Von Jörg Schöning
Wie sollen sie denn nun aussehen, seine Gefolgsleute? Fett? Füllig? Korpulent? Im englischen Original fordert Shakespeares Julius Cäsar schlicht Männer "that are fat". In der deutschen Übersetzung aus dem 18. Jahrhundert sagt er vornehmer: "Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein." Im Reclam-Heftchen will Cäsar dann "Männer, die dick sind". Und die DTV-Ausgabe geht ganz auf sicher, dort verlangt er nach "Männern, die dick und fett sind". Eine weitere Variante wären natürlich "schwere Jungs" - und genau dafür haben sich die italienischen Filmemacher-Brüder Taviani entschieden.
Die Tavianis haben ihren Film "Cäsar muss sterben" im Knast gedreht, im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Rebibbia in Rom - über Insassen, die den Shakespeare-Klassiker "Julius Cäsar" inszenieren. Dafür haben sie Anfang des Jahres bei der Berlinale den Goldenen Bären erhalten. Jetzt läuft der Film auch in Deutschland an.
Der nicht unumstrittenen Berlinale-Entscheidung verdanken Paolo und Vittorio Taviani, 81 und 83 Jahre alt, im 50. Jahr ihrer gemeinsamen Regisseurstätigkeit ein spätes Comeback. Ein Erfolg diesseits der Alpen gelang ihnen zuletzt vor 30 Jahren mit "Die Nacht von San Lorenzo". Bereits 1977 hatten sie sich mit dem sardischen Patriarchendrama "Padre Padrone" ("Mein Vater, mein Herr") als Autoren eines sozial engagierten Kinos profiliert.
Erst in der Zelle ist das Stück vorbei
Auch in "Padre Padrone" gibt es einen symbolischen Vatermord, genau wie bei Shakespeare ("Auch du, mein Sohn Brutus "). Nur fließt bei ihm tatsächlich Blut: Angeführt von Brutus, jenem "ehrenwerten Mann", meucheln Verschwörer den römischen Diktator. An dem politischen Drama, das dazu geführt hat und sich daran anschließt, zeigen sich die Tavianis in ihrem Film jedoch nicht interessiert. Sie konzentrieren sich auf die schauspielenden Schwerverbrecher, die wegen Mordes verurteilt wurden oder für Delikte der organisierten Kriminalität.
Mit den Häftlingen von Rebibbia arbeitet der Theaterregisseur Fabio Cavalli bereits seit zehn Jahren zusammen, es existieren richtige Ensembles, mehr als hundert Gefängnisinsassen hat er schon auf die Bühne geschickt - vor einem Publikum aus Strafgefangenen, Angehörigen oder einfach bloß Interessierten. Mehr als 20.000 Besucher waren es insgesamt. Solch eine Aufführung bildet auch den Rahmen des Films. Sie beginnt im Grunde mit den Kontrollen am Gefängnistor, dann füllt sich langsam der Saal, die Lichter erlöschen. Und mit dem Beifall ist sie nicht zu Ende. Erst wenn die Gefangenen in ihre Zellen zurückgekehrt und weggeschlossen sind, ist das Stück auch für sie aus.
Namen, Herkunft und Delikt der Darsteller erfährt man im Film bei einem Casting, in dem die kriminellen Bühnenaspiranten ihr Schauspiel-Talent unter Beweis stellen wollen; eine Situation, die zwangsläufig Verstellung und aufgesetztes Pathos verlangt - und leider zur Folge hat, dass man die Truppe erst einmal als Spielschar windiger Knastbrüder wahrnimmt.
Cavallis Proben und die Inszenierung zeigen die Tavianis dann in Schwarzweiß. Das verleiht dem Film etwas Dokumentarisches, aber ein Dokumentarfilm ist "Cäsar muss sterben" eben gerade nicht. Streng ist alles durchinszeniert: die Proben in der Gruppe, die Monologe in den Zellen. Selbst wenn sich die Mitwirkenden temperamentvoll an die Wäsche gehen, wirkt so eine Rangelei am Rande zur Schlägerei irgendwie kontrolliert. Die Drehorte sind für einen Knast erstaunlich abwechslungsreich, viele Einstellungen kunstvoll: Sie verwandeln noch die trostlosesten Gänge in eine Bühne, mit bewaffneten Wärtern als Statisten.
Dieser edlen Form liegt eine ethische Überzeugung zugrunde. Die Tavianis glauben an das Gute im Menschen und an dessen Veredelung durch die Kunst. Wenn man im Nachspann liest, dass aus entlassenen Strafgefangenen Buchautoren und Schauspieler wurden, möchte man ihrem Glauben gern folgen - jedenfalls bis zum Kinoausgang. Aus Kriminellen Kreative zu machen, ist bestimmt eine sinnvolle Sache. Ihnen zum Zweck des künstlerischen Reenactments eigener Taten eine Toga zu verpassen, aus der sie dann Dolche zücken, ist originell. Nur ist so ein "Julius Cäsar" in seiner räumlichen Begrenztheit und mit seiner begrenzten Aussagekraft fürs Kino dann doch nicht sehr ergiebig.
Das müssen auch die Tavianis irgendwann gespürt haben: Nur 76 Minuten dauert ihr Werk. Und besitzt damit alle Qualitäten eines anspruchsvollen Fernsehspiels. "Cäsar muss sterben" ist ein Gegenstück zum Bunga-Bunga-TV: seriös, sozialrelevant, bildungsträchtig. Ein ehrenwerter Film eben.
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