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Filmfestival-Zirkus: Vergesst Cannes, hier spielt das wahre Leben!

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Neue Dokumentarfilme: Von Gräueltaten und bösen Eltern Fotos
Berlinale

Wo laufen 2014 die spannendsten Filme? Wohl nicht im Wettbewerb von Cannes. Das Festival schert sich so gut wie gar nicht darum, wer derzeit am innovativsten ist - Filmemacher nämlich, die mit Realität und Fiktion spielen.

Da ist ja sogar das ZDF-Publikum jünger! Wenn man in diesen Tagen das Programm für die Filmfestspiele von Cannes durchgeht, springen einen die alten Männer an: David Cronenberg, 71. Ken Loach, 77. Jean-Luc Godard, 83. Mike Leigh, 71.

Nun ist Alter zwar nichts als eine Zahl, aber Zahlen scheinen die einzigen Dinge zu sein, an denen sich in der Filmbranche zurzeit Debatten entzünden: Die Menge der Sequels, Prequels und Reboots; die chinesischen Quoten für US-Filme; der Anteil von Regisseurinnen an den Wettbewerben der großen Festivals; die Explosion der Independent-Produktionen. Zwar lassen sich bei einem Kulturgut Inhalt und Produktionsbedingungen nie sauber getrennt voneinander betrachten, aber trotzdem: Wann hat es zuletzt eine intelligent und leidenschaftlich geführte Debatte über einen Film gegeben, die sich zuallererst an seinem Inhalt und seiner Machart entfacht hat?

Die einfache Antwort ist: Solche Debatten finden die ganze Zeit statt - nur eben nicht vornehmlich im Bereich des Spielfilms. Was den innovativen Umgang mit Themen, Protagonisten, Erzählperspektiven und Filmmaterial betrifft, hat der Dokumentarfilm die Fiktion längst ausgestochen. Drei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit:

  • In seinem mit Preisen überhäuften Film "The Act of Killing" lässt der US-amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer indonesische Massenmörder ihre Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung im Stile von Filmklassikern opulent nachstellen. Das erschütternde Ergebnis ist die zeitgleiche Verzerrung und Enttarnung der Verbrechen. Während "The Act of Killing" auf die Erzählungen der Täter konzentriert war (und dafür einige Kritik erfuhr), wird Oppenheimers nächster, in Postproduktion befindlicher Film "The Look of Silence" die Hinterbliebenen der Opfer im Mittelpunkt haben.

  • In "Stories We Tell" geht die kanadische Regisseurin und Schauspielerin Sarah Polley der Frage nach, wer ihr wahrer Vater ist und legt die Geschichte ihrer Familie als ein Konstrukt offen, dessen Gestalt sich ändert, je nachdem, wer gerade seine Geschichte erzählt. Ihre eigene Version bindet sie anhand nachgestellter Super-8-Bilder ein und macht so klar, dass auch sie nur eine Behelfslösung zu bieten hat.

  • Der kambodschanische Filmemacher Rithy Panh kombiniert in "The Missing Picture" (noch kein Deutschland-Start) Archivbilder von den Verbrechen des Khmer-Rouge-Regimes mit der Animation von Knetfiguren, um die vom Völkermord Ausgelöschten wieder sichtbar zu machen und die Lücken in der kambodschanischen Geschichte mit Bildern zu füllen.

Während "The Act of Killing" in diesem Jahr für den Dokumentar-Oscar nominiert war, gehörte "The Missing Picture" zu den Kandidaten für den Oscar für den besten fremdsprachigen Spielfilm - nur eines von vielen Zeichen dafür, wie sehr der dokumentarisch informierte Film bereits in den Hoheitsbereich der Fiktion vorgedrungen ist.

"Fiction Hunger" könnte man das in Anlehnung an David Shields nennen. Der US-amerikanischen Schriftsteller und Journalist hatte 2010 in seinem vielbeachteten Manifest "Reality Hunger" für eine Öffnung des literarischen Schreibens für dokumentarische und journalistische Ansätze plädiert. Unter umgekehrten Vorzeichen scheinen sich nun weltweit Dokumentarfilmmacherinnen und -macher sein Credo zu eigen zu machen und sich, um Shields zu paraphrasieren, immer größer werdende Brocken von Fiktion einzuverleiben.

Intim und ungeschützt

Das radikalste Beispiel für diese Art des genre bending startet gerade seine Kinoauswertung in Skandinavien und ist hoffentlich noch in diesem Jahr in den deutschen Kinos zu sehen: "The Reunion", die erste spielfilmlange Arbeit der Schwedin Anna Odell. Die Videokünstlerin stellt darin zunächst nach, wie sie bei einem Abitreffen ihre Mitschüler damit konfrontiert, wie sie unter deren Mobbing gelitten hat. Anschließend stellt sie nach, wie ihre Mitschüler auf ihre Filmversion der Ereignisse reagieren.

Kein Bild in dem Film ist im strengen Sinne dokumentarisch. Mehr noch, Odell spielt nicht einmal mit den Eventualitäten des Mockumentary, die Künstlichkeit der Bilder wird durch elegante Schnitte und perfekt gesetztes Licht ganz bewusst markiert. Dennoch wirkt Odells Reenactment ihrer mutmaßlichen Verletzungen so intim und ungeschützt wie ein Dokumentarfilm. Wo den Film also zuordnen? Auf den Filmfestspielen von Venedig, wo "The Reunion" den FIPRESCI-Preis gewann, wurde er 2013 als Spielfilm deklariert. In Cannes ist er nun für den Preis der Doc Alliance, dem Verbund der sieben größten europäischen Dokumentarfilmfestivals, nominiert.

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Festival-Jury 2014: Sie verteilen in Cannes die Preise

Die Annährung zwischen fiktionalen und dokumentarischen Erzählansätzen ist aber nicht vollkommen einseitig. Zwei der meistdiskutierten Spielfilme der letzten Zeit fallen ebenso durch ihre Genredurchlässigkeit auf: In seinem gefeierten Drama "Love Steaks" erzählt Jakob Lass eine fiktive Liebesgeschichte zwischen zwei Hotelangestellten im realen Setting eines Edelhotels an der Ostsee. "Die authentische Absurdität eines Dokumentarfilms" habe er mit der starken Narration eines Drehbuchfilms und der Frische und Spielfreude eines Improfilms verbinden wollen, erklärt Lass im selbstaufgesetzten "FOGMA"-Manifest.

Und auch Richard Linklaters Festivalliebling "Boyhood" gibt sich selbst den Authentizitätsstempel des Dokumentarischen, wenn er das Heranwachsen seiner Hauptfigur vom Grundschüler zum Erstsemester über den tatsächlichen Zeitraum einer Adoleszenz hinweg filmt.

Dass "Boyhood" seine Premiere auf dem Sundance-Festival 2014 feierte, ist insofern Zufall, weil Linklater seine Filme hier in der Regel zuerst zeigt. Doch es richtet den Blick auch auf ein Festival, bei dem Dokumentar- und Spielfilme seit jeher gleichberechtigt nebeneinander stehen und mit Preisen in ebenso vielen Kategorien gewürdigt werden - unter anderem werden auch die Regisseure von Dokumentarfilmen mit einem eigenen Preis ausgezeichnet, was deren Autorenstatus unterstreicht.

Von so einer Öffnung sind andere A-Festivals weit entfernt. Erst 2012 siegte mit "Cäser muss sterben" zum ersten Mal ein Doku-Drama bei der Berlinale, noch ein Jahr später ging der Goldene Löwe der Filmfestspiele von Venedig erstmalig an einen Dokumentarfilm ("Sacro GRA"). Auch in Cannes gewann bislang zur ein einziges Mal ein Dokumentarfilm den Hauptpreis: Michael Moore 2004 mit "Fahrenheit 9/11".

Zehn Jahre später wirkt das immer noch wie eine Anomalie, auch 2014 sind in Cannes die Dokumentarfilme außerhalb des Wettbewerbs programmiert: Sowohl Sergei Loznitsa ("Maidan") als auch das Autorenkollektiv von "Die Brücken von Sarajevo" (u.a. Godard, Ursula Meier, Cristi Puiu) zeigen ihre Filme außer Konkurrenz. Wie lang sich solche eine Starrheit noch halten kann, ist fraglich. Für ein Festival, das die Filmkunst in allen ihren Varianten zu würdigen versucht, ist sie heillos unzeitgemäß.

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1. L'image manquante
Guinan 13.05.2014
So ganz informiert scheint die Autorin nicht zu sein. "L'image manquante" (The missing picture) lief 2013 in Cannes im Certain Regard, der Nebenreihe des Wettbewerbs und hat diese Sektion gewonnen. Cannes würdigt solche Filme(macher) durchaus. Nur eben nicht unbedingt im Wettbewerb, wo man in der Tat viel zu häufig nicht an den "alten Freunden" vorbeiplanen mag. Dennoch freue ich mich auf die neuen Filme der Dardennes, von Ken Loach und Mike Leigh!
2. Hmmm
brnbngs 13.05.2014
So interessant – wie auch diskutierenswert – manche der angerissenen Punkte auch sind, beschleicht doch der Verdacht, ein eigentlich fertiger Artikel würde mit Gewalt in Richtung Aktualitätsbezug gedrängt. Abgesehen von Einleitung und Schluß wird der Vorwurf cineastischer Monokultur der A-Festivals (mit Cannes als aktuellem Bezug) mMn nicht wirklich herausgearbeitet. Gerade in Cannes, wo über zwei Wochen hinweg eben gerade das (Welt)kino abseits von Arthaus-Ghettos und Blockbuster-Multiplexen zelebriert wird wie kaum an einem anderen Ort, wirkt dieser Vorwurf, zumindest ohne ausführlichere Begründung, mMn schlicht haltlos. Vor allem, da das dokumentarische Kino sowie die am Rand zum Experimentellen verorteten Mischformen, von jeher ein Schattendasein führen. Der Mangel an breitem Publikumsinteresse an diesen Formaten und Stoffen – zuletzt bei der Kinoauswertung von „Act Of Killing“ gesehen – ist dabei wohl sehr viel ausschlaggebender als der vermutete Mangel an Mut bei der Festivalprogrammierung. Darüber, dass dabei zudem so verschiedene, in ihren Produktionsabläufen und -zeiträumen unvergleichbare Projekte über einen Kamm geschert werden, lässt sich da noch am Ehesten hinnehmen.
3. Missing Picture
yumyum 17.05.2014
Zitat von GuinanSo ganz informiert scheint die Autorin nicht zu sein. "L'image manquante" (The missing picture) lief 2013 in Cannes im Certain Regard, der Nebenreihe des Wettbewerbs und hat diese Sektion gewonnen. Cannes würdigt solche Filme(macher) durchaus. Nur eben nicht unbedingt im Wettbewerb, wo man in der Tat viel zu häufig nicht an den "alten Freunden" vorbeiplanen mag. Dennoch freue ich mich auf die neuen Filme der Dardennes, von Ken Loach und Mike Leigh!
Ergänzend zu dieser Feststellung: ...hatte der Film bereits einen Deutschlandstart. Im TV bei Arte. Zum Them alte Filmemacher: die Urgesteine des Dokumentarfilms Werner Herzog und Errol Morris haben "The Act Of Killing" produziert. Wahrscheinlich gibt es unter den jungen dynamischen Hochschulabgängern wenig bedarf gesellschaftsrelevante Stoffe aufzugreifen. Und wenn ich mir die Werke von Loach, Leigh oder den Dardennes anschaue, gilt das wohl auch auf fiktionaler Ebene.
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