"By the Sea" mit Brangelina Schöne Menschen, schlechter Sex

Die Regisseurin Angelina Jolie schickt in "By the Sea" zwei sexualneurotische Ehepaare ins Frankreich der Siebziger - und spielt selbst neben ihrem Ehemann Brad Pitt eine Hauptrolle. Erlesen fotografiert, aber grotesk unsexy.


Die erste halbe Stunde lang gleicht dieser Film einem Spaziergang durch einen schönen altmodischen Delikatessenladen. Man staunt: Fantastisch, was die alles von weither geholt und dann hier in einem französischen Badeort aufgefahren haben. Und so hübsch ausgeleuchtet!

Brad Pitts Achselhaar struppt sich wie das Gestrunk auf der Schale einer reifen Kokosnuss. Die Oberarme von Angelina Jolie sehen aus wie weiße Auberginenfrüchte. Der Bauchnabel von Melvil Poupaud erinnert an den Stielabriss einer prächtigen Pampelmuse. Und die Pobacken von Mélanie Laurent, die meist im weißen Höschen herumhüpft, lassen sich Kernobstsorten zuordnen.

"By the Sea" ist der dritte Kinospielfilm, in dem Angelina Jolie Regie führt. Angeblich geht es darin um Sex: ob man ihn hat oder nicht. Laurent und Poupaud spielen zwei junge heterosexuelle Menschen, die dauernd miteinander vögeln. Jolie und Pitt zwei ein bisschen ältere, seit 14 Jahren verheiratete heterosexuelle Menschen, die das fast nie mehr tun.

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"By the Sea": Wenn die Wimpern Trauer tragen

Ort der Handlung ist ein verwunschener Palast am Meer. Er steht inmitten einer Idylle aus den Siebzigern, die der Film genießerisch vorstellt. Man sieht ein apart angezogenes amerikanisches Paar in einem Citroën-Cabrio an Frankreichs sonnigster Steilküste entlangfahren: Der Mann ist Brad Pitt und trägt einen Pornoschnauzer im Gesicht und die Augenfalten eines Trinkers, die Frau ist Angelina Jolie und trägt Hut mit extrabreiter Krempe.

Die beiden gucken verdrossen drein und mieten sich in einem Hotel ein, das mehr eine verlassene Burg über dem Meer ist; kein Mensch scheint hier je die Gäste zu bedienen. Trotzdem bezieht nach ein paar Tagen ein junges französisches Paar, das natürlich auch nur scheinbar glücklich ist, das Nachbarzimmer der Amerikaner.

Es gibt in diesem Film keine aggressiven Sätze

Das Paarspiel könnte nun beginnen. Es gibt viele berühmte Ehepaarkrisenfilme, "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" mit Elizabeth Taylor und Robert Burton aus dem Jahr 1966 ist vermutlich der berühmteste. Nach einer Theaterstückvorlage des Dramatikers Edward Albee hacken darin vier verheiratete Menschen, zwei ältere und zwei jüngere, aufeinander ein. Mit Koseworten, kleinen Bosheiten, Brüll-Attacken, Sexgeständnissen und dreister Anmache wird unter Zuhilfenahme von Alkohol gekämpft, als ob es kein Morgen gäbe.

In "By the Sea" sind Jolie und Pitt erstaunlich gut darin, in ganz ähnlichen Posen verlottert und zornig und traurig dreinzublicken wie einst Taylor und Burton. Nur leider hat ihnen irgendwer den Ton abgedreht. Anders gesagt: es gibt in diesem Film keine aggressiven Sätze. Genaugenommen: überhaupt keine ernstzunehmenden Dialoge. Im gemeinsten Wortwechsel dieses zwei Stunden langen, aber nahezu stummen Dramas sagt er zu ihr: "Geh heute mal spazieren." Antwortet sie: "Trink heute mal nicht."

Nun ist Sprachlosigkeit zwischen verheirateten oder sonstwie liierten Menschen sicher ein großes Thema - und sieht oft blendend aus. Pitt gibt einen Schriftsteller, der das Schreiben verlernt hat und sich von früh bis spät an Whiskey- und Pastis-Gläsern festhält, während er in der Bar herumsitzt, mit dem Barmann albert, viele Zigaretten raucht und nahezu nichts in einen Notizblock kritzelt.

Jolie spielt eine ehemalige Tänzerin, die traurig die Wimpern flattern lässt, sich in teuren Schlafröcken im Hotelgestühl räkelt und Tabletten schluckt. Ihre berühmten Lippen schürzt sie ja schon seit vielen Jahren so, als wolle sie endlich mal "Bonjour" sagen. Hier sagt sie es tatsächlich. Natürlich zur Begrüßung des frischverheirateten Nachbarpärchens auf dem Hotelbalkon nebenan.

Glotzen, das die Libido ankurbelt

Von nun an wird gepeept: Durch ein verblüffend großes Loch in der Hotelzimmerwand, das sich etwa in Kniehöhe befindet, sehen die beiden Amerikaner den beiden Franzosen bald morgens, mittags und abends beim Liebesspiel zu - ohne je bei ihrem Spannerhobby ertappt zu werden. Dafür kurbelt der Voyeurismus die Libido der beiden Glotzer soweit an, dass der weitgehend angezogene Schriftsteller zur nackten Tanzveteranin in die Badewanne steigen darf.

Gern würde man sagen, dass der Reiz dieses Films wenigstens darin bestehe, dass er extrem schöne Menschen bei extrem gutem Sex zeigt. In Wahrheit ist das, was Jolies Kameramann Christian Berger ("Das weiße Band") mit sämtlichen seiner Protagonisten beim Vereinigungsbemühen veranstaltet, zwar erlesen fotografiert, aber grotesk unsexy.

"In der dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens", lautet ein berühmter Satz des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, dessen mondänes, in den Zwanzigerjahren an mediterranen Stränden zelebriertes Liebesunglück mit Gattin Zelda wohl als eines der Vorbilder von "By the Sea" diente. Bei Angelina Jolie blicken zwar ein paar Menschen zu allen Tages- und Nachtzeiten sehr traurig drein und enthüllen sogar ganz zuletzt noch ein Geheimnis, das nie eines war. Aber im leeren, sonnendurchfluteten Herzen dieses wunderhübschen Films ist es immer drei Uhr nachmittags.

Im Video: Der Trailer von "By the Sea"

By the Sea

USA 2015

Drehbuch und Regie: Angelina Jolie Pitt

Darsteller: Angelina Jolie Pitt, Brad Pitt, Mélanie Laurent, Melvil Poupaud, Niels Arestrup, Richard Bohringer, Marika Green, Sarah Naudi

Produktion: Universal Pictures, Plan B Entertainment

Verleih: Universal Pictures Germany

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 10. Dezember 2015

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
riedlinger 11.12.2015
1. Wer war Robert Burton?
Wer war Robert Burton?
bono24 11.12.2015
2. Richard Burton!!!
hieß der Schauspielkollege und Ehemann von Elisabeth Taylor.
eduard2 11.12.2015
3. äh
welche Villa am Drehort mieteten Brangelina für sich und die ganze Entourage? Das wär ja mal interessant. Das wichtigste wird hier mal wieder ausgeblendet :-(
h.hass 12.12.2015
4.
Zitat von bono24hieß der Schauspielkollege und Ehemann von Elisabeth Taylor.
Kann sein, dass er auch die geheiratet hat. Auf jeden Fall war er zweimal mit Elizabeth Taylor verehelicht. Oder war Robert Burton mit Elisabeth Taylor verheiratet? Wie dem auch sei, die Regisseurin Jolie will mit ihrem Film offenbar das französische Problemkino der 70er Jahre heraufbeschwören, wo entfremdete Paare triste Beziehungsgespräche führen. Dass das viele Leute sehen wohl, ist unwahrscheinlich. Aber Jolie hat so viel Geld, dass sie problemlos noch zehn weitere Filme dieser Art aus der Portokasse finanzieren kann.
El pato clavado 12.12.2015
5. Angelina Jolie
doppelt überschätzt, vom Publikum und von sich selbst.
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