Kultur

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Liebesfilm "Call Me By Your Name"

Ich erinnere mich an alles

"Call Me By Your Name" ist ein neuer Liebesfilmklassiker: Wie sich zwei junge Männer im Sommer 1983 in der Lombardei ineinander verlieben, brennt sich mit einzigartiger Sinnlichkeit ins Gedächtnis ein.

Von

Donnerstag, 01.03.2018   15:48 Uhr

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Sechs Wochen lang ist der amerikanische Doktorand Oliver (Armie Hammer) zu Gast auf dem Anwesen seines Professors (Michael Stuhlbarg) in der Lombardei, um ihm bei Forschungsarbeiten behilflich zu sein. Am Anfang scheint sich die Zeit zu überschlagen. Wie hat sich Oliver so schnell einleben können, dass er die Einheimischen beim Namen kennt und von ihnen zum Kartenspiel eingeladen wird?

Vor allem Elio (Timothée Chalamet), den 17-jährigen Sohn von Professor Perlman, irritiert Olivers Verhalten. Es ärgert ihn sogar, wie sich der blendend aussehende Amerikaner kaum Zeit fürs Frühstück nimmt und nach einem hastig ausgelöffelten Ei schon wieder aufspringt, um sich mit einem "Later!" von seiner französisch-italienisch-amerikanischen Gastfamilie zu verabschieden und aufs Rad zu schwingen.

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Dann scheint sich die Zeit wieder zu dehnen und die Betriebsamkeit der ersten Tage, an denen Elio entweder ein Buch gelesen, klassische Musik transkribiert hat oder zum Schwimmen mit Freunden gefahren ist, weicht Stunden, die nur von Blicken erfüllt sind. Blicken auf Olivers breite Brust, auf der eine kleine Kette mit Davidstern baumelt. Auf seine Beine, die stets in knappen Shorts gekleidet sind. Und in seine blauen Augen, in denen trotz aller Lässigkeit immer wieder Unsicherheit aufblitzt.

Als diese Unsicherheit ausgeräumt ist und Berührungen, Küsse und Stöße klar gemacht haben, was zwischen Elio und Oliver ist, beginnt die Zeit wieder zu rasen. Am Ende flüstert Oliver: "Ich erinnere mich an alles."

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Es gibt so vieles an "Call Me By Your Name" zu lieben, dass selbst so etwas Besonderes wie die Fähigkeit des Films, das unzuverlässige Zeitgefühl eines Sommers einzufangen, nur eine Qualität von unzähligen ist. Ich weiß nicht, wann mich eine Liebesgeschichte das letzte Mal so mitgerissen hat, vielleicht habe ich so etwas auch noch nie mit einem Film erlebt. In der Ich-Form über "Call Me By Your Name" zu schreiben, erscheint mir jedenfalls zwingend, denn der Film hat sich in seiner Sinnlichkeit so sehr in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich das Gefühl habe, den Sommer von Elio und Oliver selber erlebt zu haben. Auch ich erinnere mich an alles.

Wunschträume erfüllen sich

Wie Regisseur Luca Guadagnino das geschafft hat, erscheint mir einigermaßen offensichtlich: Ein schöneres Ferienhaus als das der Familie Perlman könnte ich mir kaum ausmalen. Überall Bücher, alte Möbel und vor dem Haus Aprikosenbäume, Pfirsiche, Granatäpfel. In der Nähe ein Fluss, in dem man baden kann. Eine Haushälterin, die die Wäsche macht und Ravioli mit den Händen formt. Eltern, die ebenso einfühlsam wie stilvoll und gebildet sind. Ein Soundtrack mit Bach, Sufjan Stevens und den Psychedelic Furs. Zwei hochattraktive Hauptdarsteller, die die meiste Zeit in Badekleidung zu sehen sind. Eigentlich lässt Guadagnino keinen mitteleuropäischen, bildungsbürgerlichen Wunschtraum vom perfekten Sommer - zumal dem der ersten Liebe - unerfüllt.

Wie er das zu einem Film zusammenfügt, fühlt sich trotzdem nicht kalkuliert an. Wahrscheinlich weil es sich eben doch nicht nahtlos zusammenfügt. Denn da sind auch die Szene, in der Elios Mutter (Amira Casar) ein deutsches Märchen vorliest, der Besuch eines älteren schwulen Pärchens, ein Kameraschwenk aus dem Haus raus auf rauschende Blätter in der Nacht, aufgeregte Streitereien über den neuen Ministerpräsidenten Bettino Craxi, die Szene mit dem Pfirsich, aus dem Sperma tropft.


"Call Me By Your Name"
Italien/Frankreich/Brasilien/USA 2017
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: James Ivory nach dem Roman von André Aciman
Darsteller: Timothée Chalamet, Armie Hammer, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel
Produktion: Frenesy Film Company, La Cinéfacture, RT Features et al.
Verleih: Sony Pictures
Länge: 132 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 1. März 2018


Drehbuchautor James Ivory hat die Handlung der Romanvorlage von André Aciman (auf deutsch unter dem Titel "Ruf mich bei deinem Namen" 2008 erschienen) von 1988 ins Jahr 1983 vorverlegt. Außerdem hat er die Geschichte deutlich gestrafft, die Rahmenhandlung abgeschafft und Figuren sowohl gestrichen als auch zusammengelegt. Dennoch ist der Film nicht dicht und effizient, sondern durchlässig und flirrend geworden. Nicht alles hat hier mit der Liebesgeschichte zu tun, aber alles mit dem Leben.

Dieser Naturalismus im Schreiben findet seine Entsprechung im Spiel von Timothée Chalamet. Armie Hammer muss mit seinen "movie star looks", wie es im Film selber heißt, und seiner Bass-Stimme die Aufmerksamkeit und das Begehren auf sich ziehen, damit das Liebesgeschehen in Gang kommen kann. Doch Chalamet ist es, der einen das Ziehende und Zerrende dieses Begehrens unmittelbar miterleben lässt.

Kleinste Regungen

Kleinste Regungen - eine gerunzelte Stirn, zuckende Schultern - drücken aus, was Oliver in Elio auslöst. Im einen Moment scheint ihn das heillos zu überfordern, im nächsten fängt er sich wieder ein und kaspert wie der lässige Teenager herum, der er bis zu diesem Sommer hauptsächlich gewesen ist. Klar, das ist Schauspiel, aber eines, das in seiner Natürlichkeit seines Gleichen sucht.

Bei den Oscars, die am Sonntag verliehen werden, ist Chalamet als bester Hauptdarsteller nominiert. Außerdem ist "Call Me By Your Name" unter den Kandidaten für den besten Film, das beste adaptierte Drehbuch und den besten Song (Sufjan Stevens, "Mystery of Love"). Wenn man die Oscars ernst nimmt und sie als Auszeichnung für die besten Filme des Jahres begreift, gehört "Call Me By Your Name" unbedingt in die Riege der Preisträger.

Mir persönlich könnten die Auszeichnungen in diesem Fall nicht gleichgültiger sein. Was der Film mir geschenkt hat, lässt sich nicht in Preisen ausdrücken. Es ist die Erinnerung an den perfekten Sommer, den ich nie erlebt habe, nun aber doch erlebt habe. Im Kino.

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