Bilanz von Cannes 2017 Bitte nicht stören!

Cannes deckelt den Konflikt mit Netflix, die Jury schreibt nur ein wenig Geschichte, und über die bürgerliche Familie geht doch nichts: Drei Schlaglichter auf ein Festival, das ausgerechnet zum 70. Jubiläum schwächelte.

"Happy End" von Michael Haneke
Festival de Cannes

"Happy End" von Michael Haneke

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Einmal und nie wieder: Netflix auf der Croisette

Er hatte es schon vor Beginn des Festivals gesagt, und er hielt sich an sein Wort: Unter dem Jury-Präsidenten Pedro Almodóvar würde es keinen Preis für Netflix-Filme geben, weil diese den Kinogängern vorenthalten würden. Wären Bong Joon-hos überdrehter Kinderfilm "Okja" oder Noah Baumbachs Familienkomödie "The Meyerowitz Stories (New and Selected)" ernsthafte Anwärter auf die Palmen gewesen, hätte man die Diskussion um die Verdienste von Streamingplattformen für das Kino noch mal genauer führen müssen.

So brauste der Sturm um Netflix in Form von einigen lauten Buhrufen vor der ersten Vorführung von "Okja" auf, nur um sodann komplett abzuflauen. Für nächstes Jahr, wenn die neuen Regelungen greifen und jeder Wettbewerbsfilm einen Kinostart vorweisen muss, hat Netflix bereits in Aussicht gestellt, keine Filme mehr einzureichen. Trotzdem war Netflix' Festivalpräsenz instruktiv, denn es hat sich gezeigt: Im Gegensatz zum Serien-TV ist die Plattform im Filmbereich eine konservative Kraft.

Dabei hätte man das Gegenteil erhoffen können: Bei Netflix sind die Eigenproduktionen vorab komplett durchfinanziert, um Einspielergebnisse müssen sich die Filmemacher nicht scheren. Die finanzielle Sicherheit scheint sich aber nicht in kreative Freiheit zu übersetzen, sowohl "Okja" als auch "The Meyerowitz Stories" gehören für ihre Regisseure zu den bravsten Arbeiten ihrer Karrieren.

Ob sie auf Nummer Sicher gegangen sind, um auch den nächsten Film von Netflix bezahlt zu bekommen? Es wäre eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten. Da der Streamingdienst keine Zahlen zu Abrufen veröffentlicht, können nur die Netflix-Oberen einsehen und entscheiden, wann sich ein Film für sie rechnet.

Joaquin Phoenix in "You Were Never Really Here"
WhyNot Productions/ Festival de Cannes

Joaquin Phoenix in "You Were Never Really Here"

Wie viel glücklicher agiert da Konkurrent Amazon. Nicht nur sichert es seinen Filmen einen Kinostart zu. Seine Auswahl ist zudem äußerst reizvoll. Mit "Wonderstruck" von Todd Haynes hat es einen ungewöhnlich poetischen Kinderfilm eines Regisseurs finanziert, der ansonsten für seine intellektuellen Pastiches gefeiert wird. Und mit "You Were Never Really Here" von Lynne Ramsay hat es schlicht den besten Film des Wettbewerbs ins Rennen geschickt.

Ramsay ist eine furchtlose Filmemacherin, die hier all ihr Können und ihren Mut in die Waagschale wirft, um aus der Geschichte um einen suizidalen Auftragskiller (gespielt von Joaquin Phoenix) eine aufwühlende Studie über Traumatisierung und Gewalt zu formen. Das ist im Kern noch Genre, doch um in der Metaphorik der Gewalt zu bleiben: Wo den Safdie-Brüdern mit ihrem rasanten Bankraub-Thriller "Good Time" ein glatter Durchschuss gelingt, reißt "You Were Never Really Here" klaffende Wunden auf, die noch lange schmerzen werden.

Zwei Preise gewann der Film und damit indirekt auch Amazon am Sonntagabend, für das beste Drehbuch (geteilt mit den Autoren von "The Killing of a Sacred Deer") und für den besten Hauptdarsteller. Für sich genommen sind die Preise eine große Freude. Doch in historischer Perspektive bestätigen sie das größte Problem von Cannes: Es scheint für eine Frau schier unmöglich zu sein, den Hauptpreis zu gewinnen.

Die Erste, die Einzige: Regisseurinnen ringen um Anerkennung

1997 war Jane Campion allein unter 50 Männer, 2007 allein unter 60 Männern, und in diesem Jahr allein unter 70 Männern: Bei der Feier zum 70. Jubiläum von Cannes war Campion wieder die einzige Regisseurin, die jemals mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden war.

Überall, wo die Neuseeländerin während der elf Tage des Festivals auftrat, wurde ihr begeisterter Beifall entgegengebracht - weil viele die zweite Staffel ihrer Serie "Top of the Lake" für ein Highlight des Festivals hielten, aber auch weil viele ihr Anerkennung zollen wollten, mit welcher Geduld und Würde sie ihre Ausnahmestellung in der Filmwelt wahrnimmt. Dabei wäre Campion die erste, die ihren Ruhm gern teilen würde: Unermüdlich setzt sie sich für die Förderung von Filmemacherinnen ein und fordert interessantere, komplexere Frauenrollen.

Doch Jahr um Jahr reicht es nicht für eine Goldene Palme für eine Regisseurin. 2016 hätten mit Maren Ade und Andrea Arnold zwei Frauen auf der Höhe ihres Könnens zur Verfügung gestanden - es wurde nichts draus. Waren ihre Filme zu lang? Zu widerspenstig in ihrer genresprengenden Form? 2017 zeigte Ramsay ihr Glanzstück - es wurde nichts draus. Wahrscheinlich weil der Film zu kurz und zu sehr Genre war.

Sofia Coppola
WARNAND/ EPA/ REX/ Shutterstock

Sofia Coppola

Ein bisschen Geschichte wollte die Jury unter Vorsitz von Pedro Almodóvar schon schreiben: Mit Sofia Coppola zeichnete sie zum erst zweiten Mal eine Frau mit dem Preis für die beste Regie aus. Zuletzt hatte die russische Filmemacherin Julia Solntseva die Auszeichnung erhalten - im Jahr 1961. Wenn sich Cannes weiter in diesem Tempo öffnet, wird Jane Campion erst im Jahr 2049 weibliche Gesellschaft bekommen.

Hinter den fehlenden Auszeichnungen für Regisseurinnen steckt ein ganzer Komplex von Problemen. Nicole Kidman, dieses Jahr mit vier Projekten in Cannes vertreten, sprach ihn en passant während einer Pressekonferenz an: "Ich werde in diesem Jahr 50 und habe so viel zu tun wie nie zuvor. Das liegt auch daran, dass ich im Fernsehen arbeiten kann, dass ich an Filmen arbeiten kann, die auf kleinen Bildschirme gezeigt werden, und dass ich an Filmen arbeiten kann, die auf großen Bildschirmen gezeigt werden."

Ungeachtet des Streits um Netflix ist es doch immer wieder das Serienfernsehen, das Perspektiven für neue Geschichten und neue Gesichter geöffnet hat. Im Vergleich dazu wirkte der Wettbewerb in diesem Jahr buchstäblich eintönig. Oder wie es Will Smith bei der abschließenden Pressekonferenz der Jury auf den Punkt brachte: "A couple black folks on screen next year wouldn't hurt."

#CannesSoWhite: Die Welt durchs bürgerliche Prisma

Sicherlich war diese Festivalausgabe eine der politischsten in der Geschichte. Doch ein ums andere Mal wurden die Konflikte unserer Zeit durch das Prisma weißer Bürgerlichkeit gebrochen. Bei Michael Haneke überraschte das wenig, doch sowohl Andrej Zvjagintsev und Yorgos Lanthimos als auch Palmengewinner Ruben Östlund taten es ihm nach. Und dass sogar Fatih Akin befand, dass die blonde Hollywood-Schönheit Diane Kruger besser geeignet sei, die Schicksale von türkisch- und griechischstämmigen Angehörigen von NSU-Opfern zu verkörpern, sollte nun wirklich zu denken geben.

Große Teile der Welt, auch der westlichen, waren in die Nebenreihen verbannt worden. Neue Eindrücke aus dem algerischen, iranischen und bulgarischen Kino konnte man vor allem in "Un Certain Regard" gewinnen, die aufregendsten Einblicke in die US-Gesellschaft jenseits ihrer urbanen Mittelschichtsfamilien bot "The Florida Project" von Sean Baker aus der Quinzaine-Reihe.

"The Florida Project" von Sean Baker
Marc Schmidt

"The Florida Project" von Sean Baker

Nach seinem Durchbruchsfilm "Tangerine", in dem zwei Transgender-Prostituierte chaotische Weihnachtstage in Los Angeles durchleben, beweist Baker hier erneut sein Gespür für Laiendarsteller. In seinem knallbunten "Florida Project" folgt er zwei kleinen Mädchen, die an der Peripherie des amerikanischen Traums leben - genauer gesagt am Rande von Disney World, Orlando. Sowohl die Verheißungen des Themenparks als auch der USA sind für die Mädchen denkbar weit entfernt: Sie wachsen im Motel bei ihrer afro-karibischen Oma respektive ihrer sich prostituierenden weißen Mutter auf.

"Pop verité" nennt Baker seine Art des hyperstilisierten Realismus. Er sticht nicht nur wegen seiner kontrastreichen Farben neben dem monochromen Wettbewerb hervor. "The Florida Project" hat eines der am lautesten pochenden Herzen des Festivals gehabt. Seinen Puls wird man noch fühlen, wenn der Großteil der "Offiziellen Auswahl" längst vergessen ist.

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Cannes: Diane Kruger als beste Schauspielerin geehrt
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