Cannes-Tagebuch Wenn Caine und Keitel über die Prostata plauschen

Endlich potenzielle Palmen-Gewinner: Mit Paolo Sorrentinos humorvoller Alters-Eloge "Youth" und Jia Zhangkes berührendem China-Panorama "Mountains May Depart" treten in Cannes zwei umstrittene Meisterwerke an.

Michael Caine und Harvey Keitel in "Youth":  Hin reißende Dialog-Duelle
Cannes Film Festival/ Gianni Fiorito

Michael Caine und Harvey Keitel in "Youth": Hinreißende Dialog-Duelle

Aus Cannes berichtet


Nach sieben Tage Festival liegen die Nerven blank: Bisher brachte der 68. Cannes-Jahrgang noch keinen eindeutigen Gewinnerfilm hervor, Schlafmangel und Reizüberflutung führten beim Kritikervolk in den vergangenen Tagen zu einer emotionalen Instabilität, die sich nach den Pressevorführungen immer wieder in Kakophonien aus gleichzeitigen Bravo- und Buhrufen entlud.

Das bisher heftigste Wechselbad der Gefühle musste am Mittwochmorgen Paolo Sorrentinos neuer Film "Youth" über sich ergehen lassen. Der italienische Regisseur, der mit dem Politiker-Porträt "Il Divo" bekannt wurde, ist die Ambivalenz des Fachpublikums gewohnt: Schon das Rockstar-Aussteigerdrama "Cheyenne - This Must Be The Place" sorgte 2011 für ebenso viel Lob wie Stirnrunzeln. Und selbst der inzwischen mit Golden Globe und Oscar ausgezeichnete "La Grande Bellezza" brachte 2013 nach seiner Premiere in Cannes viele zum Schwärmen, aber auch viele zum Würgen.

"Youth" bleibt dem Lieblingsthema Sorrentinos treu: Der Nabelschau berühmter Persönlichkeiten oder Lebemännern, die sich selbst, und damit die Mechanismen von Glamour und Geltung, hinterfragen. Sorrentino hat bei diesem Meta-Spiel über das verdorbene Dolce Vita längst einen eigenen Stil gefunden aus Pop-Zitaten, Ausbrüchen ins Magische oder Hyperreale - und einen milden, barmherzigen Humor, der die Filme nicht zu scharfen, verbitterten Abrechnungen, sondern zu schelmischen, sanft-elegischen Balladen werden lässt.

Kurgäste im Wettbewerbsfilm "Youth" von Paolo Sorrentino
Cannes Film Festival/ Gianni Fiorito

Kurgäste im Wettbewerbsfilm "Youth" von Paolo Sorrentino

Das Setting von "Youth", ein altertümliches Luxus-Sanatorium in den Schweizer Alpen, erinnert fast an einen Wes-Anderson-Film. Und ebenso illuster ist auch das Personal, mit dem Sorrentino es bevölkert: Michael Caine spielt den berühmten Klassik-Komponisten und -Dirigenten Fred Ballinger im Ruhestand, Harvey Keitel seinen besten Freund Mick Boyle, einen kultisch verehrten US-Regisseur, der seinen Urlaub im Berghotel dazu nutzt, mit einer Handvoll Jünger seinen letzten Film vorzubereiten.

Auf Spaziergängen unterhalten sich die beiden gewitzten, aber erschöpften Greise über alte Liebschaften und Prostata-Probleme und dringen im Verlauf einer skurril-turbulenten Handlung immer weiter durch die Barrieren ihrer Eitelkeiten zu ihren wahren Gefühlen und einstigen Sehnsüchten vor. "Youth" ist eine meisterliche, facettenreiche, nie moralisierende oder sentimentale Farce, die Michael Caines zu Beginn mit britisch steifer Oberlippe geäußerten Satz, Gefühle seien manchmal überbewertet, ad absurdum führt: Sie, nicht Karriere, Geltung und Ruhm, sind alles, was uns im Alter bleibt.

Rachel Weisz als Michael Caines Tochter in "Youth"
Cannes Film Festival/ Gianni Fiorito

Rachel Weisz als Michael Caines Tochter in "Youth"

Markante Gastauftritte gibt es von dem rumänischen Model Madalina Ghenea als verführerische Miss Universum, einem unfassbar fetten Diego Maradona, der britischen Popsängerin Paloma Faith, die Ballingers Tochter (Rachel Weisz) den Ehemann ausspannt. Paul Dano gibt als Hollywood-Star eine böse Johnny-Depp-Kopie, und schließlich tritt Jane Fonda als greise Diva auf, die so schonungslos wie spektakulär ihre Runzeln und Falten zur Schau stellt. Die wahren Stars aber bleiben Caine und Keitel, die sich als altersmilde Knacker einige hinreißende Dialogduelle liefern. Zumindest für einen Darstellerpreis des Festivals sollten sie sich damit positioniert haben.

Für die Auszeichnung als beste Darstellerin wiederum brachte sich am Dienstagabend Zhao Tao ins Gespräch. Sie spielt in Zhangke Jias Triptychon "Mountains May Depart" (Original: "Shan he gu ren", ebenfalls im Wettbewerb) die in der chinesischen Provinz lebende junge Lehrerein Tao, die in zwei Männer verliebt ist: den zu Erfolglosigkeit und einfachem Leben verdammten Kohlebergwerker Liangzi sowie den draufgängerischen Geschäftsmann Jenshing, der mit Handy und brandneuer VW-Limousine protzt.

Zhao Tao (rechts) in "Mountains May Depart" von Zhangke Jia
Cannes Film Festival

Zhao Tao (rechts) in "Mountains May Depart" von Zhangke Jia

Jias neuer Film, der erste seit seinem bildgewaltigen und gesellschaftskritischen "A Touch Of Sin", der 2013 in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen: Es beginnt mit einer lustigen Gruppentanzperformance zum Pet-Shop-Boys-Gassenhauer "Go West", die den Jahreswechsel 1999/2000 und Chinas Öffnung zum Westen einläutet. Tao entscheidet sich beim Tanz zu Technoklängen für den wohlhabenden, aber einfältigen Jinsheng und heiratet ihn.

Jia beginnt seinen Film im engen 1:33-Bildformat, das die Enge seiner eigenen Heimatstadt Fenyang spiegelt. Am Ende, als die Handlung sich nach Australien verlagert hat, nehmen jedoch Widescreen-Bilder die Leinwand ein, ohne sie unbedingt auszufüllen. Denn die Verheißung des Westens entpuppt sich als hohl: Aus dem Unternehmer Jinsheng, der sich in Abkehr von seinen chinesischen Wurzeln Peter nennt, aber kein Englisch spricht, ist ein verwirrter Waffennarr geworden. Sein halbwüchsiger Sohn Dollar (!) belegt Kurse, um Chinesisch und etwas über seine Heimat zu lernen. Aus diffuser Sehnsucht nach seiner in China verbliebenen Mutter Tao bändelt er mit seiner älteren Lehrerin an, die ihm rät, seine Mutter zu besuchen. Ob er es tun wird, lässt der Film jedoch offen.

Zhao Taos Spiel zwischen Aufbruch, Ernüchterung und Geworfenheit ins Ungewisse ist so bewegend wie Jias nachträgliche Umarmung seines Heimatlandes nach der bitteren Abrechnung "A Touch Of Sin". Die Ambivalenz, die der Filmemacher hier durchblicken lässt, macht "Mountains May Depart" zu seinem bisher persönlichsten und formal ambitioniertesten Film.

Vor allem aber der letzte, zum großen Teil auf Englisch und auf fremdem Terrain gedrehte Teil entgleitet ihm inszenatorisch immer wieder und flacht im Vergleich zu den ungleich stärkeren Anfangsepisoden deutlich ab. Auch das spricht inhaltlich vielleicht für sich, aber es sorgt auch dafür, dass "A Touch Of Sin" als wuchtigerer und ästhetisch homogenerer Film in Erinnerung bleibt.

Dafür gab es dann beim Cannes-Publikum "Meisterwerk!"-Rufe ebenso wie Schmonz-Schmähungen. Zusammen mit Todd Haynes' "Carol" und Sorrentinos "Youth" bildet "Mountains May Depart" jedoch allemal ein Trio potentieller Palmenkandidaten, auf die sich fast alle einigen können. Und naja, ein bisschen was kommt ja noch...

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