"C.R.A.Z.Y." Anarchie unterm Ahornblatt

Botschafter des neuen kanadischen Kinos: Jean-Marc Vallées mehrfach preisgekrönte Coming-of-Age-Geschichte "C.R.A.Z.Y." ist nicht nur kongenial erzählt, sie spiegelt auch die seit den siebziger Jahren währende Selbstfindung der kanadischen Nation wider.


Erinnerungen an die eigene Kindheit oszillieren meist zwischen verklärtem Schwärmen und akuter Scham. Unter letztere Kategorie fallen gerne die jeweiligen Moden, denen sich der experimentierfreudige Heranwachsende einst bereitwillig unterwarf. Rückblickend würde man natürlich gerne behaupten, nur alle anderen hätten furchtbare Platten gehört oder lächerliche Hosen getragen. Oder mit grauseligen Ausdrücken wie "crazy" der Begeisterung über eben diese Platten und Hosen Ausdruck verliehen.

Nun ist "crazy" ebenso wie "cool" ein längst aus der Jugendsprache verbanntes Unwort, das an Neonstirnbänder, hochgeschlagene Polohemdkragen und andere Verfehlungen der Achtziger erinnert. Eigentlich kein gutes Omen für "C.R.A.Z.Y." von Jean-Marc Vallée. Aber erstens ist der kanadische Kassenerfolg eine zeitlose und gänzlich unpeinliche Coming-of-Age-Geschichte, und zweitens ist der Titel genauer betrachtet ein Akronym, hinter dem sich fünf Namen verbergen: Christian, Raymond, Antoine, Zachary und Yvan. So heißen die Söhne von Gervais (Michel Côté) und Laurianne Beaulieu (Danielle Proulx).

Chronist des Familienlebens in der französischsprachigen Provinz Québec ist Zachary (Marc-André Grondin), der am Weihnachtsabend 1960 geboren wird und dem seine gläubige Mutter übersinnliche Heilkräfte attestiert. Der Vater hingegen hofft, dass sein heimlicher Lieblingssohn Eishockeyspieler, Schlagzeuger oder zumindest Frauenheld wird.

Auch Zachary schwankt als retrospektiver Erzähler zwischen Schwärmen und Schämen. Ein magischer Realismus durchzieht die Bilder von gemeinsamen Imbissbudenbesuchen mit dem bewunderten Vater, von quälend langen Gottesdiensten und ihrer wundersamen Abkürzung durch Intervention von ganz oben sowie vom alltäglichen Bruderkampf zwischen Zachary und Raymond, der sein aus der US-amerikanischen Popkultur importiertes Delinquentenimage auf Kosten Zacharys kultiviert.

Der bleibt in den mal berückenden, mal bizarren und meist hochkomischen Erinnerungsbildern trotz fast ständiger Anwesenheit lange Zeit der blinde Fleck. Denn obwohl Zachary seine Eltern nicht enttäuschen will, ist er ein Einzelgänger unter ungleichen Geschwistern und gerät mit zunehmendem Alter in immer heftigere Gefühlswirren. Was mit dem Kleinkinderwunsch nach einem Puppenwagen begann, mündet in den siebziger Jahren zu den Klängen von David Bowies "Space Oddity" in der hormonbeschleunigten Selbsterkenntnis: Er ist schwul.

Doch Homosexualität findet in der Familie Beaulieu allenfalls in achtlosen Beschimpfungen Platz, weshalb für Zachary ein befreiendes Coming Out unmöglich scheint. Zumindest warten zuvor etliche Lebensprüfungen auf die Beaulieus, inklusive einer ungewöhnlichen Wallfahrt Zacharys ins Gelobte Land. Die erotische Erfüllung, welche er auf den Spuren des Herrn findet, dürfte seiner Kirche indes ebenso missfallen wie der Da Vinci Code – nur ist es weitaus unterhaltsamer anzuschauen.

Durch fast drei Jahrzehnte begleitet Vallée sein Ensemble und setzt dem im Grunde höchst dramatischen Konflikt zwischen dem hitzköpfigem Gervais – von Michel Côté hinreißend als großherziger und -spuriger Chanson-Cowboy gespielt – und seinem vermeintlich verlorenen Sohn immer wieder Momente absurder Leichtfüßigkeit und inniger Vertrautheit entgegen. Dabei ist die hindernisreiche Emanzipation Zacharys für jeden gefühlsfähigen Zuschauer unmittelbar nachvollziehbar, wobei die bis ins letzte Schlaghosendetail liebevoll ausgestatte Identitätssuche nicht allein persönlicher Natur ist.

Denn für das heimatliche Publikum spiegelt der in Kanada mit allen verfügbaren Preisen ausgezeichnete Film obendrein eine entscheidende Phase der nationalen Geschichte wider: 1960, im Jahr von Zacharys Geburt, gewannen die Liberalen um René Lévesque die Wahlen und läuteten das Ende der erzkatholischen Duplessis-Ära in Québec ein. Die révolution tranquille weckte die Provinz aus dem konservativen Tiefschlaf, aber anders als etwa der messerscharfe Regie-Analytiker Denys Arcand ("Jésus de Montréal"; "Les Invasions barbares") inszeniert Jean-Marc Vallée die Zerreißprobe zwischen Religion und Revolte als versöhnliches Popmärchen. Zwar entdeckt der aufmerksame Zuschauer in Raymonds Zimmer ein Plakat der separatistischen Partí Quebecois, doch diesem Film geht es in jeder Szene um Wege zur Einigung.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur logisch, das "C.R.A.Z.Y." nicht nur beim Quebecer "Jutra"-Preis abräumte, sondern auch die gesamtkanadischen Genie Awards dominierte. Die Auseinandersetzung mit der Kluft, die sich in verschiedenster Form – geografisch, sprachlich, politisch und psychologisch – durch das immer noch im Werden begriffene kanadische Selbstverständnis zieht, hat das aufregende Kino des jungen Landes gerade in den letzen 20 Jahren beflügelt.

Im Gegensatz zur momentan allgegenwärtigen Popszene Kanadas, die im Übrigen lange vor der Entdeckung von Arcade Fire und Broken Social Scene großartig war und auch nicht bei den drei bis fünf hierzulande präsenten Bands endet, harren die Filme von Künstlern wie Lynne Stopkewich, Denis Villeneuve, Léa Pool, Clement Virgo, Denis Chouinard und Scott Smith noch ihrer Entdeckung in Übersee.

Seine durchdringende Liebe zu den Figuren und nicht zuletzt der universelle Popappeal machen "C.R.A.Z.Y." daher zu einem idealen, weil konsensfähigen Botschafter des kanadischen Kinos. Und Jean-Marc Vallées Film beweist seine Sensibilität für diesen besonderen Teil Nordamerikas, indem er schmachtende Countryballaden ganz einträchtig neben Chansons von Charles Aznavour existieren lässt. Und wenn hier Patsy Cline "Crazy" singt, dann klingt das nicht nur herzzerreißend richtig, sondern nachgerade cool.



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