Luca Guadagnino im Interview "Ich will verführen und dann verlassen"

Luca Guadagninos Liebesfilm "Call Me By Your Name" ist für den besten Film bei den Oscars nominiert. Im Interview spricht er über das Begehren und warum er alle seine Schauspieler sexuell begehren muss.

Szene aus "Call Me By Your Name"
Sony Pictures

Szene aus "Call Me By Your Name"

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    Luca Guadagnino, Jahrgang 1971, ist in Palermo geboren und wuchs in Äthiopien auf. Seinen Durchbruch hatte der italienische Regisseur 2005 mit "I Am Love". Sein Film "Call Me By Your Name" ist für vier Oscars nomniert, u.a. für den besten Film. Guadagninos nächstes Projekt ist das Remake des Horroklassikers "Suspiria" von Dario Argento.

SPIEGEL ONLINE: Herr Guadagnino, in Ihren Filmen "I Am Love", "A Bigger Splash" und nun "Call Me By Your Name" (Lesen Sie hier die ausführliche Kritik) finden sich einige Ähnlichkeiten, zum Beispiel das Thema Begehren. Was reizt Sie daran?

Guadagnino: "I Am Love" ist ein Film über das Begehren als Kraft, die alles zerstört. "A Bigger Splash" verhandelt das Begehren, das sich mit der Nostalgie konfrontiert. "Call Me By Your Name" verhandelt die Dynamik des Begehrens, die sich in allen Formen zeigt. Es gibt es keinen Konflikt, keinen Kontrast, keinen Antagonismus. Es ist in einer Art Energie eingebunden, die alle glücklich und gütig macht.

SPIEGEL ONLINE: "Call Me By Your Name" ist eine Romanverfilmung des gleichnamigen Buches von André Aciman. In dem Buch bekommen die Leserinnen und Leser Einblick in die Gefühlswelt des 17-Jährigen Ich-Erzählers Elio, der sich in einen anderen Mann verliebt war. War die filmische Übersetzung schwierig für Sie?

Guadagnino: Die Art des Schreibens von Aciman mit dem Ich-Erzähler konnte nicht die Art der Erzählung des Filmes werden. Ich finde es unerträglich, die Stimme des Ich-Erzählers in einem Film zu hören, weil es Ambiguitäten wegwischt. Aber die Ambiguität ist in meiner Arbeit sehr willkommen.

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"Call Me By Your Name": Das Rätsel der Liebe

SPIEGEL ONLINE: Zwei Männer verlieben sich in "Call Me By Your Name" und Ihr Film wird sofort politisch gelesen. Verweigern Sie sich den Labels?

Guadagnino: Im Sinne von "Gay Movie"?

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel, ja.

Guadagnino: Das interessiert mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Auch das Nicht-Vorhandensein von expliziten Sexszenen sorgte für Diskussionen.

Guadagnino: Der Film verhandelt nicht eine sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts, sondern wie man sich selbst entdeckt. Es war also wichtiger, Intimität als expliziten Sex zu zeigen. Sollte ich jemals eine Verfilmung der "Buddenbrooks" von Thomas Mann machen, dann würde eine explizite Sexszene einfügen.

SPIEGEL ONLINE: An welcher Stelle genau?

Guadagnino: Die Liebesnacht zwischen Gerda und dem Senator Buddenbrook, wenn sie den kleinen, neuen Hanno Buddenbrook zeugen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso gerade da?

Guadagnino: Weil es etwas mit der Saat einer neuen Generation zu tun hat, die die Familie vor der Dekadenz retten muss. Deswegen würde ich da vielleicht einen Penis und eine Vagina zeigen. Aber das wäre eben kein Film über Sex oder das Begehren, sondern über einen großartigen Roman des 19. Jahrhunderts, der von der Aristokratie handelt.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie Ihren Film als prüde im Umgang mit sexuellen Szenen beschreiben?

Guadagnino: Das ist er überhaupt nicht. Es gibt ja auch die Szene, in der Armie Hammer sich Sperma von Brust mit seinem Hemd wegwischt. Mein Film ist nicht genital, aber es gibt auch keine Notwendigkeit dafür.

SPIEGEL ONLINE: Vom Sex zur Musik: Der Sänger Sufjan Stevens hat extra für "Call Me By Your Name" zwei Lieder beigesteuert. Warum gerade er?

Guadagnino: Weil ich ihn sehr verehre. Ich wollte keine Erzählerstimme haben, aber eine kognitive Substanz, die den Film aufwühlt. Und ich wollte, dass diese Substanz nicht aus der Narration entspringt, wie zum Beispiel Elios Musik am Klavier oder die Popmusik im Film.

SPIEGEL ONLINE: Suchen Sie immer selbst die Musik für Ihre Filme aus?

Guadagnino: Ja, zusammen mit meinem Cutter und meinem Musical Advisor. Das Kino ist eine kollektive Arbeit. Der Regisseur hat die Aufgabe der Hebamme. Er muss dafür sorgen, dass der Film das Licht erblickt und stark und robust ist. Zu glauben, der Regisseur sei eine Art Diktator, ist eine dumme Idee. Im Gegenteil, er muss Therapeut sein, eine Gouvernante und hat noch viele weiter Rollen.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten Sie so auch mit Ihren Schauspielerinnen und Schauspielern?

Guadagnino: Den Schauspieler will ich immer zu verstehen geben, dass ich sie liebe, und dass ich Liebe mit ihnen machen will.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist auch Ihr Kriterium für Ihre Casting?

Guadagnino: Ich könnte niemals mit einem Schauspieler oder einer Schauspielerin arbeiten, die ich nicht sexuell begehre.

SPIEGEL ONLINE: Was gibt ihnen das?

Guadagnino: Mir gibt das den Stoß, mit ihnen zu sein, sie zu verführen, um sie dann zu verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Naja, mit einigen haben Sie ja schon ein paar Mal zusammengearbeitet, wie mit Tilda Swinton.

Guadagnino : Nachdem man beim Drehen eines Filmes gemeinsam viel Liebe gemacht hat, wird man zum Familienmitglied - und dann wird was ganz Anderes daraus.

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