsinn überhaupt noch befasst - und somit auch noch Werbung macht - ist alles das Resultat unserer verkommenen Nachrichtenlandschaft. Verbrecher wie Bushido werden hier Gesellschaftsfähig gemacht. Das sind Leute über die man nicht fasziniert diskutieren sollte, man sollte sie nur so darstellen wie sie sind: als keine Bereicherung für diese Gesellschaft. Ich darf daran erinnern dass Bushido mal in einer "Akte 09" Folge den Sat1 Reporten drohte: “Ich fi… euch alle drei”, “Du weißt, dass ich solche Hurensöhne wie dich nicht zum ersten Mal sehe, OK?”, “Hättest du meine Mutter gesehen oder gefilmt, ich hätte deinen Kopf abgeschnitten.” Somit, ist meine ehrliche Meinung: Auch die Autoren hier die solche Menschen verhamlosen ekeln mich fast genauso an ,wie Menschen vom Schlage Bushido an sich
5. Isch mach disch Messa
Der Markt, 03.02.2010
Bushido, ha ha hahahah. Den Müll hören doch nur 13jährige Möchtergerngangster.
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"Zeiten ändern dich"

(D 2010)

Regie: Uli Edel

Buch: Bernd Eichinger

Darsteller: Bushido, Elyas M'Barek, Karoline Schuch, Moritz Bleibtreu

Produktion: Constantin Film

Länge: 94 Minuten

Start: 4. Februar 2010

Offizielle Website zum Film

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