Bye, bye, "Sopranos" Schwarz sehen und trauern

Zwischen Therapie und Auftragsmord: Tony Soprano ist der eigensinnigste Mafia-Boss der TV-Geschichte. Nun geht er mit seinem Jersey-Clan auch hierzulande in Rente. Doch keine Panik: Origineller Nachschub ist schon in Sicht.


Dann wird der Bildschirm einfach schwarz. Ein paar Sekunden nur, aber zu lang, um zur nächsten Szene zu blenden, schließlich mündet die Dunkelheit im Abspann. Mitten im größten Cliffhanger, den sich die "Sopranos" je geleistet haben. Eine Serie, die nie welche benötigte, weil sie einfach zu gut war. Stattdessen saß Tony am Ende einzelner Folgen mit FBI-Agenten bei Espresso und Sandwich zusammen oder mit Frau und Kindern unterm Weihnachtsbaum. Und nun wird der Bildschirm einfach schwarz.

Er hat sich richtig breitgemacht im globalen Fernsehgeschäft: James Gandolfini als TV-Mafioso Tony Soprano
AP

Er hat sich richtig breitgemacht im globalen Fernsehgeschäft: James Gandolfini als TV-Mafioso Tony Soprano

Das passt zur letzten, siebten Staffel der Serie (derzeit auf Premiere Serie oder DVD), denn sie ist die düsterste dieses fulminanten TV-Familienromans. Der Tod war schon immer allgegenwärtig bei den "Sopranos", doch diesmal schlägt er unerbittlicher zu denn je. Enge Weggefährten von Tony segnen das Zeitliche, die Fehde mit dem New Yorker Mob eskaliert und fordert zahlreiche Opfer, zudem sind Mafia-Bosse auch vor Krebs nicht gefeit.

Wer nicht stirbt, kämpft mit dem Verfall. "Ich bin alt", sagt Tony zu seiner Frau, als er bei einer Prügelei mit seinem Schwager den Kürzeren gezogen hat. Dennoch muss er sich um die Probleme seiner Familie selbst kümmern. Neffe Christopher dreht lieber Filme, als die Geschäfte zu übernehmen, Sohn A.J. verzweifelt am Leben, und Uncle Junior, der Tony in der vergangenen Staffel fast erschoss, kann sich nicht mehr an seinen Namen erinnern, als er im Altersheim Frieden mit ihm schließen will.

Also mordet Tony wieder. Geht zur Therapie, liebt seine Frau, treibt es mit einer Hure. Schlürft im Bademantel mit zersausten Haaren Espresso, um Stunden später im feinen Zwirn über Menschenleben zu entscheiden. Keine Figur der "Sopranos" war nur gut oder nur böse, die moralische Inkostistenz der Helden verlieh der Serie eine beispiellose Komplexität. Und James Gandolfini als Tony Soprano treibt dieses Spiel mit den Unwägbarkeiten des Menschlich-Allzumenschlichen in der letzten Staffel auf die Spitze. Zwischen charmantem Grinsen und dem nächsten Wutausbruch liegen oft nur Bruchteile von Sekunden.

Der Erfolg der "Sopranos" war ein Triumph des Fernsehens über das Kino. Früher wurde schlechten Kino-Regisseuren geraten, sie sollen es doch lieber beim Fernsehen versuchen, heute zieht es die Kino-Macher und -Darsteller auf die Mattscheibe. Erst vor kurzem beschwerte sich Michael Douglas darüber, dass in den vergangenen Jahren viel Kreativität vom Kino zum Fernsehen abgewandert sei und es deshalb immer schwieriger werde, gute Filme auf die Leinwand zu bringen.

Zeit für mehr Qualität

Wer einige frühere Filme von Gandolfini gesehen hat, wundert sich, in welch lächerlich kleinen Rollen ("Crimson Tide", "Get Shorty") er vor den "Sopranos" im Kino untergegangen ist. Das war auch neu bei Tony und seinen Kollegen: Keine TV-Serie war bis in die kleinste Nebenrolle so gut besetzt, entwickelte ihre Plots und Figuren mit derart literarischer Raffinesse. Kein Wunder, dass Dominic Chianese als Corrado "Junior" Soprano, Edie Falco als Carmela oder Vincent Curatola als Johnny "Sack" Sacramoni in den Heldenkanon des modernen Fernsehens gehören wie Ben Cartwright und J.R. Ewing.

Die Bezahlsender wie HBO hätten das Fernsehen revolutioniert, sagte David Simon, Erschaffer der Baltimore-Krimi-Saga "The Wire", in einem Interview. Statt Cliffhanger im Fünf-Minuten-Takt wegen der Werbepausen durften sich die Autoren plötzlich Zeit mit der Geschichte und den Personen lassen. Heraus kamen solche Meisterwerke wie die "Sopranos" oder die Bestatterserie "Six Feet Under". 21 Emmys und fünf Golden Globes heimsten Tony und Co. in ihren acht Sendejahren ein, das Finale sahen zwölf Millionen Zuschauer.

Die Einschaltquoten in Deutschland waren dagegen mau. Wer von Kindesbeinen an "Lindenstraße" oder "GZSZ" gewohnt ist, tut sich halt schwer mit neuer Kost. Vor allem, wenn sie erst mitten in der Nacht und dazu am Wochenende über den Bildschirm flimmert wie die "Sopranos". Vielleicht lag es aber auch ein wenig daran, dass die Sopranos so uramerikanisch waren wie Baseball oder Thanksgiving und sich Folklore-Traditionen nicht so schnell in fremde Kulturräume verpflanzen lassen.

Der nächste Killer ist schon auf dem Weg

Gibt es ein Leben nach den "Sopranos", werden sich Serienfans nun fragen? Die Antwort lautet: ja. "Six Feet Under"-Star Michael C. Hall geht im Frühjahr als Hobby-Serienkiller "Dexter" auf Sendung, um "den Müll von den Straßen Miamis zu entfernen", für den Comedy-Hit "My Name is Earl" um einen Underdog, der sein Leben mit Wiedergutmachungsaktionen verschlimmbessert, hat sich RTL schon die Rechte gesichert. Vielleicht finden sich auch noch für "Californication" mit David Duchovny als abgehalftertem Schriftsteller oder "Dirty Sexy Money" mit Peter Krause ("Six Feet Under") als Mädchen für alles im Dienst einer wohlhabenden Familie Abnehmer bei den TV-Sendern.

Bis dahin können die "Sopranos" nachwirken. Und beweisen, wie man im richtigen Moment den Abgang macht. Das kann ganz einfach sein: Bildschirm schwarz, Ton weg, Abspann.


DVD Die Sopranos, Staffel sechs, Teil zwei (Warner)



insgesamt 900 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jann, 13.04.2005
1.
Ich bin eigentlich kein Serienfreund bzw. ich gucke eigentlich fast nie Fernsehen. Die einzige Serie, die ich mir zur Zeit auf DVD reinziehe ist "24", so ziemlich das Beste was ich aus diesem Genre bisher gesehen habe. Klasse Konzept, superspannend und man kann einfach nicht aufhören zu gucken....Ich glaube, ich würde vergehen, wenn ich immer erst eine Woche warten müsste, bevor ich die nächste Folge sehen kann, von der Werbung dazwischen mal ganz abgesehen.. :-(
K.Schlüter, 13.04.2005
2.
---Zitat von sysop--- … Was halten Sie von den neuen Serien, hat Ihnen der Start der "Housewives" gefallen? Ist die Qualität der amerikanischen Serien generell besser geworden - oder zeigt sich an den aufwändig produzierten US-Formaten nur die Unzulänglichkeit deutscher Produktionen? ---Zitatende--- Die Verzweifelten Hausfrauen haben mir überhaupt nicht gefallen. Warum? Weil hier ein Verhalten dargestellt wird, das ich als infantil empfinde, Bsp: Ex-Bondgirl, Ex-Superman-Freundin Terri Hatcher, spielt eine erwachsene, hochattraktive Frau von Anfang 40 mit pubertierender Tochter, und alles, was ihr beim "Aufreissen" eines Klempners (wie hat der es in diese Nachbarschaft geschafft?) einfällt ist eine gestottertes "…*ich, äh, äh, …ich, äh…" So benehmen sich 14jährige Collegegirls in US-Serien.- Man könnte jetzt einen Diskurs über die Infantilisierung unserer Gesellschaft anfangen… aber vielleicht erschließt sich mir auch einfach nicht der Humor der Serie.- Zum Bsp CSI fällt mir nur ein: Der sog. production value ist geradezu ungeheuer! Da wird mal eben zur Illustration des Wortes "Blutgerinnungsfaktor" eine 3D Animation abgefackelt, die sich Hr Bublath nur 1x im Jahr vom zdf wünschen darf. Auch das Tempo der Dramaturgie muss positiv bemerkt werden - in der Zeit, in der ein deutscher Polizei Assi behäbig einen Wagen holt&aufschließt, zeigen US Serien gern schon mal den kompletten Tatablauf und reißen zwei vielversprechende Nebenstränge an. Deutsche Serien haben sich m.E. zu Tode gespart; die Sender wollen eine 1stündige Episode am Vorabend mit 12min Werbung nach 1xmaliger Ausstrahlung refinanzieren + ihre 18% Gewinn machen…- das KANN nicht gehen.- Und billig=schlecht. (ausgenommen vielleicht Ausnahmeformate wie Dittsche, die in der Herstellung vermutl. kein Vermögen kosten).
thadeus, 13.04.2005
3.
Deutsche Fernsehserien werden für deutsches Fernsehpublikum produziert – und da ist es allemal ratsam seicht und belanglos zu bleiben, niemanden zu kränken, ein gefälliges Ambiente zu zeigen (immer gut: Münchner Nobelvororte, der Schwarz- oder Bayerische Wald, gerne auch mal ein Kreuzfahrtschiff oder eine tropische Urlaubsinsel) und keine Konflikte über Eifersüchteleien hinaus zu thematisieren. Alternativ kann die Handlung aber auch auf ein Mindestmaß reduziert und ausschließlich Action gezeigt werden. Es ist bezeichnend, dass Volksmusiksendungen prozentual wohl den größten Anteil an der Samstagabend-Fernsehunterhaltung haben. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel. Mut zur Qualität zeigten in den USA wohl zuerst Sender wie HBO (Pay-TV) mit Produktionen wie Sex and the City, Band of Brothers, Six Feet Under aber auch mit noch nicht in Deutschland gezeigten Serien wie Carnivale. Und mittlerweile ziehen die werbefinanzierten Sender nach: Selbst „Durchschnittsproduktionen“ wie Joan of Arcadia (Teenie-Serie), Everwood (Familien-Drama), Battlestar Galactica (SF), um nur mal drei aus verschiedenen Genres zu nennen, zeichnen glaubhafte Charaktere mit Ecken und Kanten, besitzen eine tiefer gehende Storyline und bieten – nicht zuletzt – auch eine adäquate schauspielerische Leistung (wohlgemerkt: für eine TV-Serie). Und haben Erfolg (in den USA). Das Risiko des Scheiterns mit Serien abseits der üblichen Pfade ist den hiesigen Privatsendern wohl zu groß und die öffentlich-rechtlichen wollen sich das Stammpublikum (60+) nicht vergraulen. Wurde eigentlich Six Feet Under von einem Sender der zweiten Garnitur zu später Stunde gezeigt, weil man sich nicht traute den wertvollen Sendeplatz mit Qualitäts-Unterhaltung zu füllen oder wollte man uns Themen wie Tod und (Homo)sexualität nicht in einer TV-Serie zur besten Sendezeit zumuten? Alles in allem glaube ich nicht, dass deutsche und US-amerikanische TV-Produktionen (die besseren) in einer Liga spielen – es handelt sich schlichtweg um unterschiedliche Sportarten!
Kidyoh, 13.04.2005
4. Housewives sind bieder, aber ...
---Zitat von sysop--- ... Was halten Sie von den neuen Serien, hat Ihnen der Start der "Housewives" gefallen? ... ---Zitatende--- Nein, die "Housewives" haben mir nicht gefallen. Das "subversive" an der Serie wurde in Vorberichten maßlos übertrieben. "Sex & the City" war die Clinton-Ära und die "Housewives" sind eben die Bush-Zeit. SATC war neu, anstößig und musste für's amerikanischen Free-TV komplett überarbeitet werden. DH kann Disney sonntags zur besten Sendezeit ausstrahlen und tut niemandem weh. Viel interessanter ist da "Lost". Zum einen führt es den selbstmördischen Sparzwang der deutschen Sender vor (siehe "Verschollen" bei RTL & einem vorherigen Beitrag) und ist zum anderen die Rückkehr der Serie mit fortlaufender Handlung (mal von 24 abgesehen), die ja gerade an die schreibenden TV-Macher hohe Ansprüche stellt. Leider versickern jährlich Millionen in Pfarrarsserien mit alternden Stars für alte Zuschauer (bei den öffentlich-rechtlichen). Gäbe es eine ausgeglichenere Verteilung des vorhanden Budget Mediabudget der Zuschauer, könnte es z. B. mehr und kreativere Pay-TV-Sender geben. Denn eigentlich gehört der werbefreien, gehobenen TV-Unterhaltung die Zukunft (siehe Sex & the City, Six Feet Under, Fat Actress). Danke:-)
Larry David, 13.04.2005
5.
Der Grund für das Scheitern vieler US-Serien ist doch häufig die Synchronisation. Insbesondere bei Comedy Serien, wie Friends, geht jeder Spaß an der Übersetzung und der Wahl dilettantischer Sprecher verloren. Einen guten Weg geht hier Premiere, die Serien kurz nach der US-Austrahlung im O-Ton senden. Amsonsten bleibt nur festzustellen, dass der deutsche Fernsehzuschauer eben das bekommt, was er verlangt und verdient. Das ist offenbar "Hinter Gittern", "Cobra 11" und das Musikantenstadl.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.