Cannes 2015 Wer überzeugte, wer enttäuschte

Matthew McConaughey kann auch danebengreifen - und ein schlechter Film aus Emily Blunt trotzdem einen Star machen. Ein Überblick über die schönsten Überraschungen und die größten Enttäuschungen der Filmfestspiele von Cannes 2015.

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Cate Blanchett in Todd Haynes' lesbischem Liebesdrama "Carol"
Cannes Film Festival

Cate Blanchett in Todd Haynes' lesbischem Liebesdrama "Carol"


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Zwei über allem Erhabene

Preis als beste Hauptdarstellerin: Rooney Mara (links) in "Carol" von Todd Haynes
Cannes Film Festival

Preis als beste Hauptdarstellerin: Rooney Mara (links) in "Carol" von Todd Haynes

Gegenüber Cate Blanchett zu bestehen, ist vielleicht die größte Herausforderung, der sich eine Schauspielerin stellen kann. Doch Rooney Mara lässt es in dem Liebesdrama "Carol" so aussehen, als gebe es nichts leichteres, als einer Ikone in einer ikonischen Rolle das Wasser zu reichen. Dass Mara dafür als beste Hauptdarstellerin - gemeinsam mit Emmanuelle Bercot für "Mon Roi" allerdings - ausgezeichnet wurde, ist eine schöne Würdigung. Der psychologischen Raffinesse und technischen Brillanz von Todd Haynes' Film wäre aber nur die Goldene Palme angemessen gewesen. Ob die Oscars richten können, was Cannes verbockt hat? (hpi)

Schotten, dicht

Justin Kurzels Wettbewerbsfilm "Macbeth" mit Marion Cottilard und Michael Fassbender
Cannes Film Festival

Justin Kurzels Wettbewerbsfilm "Macbeth" mit Marion Cottilard und Michael Fassbender

Die dreck- und blutspritzenden Actionszenen in Zeitlupe in Justin Kurzels "Macbeth" erinnern an stilsierte Comics wie "300", entsättigte Farben, Musik und Atmosphäre verweisen ins Horrorgenre: Grimmiger war Shakespeares Schotten-Drama noch nie im Kino zu sehen. Michael Fassbender brilliert in der Titelrolle als Krieger-König mit posttraumatischer Belastungsstörung, Marion Cotillard balanciert ihre Lady Macbeth meisterlich zwischen Hybris und Reue. (bor)

Star ohne Action

Emily Blunt im Wettbewerbsfilm "Sicario" von Denis Villeneuve
Lionsgate

Emily Blunt im Wettbewerbsfilm "Sicario" von Denis Villeneuve

Von Denis Villeneuves Drogenthriller "Sicario" waren wir insgesamt enttäuscht. Zu viele Genre-Bausteine, zu viel klischiertes Casting. Als CIA-Agentin, die einen mexikanischen Kartell-Boss jagt, hatte Hauptdarstellerin Emily Blunt auch noch deutlich weniger zu tun als Jessica Chastain oder Claire Danes in vergleichbaren Rollen. Und trotzdem: Wie Blunt ihre dürftige Figur mit ein paar wenigen Gesichtsausdrücken (und nur einem T-Shirt) zum Leben erweckt, ist das, was man einen star-making turn nennt. Da Blunt schon in vielen anderen tollen Filmen zu sehen war ("My Summer of Love"), freuen wir uns, dass es mit dem falschen Film dennoch die Richtige getroffen hat, um in Hollywoods A-List vorzustoßen. (hpi)


Spuren der Verwüstung

Brillante Mendoza zeigte "Taklub" in der Nebenreihe "Un certain regard"
Cannes Film Festival

Brillante Mendoza zeigte "Taklub" in der Nebenreihe "Un certain regard"

Die Welt, die der philippinische Regisseur Brillante Mendoza ("Serbis", "Kinatay") in seinen oft lauten, unbequemen Filmen zeigt, ist beschädigt und hoffnungslos. "Taklub" bildet da trotz staatlicher Förderung keine Ausnahme: In tristen Bildern zeigt er das karge Leben der Opfer des Taifuns Haiyan, der Ende 2013 weite Teile der Philippinen verwüstete - eine berührende Suche nach Sinn und Würde in von Gott und Weltgemeinschaft verlassenen Ruinen. (bor)

Beim Sterben der Nächste

Für viele Kritiker die Rolle seines Lebens: Tim Roth (rechts) in "Chronic"
Cannes Film Festival

Für viele Kritiker die Rolle seines Lebens: Tim Roth (rechts) in "Chronic"

Außenstehende fragen ja gerne nach der gesellschaftlichen und politischen Relevanz, die Kino heute noch besitzt. "Chronic", Michel Francos stilles Plädoyer für Sterbehilfe und eine würdevolle Palliativpflege, ist ein berührender Film über aktuelle Fragen, der nur auf Filmfestivals eine so große Aufmerksamkeit bekommen kann. Der junge mexikanische Regisseur bekam den Preis für das beste Drehbuch, auch Hauptdarsteller Tim Roth hätte eine Auszeichnung verdient gehabt. (bor)

FLOP

Animiert, aber öde

Mark Osbornes "The Little Prince" (außer Konkurrenz)
LPPTV/ On Entertainment/ Ornage Studio/M6 Films/ Cannes Film Festival

Mark Osbornes "The Little Prince" (außer Konkurrenz)

Als teures Prestigeprojekt, mit dem die französische Filmwirtschaft in Cannes gegen die Vorherrschaft der US-Animationsstudios anstinken wollte wie frischer Weichkäse aus der Bretagne, erlebte die Saint-Exupéry-Verfilmung "The Little Prince" von Mark Osborne (außer Konkurrenz) eine spektakuläre Bruchlandung. Trotz teils beeindruckender Designs und Hintergrundmalereien, trotz reihenweise Stimmen-Stars verblasste die öde, arg didaktische und dabei auch noch erschreckend unlustige Literatur-Adaption an der Croisette gegen Pixars geistvoll-genialen Film "Inside Out". (bor)

Der Unfehlbare greift daneben

Matthew McConaughey in "The Sea of Trees" von Gus van Sant (Wettbewerb)
Cannes Film Festival

Matthew McConaughey in "The Sea of Trees" von Gus van Sant (Wettbewerb)

Irgendwann musste die Kette abreißen, das war klar. Dass sie es im Wettbewerb von Cannes unter der Regie von Gus van Sant tat, überraschte trotzdem: Mit dem Suizid-Schmachtfetzen "The Sea of Trees" endete Matthew McConaugheys nahtlose Reihe an grandiosen Rollen, die ihn zum Oscar-Preisträger ("Dallas Buyers Club") und TV-Superstar ("True Detective") gemacht hatte. "McConaugheyssance" hatte Hollywood die Wandlung vom Wischiwaschi-RomCom-Star zum faszinierenden Charakterdarsteller genannt. Nun braucht es einen neuen Begriff für McConaugheys aktuelle Karrierephase - oder vielleicht auch nur einen guten Film, der das größte Debakel von Cannes 2015 schnell vergessen machen lässt. (hpi)


Kampfkunst des Stillstands

Ausgezeichnet als bester Regisseur Hou Hsiao-Hsien für "The Assassin"
Cannes Film Festival/ SpotFilms

Ausgezeichnet als bester Regisseur Hou Hsiao-Hsien für "The Assassin"

Wer von Hou Hsiao-Hsiens "The Assassin" ein rasantes Martial-Arts-Spektakel erwartet hatte, wurde vom großen chinesischen Stilisten Hou brilliant ausgebremst, und zwar buchstäblich: Statt seine tolle Wuxia-Geschichte über eine weibliche Kriegerin, deren Herz mit ihren kaltblütigen Aufträgen kollidiert, tatsächlich zu erzählen, ergeht sich Hou in lange stillstehenden Tableaus, in denen Adelige ihren Kindern beim Spielen zusehen. Das mag für intellektuelle Analysten des chinesischen Kinos ein Fest der Sinne sein, vor allem aber ist es eine Geduldsprobe, die erst ganz am Ende zu begeistern vermag. (bor)

Gar nicht so große Kino-Nation

Matthias Schoenaerts in "Maryland" von Alice Winocour
Cannes Film Festival

Matthias Schoenaerts in "Maryland" von Alice Winocour

Die Goldene Palme für Jacques Audiard und die Darstellerpreise für Vincent Lindon und Emmanuelle Bercot: Auf dem Papier sieht es so aus, als hätte das französische Kino in Cannes 2015 triumphiert. Doch wer geistlosen Bombast wie "Marguerite et Julien" oder betuliche Fernsehfilmkost wie "La tête haute" über sich ergehen lassen musste, weiß: Beim französischen Film finden Anspruch und Ästhetik zurzeit nicht zusammen. Was gut aussieht, hat nichts zu erzählen. Was etwas zu erzählen hat, findet dafür keine interessanten Bilder. Allein Alice Winocour bewies mit ihrem Paranoia-Thriller "Maryland" das Gegenteil, doch den versteckte das Festival in der Nebenreihe "Un certain regard". Dass es um das deutsche Kino gerade auch nicht viel besser steht, ist ein schwacher Trost. Schließlich ist hier noch nicht einmal ein Palmenwedel zur Hand, um die größten Blößen zu verdecken. Cannes 2016 - es kann nur besser werden, für Deutschland und für Frankreich. (hpi)

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
AliceAyres 25.05.2015
1.
Schade, dass es noch so lange dauert, bis „Macbeth“ ins Kino kommt. Der Film kann eigentlich nur gut sein. Zumal nach Kurzels Erstling nicht zu erwarten ist, dass er Konzessionen an die Sehgewohnheiten bzw. Sensibilitäten des Publikums macht. Und interessant, dass das gleiche Team (Kurzel, Fassbender, Cotillard) dieses Jahr auch noch Assassin’s Creed dreht. Das wird vermutlich deutlich besser als Fassbenders Steve-Jobs-Film, dessen Trailer ein übles Hagiographie-Machwerk befürchten lässt. Was „Carol“ angeht, bin ich trotz aller Lobeshymnen weniger optimistisch. Bei Regisseuren mit Douglas-Sirk-Obsession entwickele ich immer Abwehrreflexe.
levelup 25.05.2015
2. Wenn Jessica Chastain
In Zero Dark Thirty - ich gehe davon aus, dass Sie mit "vergleichbare Rolle" diesen Film meinen - dann gebe ich auf, denn offensichtlich habe ich Tomaten auf den Augen
Blue0711. 25.05.2015
3. The Sea of Trees
Wenn die Kritiken nur ansatzweise so sind wie üblich, dann muss das ein toller Film sein, den man unbedingt sehen sollte. Buh-Rufe sind ja geradezu eine Auszeichnung. Auf welchen Schlips ist der Film der Kunstgemeinde den getreten?
platzanweiser 25.05.2015
4.
Soso man will also dem übermächtigen US-Film-Markt entgegentreten - dann sollten die europäischen Filmemacher erst mal verstehen, dass man Filme fürs Publikum und dessen Amusement macht - wer heute mit Popcorntüte ins Kino geht, will nunmal keine dramatische, gesellschaftsklischee aufarbeitende Kunst sehen - der will knallhart unterhalten werden. Nicht mehr und nicht weniger. Und solange das auf dem europäischen Tableau niemand versteht wird der US-Zirkus immer an erster Stelle stehen und das Meiste andere verdrängen. Oder anders gesagt: Kunstkritiker machen nunmal keine vollen Kinos - die kommen nur durch Erfüllung des Unterhaltungsanspruches des Publikums!
richardb 25.05.2015
5. Michiel
@ platzanweiser Zitat: "dann sollten die europäischen Filmemacher erst mal verstehen, dass man Filme fürs Publikum und dessen Amusement macht" Richtig! Am 29. Januar fand in den Niederlanden die Première von "Michiel de Ruyter" statt: 25 Jahre Geschichte mit 5 Seeschlachten NL-GB. Ein Riesenerfolg; inzwischen sahen 700.000 Leute den Film. Ich kann nur hoffen, daß der Film (internationaler Titel soll wohl "Admiral" sein) bald auch in Deutschland gezeigt werden wird.
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