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Cannes-Tagebuch: Der Eklat bleibt aus

Aus Cannes berichtet

Kein Eklat, trotz explizitem Sex: Gaspar Noés Cannes-Film "Love" Zur Großansicht
Cannes Film Festival

Kein Eklat, trotz explizitem Sex: Gaspar Noés Cannes-Film "Love"

Skandalfilmer Gaspar Noé zeigte an der Croisette seine explizite Sex-Studie "Love". Jacques Audiard bereicherte den Wettbewerb mit seinem Flüchtlingsdrama "Dheepan".

Wenn sonst nichts geht in Cannes: Sex geht immer. Nachdem Valérie Donzellis Inzestmärchen "Marguerite & Julien" am Montag empörend keusch geblieben war, wartete das nach deftigen Inszenierungen auf der Leinwand lechzende Festivalpublikum auf die Geisterstunde am Mittwochabend. Dann wollte Gaspar Noé, Frankreichs Skandalfilmer Nummer eins, sein neues, schlicht "Love" betiteltes Werk zeigen. Wer im Vorwege die pornografischen Poster und Pressehefte gesehen hatte, ahnte jedoch, dass es wohl vor allem um Sex gehen würde.

Massenweise drängelte sich das Festivalvolk zu nächtlicher Stunde in den Palais, beschallt von lasziven Disco-Klassikern wie "Love to Love You, Baby". Cannes braucht Skandale wie die Sonne über dem Jachthafen, und wenn Lars von Trier nun einmal gerade nicht verfügbar ist, dann muss eben Gaspar Noé für den nötigen Kitzel sorgen, diesmal allerdings außer Konkurrenz.

Der aus Argentinien stammende Regisseur und Autor spaltet die Crowd an der Côte d'Azur, schon seit er 1998 mit seinem wüsten Debüt "I Stand Alone" antrat. Eine brutal-ambivalente Vergewaltigungsszene in "Irréversible" sorgte 2002 für Kontroversen, und zuletzt schockierte Noé mit seinem streng subjektiv gefilmten Drogentrip "Enter the Void" (2009).

Und nun also "Love". Wie ein Rockstar wurde Noé bei seinem Einzug in den Palais begrüßt, am Ende des über zwei Stunden langen Films fiel der Applaus allerdings nüchterner aus. Denn Noé hatte aus dem in frivoler Erwartung aufgepumpten Eklat genüsslich die Luft herausgelassen. Schockierend an "Love" ist allerhöchstens die Tatsache, dass es keine Schauspieler zu geben scheint, die sich für echten Sex vor der Kamera hergeben und gleichzeitig gute Charaktermimen sind.

"Wir müssen uns beschützen": Karl Glusman und Aomi Muyock in "Love" Zur Großansicht
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"Wir müssen uns beschützen": Karl Glusman und Aomi Muyock in "Love"

Der immerhin sehr gut dargestellte Sex füllt fast die Hälfte des Films. Besonders die Szenen, die von den beiden Hauptdarstellern (US-Schauspieler Karl Glusman und die französische Newcomerin Aomi Muyock) mit berückender Intensität bestritten werden, gehören zu den ästhetischsten, die das Arthouse-Kino in jüngerer Zeit hervorgebracht hat - Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner "Blau ist eine warme Farbe" eingeschlossen. Die Dialogszenen fallen dahinter, inhaltlich wie darstellerisch, leider weit zurück.

Glusman spielt Murphy, einen Amerikaner, der in Paris Film studiert und hofft, irgendwann einen Film über "die Sentimentalität von Sex" in einer Liebesbeziehung zu drehen. Wie wichtig sexuelle Intimität und Kompatibilität für eine intensive Partnerschaft ist, lotet Noé mittels seines Film-Alter-Egos in jeder denkbaren Position aus. Pornografie ist das nicht, denn Noé, in seinem bisher zärtlichsten und gewaltlosesten Film, erhebt den Akt zum narrativen Element: Beim Sex offenbart sich die emotionale Verbindung zwischen Murphy und seiner amour fou namens Electra in den verschiedenen Stadien ihrer Beziehung.

Doch zunächst sieht man Murphy alles andere als enthusiasmiert: Am Neujahrsmorgen erwacht er vom Geschrei seines kleinen Sohnes, neben ihm liegt nicht Electra, sondern eine andere. Murphy ist verkatert, erfahren wir von seiner resignierten Stimme aus dem Off, er hasst sein Leben. Von hier an erzählt "Love" rückwärts, aber nicht immer chronologisch, die im Grunde banale, in Filmen wie "Betty Blue" oder "9 Songs" schon radikaler erzählte Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Liebe.

Das Liebesdreieck aus "Love" mit Glusman, Muyock und Klara Kristin Zur Großansicht
Cannes Film Festival

Das Liebesdreieck aus "Love" mit Glusman, Muyock und Klara Kristin

Denn die Mutter des Babys ist Omi (Klara Kristin), die ehemalige Nachbarin von Murphy und Electra. In einer tollen, elfminütigen Dreierszene wird sie zu Funkadelics P-Funk-Klassiker "Maggot Brain" vernascht. Murphy, wiewohl unsterblich in Electra verliebt, kann auch danach nicht die Finger von der Blonden lassen. Es platzt das Kondom, und alles ist perdu: Murphy's Law - dieser Witz liegt so auf der Hand, er wird sogar im Film gemacht.

Letztlich ist "Love" vor allem ein Film über Verhütungspflicht. Denn gleich mehrmals versichern sich Murphy und Electra, dass sie sich gegenseitig und natürlich vor allem ihre Intimität, beschützen müssen: "We must protect ourselves." Dass dann beim Seitensprung das Verhüterli versagt: ein fieser Wink des Schicksals. Daher ist die in Liebesdingen strenge Botschaft umso klarer: Besser gar nicht erst in Versuchung kommen! Diese überraschend konservative Haltung des Kino-Libertärs ist, wenn man so will, der eigentliche Eklat.

Noé selbst hatte für die Lust des Cannes-Publikums am Skandalon ein ganz eigenes "Fuck you!" parat: Nach zwei Dritteln seines in 3D gedrehten Films ejakuliert Murphys in Nahaufnahme riesenhafter Penis ausgiebig mitten in den Saal. Gaspar hat den größten, schon klar.

Wenn Sex abgehakt ist, was fehlt? Die Tagespolitik. Frankreichs Regie-Superstar und Cannes-Dauergast Jacques Audiard, der hier zuletzt für die Sozialdramen "Ein Prophet" und "Der Geschmack von Rost und Knochen" gefeiert wurde, zeigte im Wettbewerb seinen neuen "Dheepan".

Jesuthasan Antonythasan in der Titelrolle von "Dheepan" Zur Großansicht
Cannes Film Festival/ Paul Arnaud/ Why Not Productions

Jesuthasan Antonythasan in der Titelrolle von "Dheepan"

Das Thema könnte aktueller kaum sein: Die titelgebende Figur, ein Mann mittleren Alters, dessen Herkunft und Hintergrund zunächst unklar bleiben, flüchtet aus dem Bürgerkriegschaos Sri Lankas nach Frankreich. Unter seine Fittiche nimmt er eine junge Frau und ein kleines Mädchen. Weil die illegalen Pässe es so vorschreiben, müssen die drei Fremden eine Familie mimen.

In der Pariser Banlieue fangen sie ein neues Leben an, Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) wird Hausmeister in einem heruntergekommenen Sozialbaublock, seine vermeintliche Gattin Yalini (Kalieaswari Srinivasan), zu der er allmählich zärtliche Gefühle entwickelt, bekommt einen Job als Köchin und Haushälterin, will aber immer wieder nach England zu ihrer Cousine fliehen. Das elternlose Mädchen ergreift seine Chance, wird eingeschult und kann bald dolmetschen, wo ihre Zufallseltern nur Baguette verstehen.

Bis hierhin hat "Dheepan" alles, was einen weiteren Audiard-Triumph ausmachen könnte, die tristen Farben und Architekturen der Vororte, die Bandenkriege desillusionierter Migranten-Kids im Block, die sensibel beobachteten und berührend in Szene gesetzten Anpassungskämpfe und -krämpfe der drei Entwurzelten.

Scheinehe mit Dheepan: Kalieaswari Srinivasan als Flüchtling aus Sri Lanka Zur Großansicht
Cannes Film Festival/ Paul Arnaud/ Why Not Productions

Scheinehe mit Dheepan: Kalieaswari Srinivasan als Flüchtling aus Sri Lanka

Doch schnell stellt sich heraus, dass Gewalt und Willkür nicht nur im fernen Asien wüten, sondern auch hinter der Fassade europäischer Gesellschaften lauern. Dheepan legt sich mit dem perfide sanftmütigen Bandenchef Brahim (Vincent Rottiers) an und sieht sich gezwungen, Ehefrau und Kind gegen das repressive Regime des Sozialviertels zu verteidigen. Hilfreich (und überraschend für den Zuschauer): In Sri Lanka war er offenbar Mitglied der Rebellenmiliz Tamil Tigers. Wie Rambo schießt und prügelt sich der bullige, bis dato eher gutmütig-bärige Tamile durch Kugelhagel und ein vernebeltes Treppenhaus - der Kampf, einmal begonnen, wird nie enden.

Das wäre ein immerhin schlüssiges Ende für einen gelungenen Film, aber Audiard schließt sein Flüchtlingsmärchen mit einer versöhnlichen, geradezu irreal optimistischen Note. Das kommt beim normalen Kinopublikum vielleicht gut an, beim Festival, das sich gerne in Nihilismus suhlt, könnte es aber schwer werden.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Manchmal sind SpOn-Artikel sonderbar
NicksAlleVergeben 21.05.2015
---Zitat--- Bis hierhin hat "Dheepan" alles, was einen weiteren Audiard-Triumph ausmachen könnte, die tristen Farben und Architekturen der Vororte, die Bandenkriege desillusionierter Migranten-Kids im Block ---Zitatende--- Es ist ein Triumph, wenn man schlicht die Realität (trist, Bandenkriminalität von Migranten in den Vororten) abbildet? Kreativ ist es in jedem Fall nicht. Und was ist die Realität? Es wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass die Flüchtlinge, auch auf den Photos, tendenziell alleine reisende Männer sind, daher ist der Plot zwar nicht unwahrscheinlich, aber ein wenig konstruiert. Es wird dann großes Kino, wenn in großer Rächer-Rambo-Manier rumgeballert wird? Nee, dann wird es albern. Klingt nicht gut.
2. Also
derdesillusionierte 21.05.2015
A Prophet war ein genialer Film über Schuld die einen nicht loslässt und voll so tief empfundenem Nihilismus, dass einen der Film ratlos zurück ließ.
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