Filmfestspiele von Cannes: Das Testosteron-Armageddon
Kann die männliche Spezies einpacken? Bei den Filmfestspielen von Cannes dominierten die Männer diesmal nur hinter der Kamera. Doch ihre Helden gaben ein jämmerliches Bild ab - zu eitel, zu langweilig, zu impotent. Nur ein Altmeister konnte als Bannerträger des ramponierten Geschlechts überzeugen.
In den Tagen vor dem Festival von Cannes gab es nur ein Thema: Wo bleiben die Frauen? Von den 22 Filmen, die Festivalchef Thierry Frémaux in seinen Wettbewerb geladen hatte, stammte kein einziger von einer Regisseurin. Nun geht das Festival zu Ende, und es gibt nur noch eine Frage: Haben Männer noch eine Zukunft?
Cannes war in diesem Jahr ein einziges Schlachtfest männlicher Selbstzerfleischung. So viele dumme, dumpfe und schlappe Helden sah man noch nie an der Croisette. Ein Vollpfosten nach dem anderen wurde ungespitzt in den Boden gerammt. Ein neapolitanischer Fischhändler grinste zwei Stunden lang debil in die Kamera, weil er von dem Gedanken beseelt war, in einen Big-Brother-Container zu kommen (in "Reality" von Matteo Garrone); minderbemittelte amerikanische Kleinkriminelle wollten ein Pokerturnier überfallen, wirkten mit gelben Gummihandschuhen aber eher wie eine verirrte Putzkolonne (in "Killing Them Softly" von Andrew Dominik); minderbemittelte schottische Kleinkriminelle klauten sündhaft teuren Whisky, zerdepperten beim Abtransport aber ungeschickt die Flaschen (in "The Angels' Share" von Ken Loach).
Mal schlugen sich die Männer in diesem Jahr mit bloßen Fäusten die Köpfe ein, dann liefen sie blindlings wie Lemminge in ein Sperrfeuer. Sie waren bisweilen schon mit der Aufgabe überfordert, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Nun kann man natürlich erwidern: Männer müssen nicht immer schlau sein, sie haben ja auch andere Qualitäten. Was man nicht im Kopf hat, muss man eben in der Hose haben. In Ulrich Seidls Film "Paradies: Liebe" versuchen vier muntere Damen mit allen Tricks, einen Stripper zur Erektion zu bringen. Vergebliche Liebesmüh.
Bitte lasst ein Handy klingeln!
Irgendwann fragten sich die männlichen Zuschauer im Palais de Festival bang: Sind wir die letzten unserer Art? Man wähnte sich ständig wie in einer jener TV-Dokumentationen, die einem erklären, warum die Dinosaurier zwangsläufig aussterben mussten. Ein Grund für den Exitus der Dinos könnte ein Überschuss männlicher Tiere gewesen sein, lautet eine Theorie. Das lässt sich auf Cannes leicht übertragen. Eine andere Theorie besagt, ein Klimawandel mit sinkenden Temperaturen und sehr viel Niederschlägen sei dafür verantwortlich gewesen. In diesem Jahr ging Cannes in unwetterartigem Regen unter.
Auch die Verarmung des Genpools durch Inzucht ist in Cannes ein Problem. David Cronenberg, im Wettbewerb mit seiner blutleeren, in prätentiösen Dialogen verendenden Don-DeLillo-Verfilmung "Cosmopolis" vertreten, durfte seinen Sohn Brandon mitnehmen, dessen Spielfilmdebüt "Antiviral" in der Nebenreihe "Un Certain Regard" lief und an die Frühwerke seines Vaters anschließt. Diese Reihe ist seit Jahren die Kaderschmiede für Wettbewerbs-Regisseure, man kann also die Uhr danach stellen, bis Brandon in Cannes das Erbe seines Vaters antreten kann.
Die Überalterung tut in Cannes ihr Übriges. Mit den Jahren werden die Ergüsse selten ergiebiger. Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami, 71, legte mit seinem Film "Like Someone to Love", in dem er von einen alternden japanischen Professor und einem jungen Escort Girl erzählt, ein Werk von so beschämender Dürftigkeit vor, dass man sich bei der Vorführung sehnlich wünschte, in Saal möge ein Handy klingeln, damit endlich mal etwas passiert. Egal, Kiarostami hätte auch zwei Stunden lang seine Zahnbürste filmen können und es dennoch in den Wettbewerb geschafft.
Der Genpool von Cannes verarmt
Auch gingen viel zu viele Filme in Cannes in die Breite, vor allem die Amerikaner. "Lawless" von John Hillcoat etwa ist bis in die kleinste Nebenrolle mit großen Namen besetzt, von Shia LaBeouf über Guy Pearce bis zu Tom Hardy. Doch natürlich heuert man keinen Star an, um ihn dann in die Ecke zu stellen. Jeder muss seinen großen Auftritt haben. Die Filme finden kein Zentrum mehr, weil sie nicht fokussieren können, sondern immer nervös nach allen Seiten blicken, voller Angst, jemanden zu übersehen. Es fehlt an Tempo und Beweglichkeit.
War es das also? Können wir einpacken? Oder gibt es noch Hoffnung für den männlichen Film? Ja! Aus dem Testosteron-Armageddon gingen ausgerechnet einer der ältesten Schauspieler, Jean-Louis Trintingnant, 81, und einer der ältesten Regisseure, Michael Haneke, 70, unbeschadet hervor. In Hanekes Film "Liebe" spielt Trintingnant einen treusorgenden, zartfühlenden, sehr starken und sehr mutigen Mann, der seiner Frau in den letzten Tagen ihres Lebens beisteht. Trintingnant muss den Preis für die beste männliche Darstellung erhalten - er ist der Bannerträger unseres Geschlechts.
Der alleinerziehende Vater in Jacques Audiards Liebesfilm "De Rouille et d'Os", gespielt von Matthias Schoenaerts, mag auf den ersten Blick roh und ungeschlacht wirken. Einmal prügelt er wie von Sinnen auf seinen kleinen Sohn ein. Doch er entwickelt im Laufe des Films eine große kreatürliche Einfühlsamkeit, als er auf eine junge Frau trifft, die bei einem Unfall beide Beine verloren hat (Marion Cotillard). Er wirkt sehr einfältig, aber er weiß, was Frauen wünschen, und das ist, wie wir alle wissen, eine ganze Menge. Man könnte auch sagen: die Weltformel.
Man musste aber bis zum letzten Wettbewerbsfilm warten, bis zu "Mud" von Jeff Nichols, um davon überzeugt zu sein, dass der Mann zu den nachwachsenden Rohstoffen gehört, die wir für unser Überleben brauchen. Der Film erzählt von zwei 14-jährigen Freunden, die im Mississippi-Delta aufwachsen und in ein Drama um Liebe, Verrat, Mord und Totschlag hineingezogen werden. Es ist eine moderne Tom-Sawyer-und-Huckleberry-Finn-Story, ein berührender und witziger Film über zwei Jungs, die sehr schnell im Kopf sind, die sehr große Herzen haben und ihre Beine in die Hände nehmen, wenn's drauf ankommt.
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