Neuer Film von Fatih Akin Wie ein mittelprächtiger "Tatort"

Halb TV-Krimi, halb Diane Kruger Unchained: Fatih Akins Thriller "Aus dem Nichts" verarbeitet Motive aus dem NSU-Skandal - und hinterlässt in Cannes einen zwiespältigen Eindruck.

Szene aus Fatih Akins "Aus dem Nichts" (mit Diane Kruger)
Festival de Cannes

Szene aus Fatih Akins "Aus dem Nichts" (mit Diane Kruger)

Aus Cannes berichtet


"Hey!", ruft Katja (Diane Kruger) der Frau zu, die gerade ihr Fahrrad vor dem Büro von Katjas türkischstämmigem Mann abgestellt hat. "Das musst du abschließen, das wird dir hier sonst geklaut." Sie komme gleich zurück, da wäre das nicht nötig, wehrt die Frau ab und verschwindet.

Wer mit den Verbrechen des NSU vertraut ist - und auf die nimmt Fatih Akin in einer Einblendung zum Schluss explizit Bezug -, den erfasst sofort der Horror. Mit einer Nagelbombe, die mit einem Fahrrad vor einem türkischstämmigen Friseur platziert wurde, verübte der NSU 2004 seinen Anschlag in der Kölner Keupstraße.

Damals starb zum Glück niemand. Für seinen Wettbewerbsfilm "Aus dem Nichts " schreiben Akin und sein Co-Autor Hark Bohm die Geschichte nun um: Die Bombe, die die Frau zündet, tötet Katjas Mann und sechsjährigen Sohn. Auf diese persönliche Ebene heruntergebrochen, verbleibt "Aus dem Nichts" im Privaten und konzentriert sich ganz auf Katjas Kampf - erst für Gerechtigkeit, dann für Vergeltung.

Annäherung an die Hollywood-Strategie

Da ihr Mann Nuri (Numan Acar) wegen Drogenhandels im Gefängnis war, vermutet die Polizei erst eine Tat aus dem Milieu. Wie die Angehörigen der NSU-Opfer wird Katja deshalb bedrängt. Doch im Gegensatz zu Polizei, Verfassungsschutz und Medien, die in der Realität jahrelang einen rassistischen Hintergrund ausschlossen und die Mordserie als "Döner-Morde" verharmlosten, ist Katja sofort klar: "Das waren Nazis!" Bald sieht das auch die Polizei im Film so. Die Frau mit dem Fahrrad wird gefunden und ihr und ihrem Neonazi-Freund der Prozess gemacht.

Diane Kruger in "Aus dem Nichts"
Festival de Cannes

Diane Kruger in "Aus dem Nichts"

Warum das so schnell erzählen? Warum den offenen und den strukturellen Rassismus, der die Aufklärung der NSU-Verbrechen unerträglich lang herausgezögert hat, außen vorlassen? Es ist eine von vielen problematischen Entscheidungen, die Akin in "Aus dem Nichts" trifft. Ein ums andere Mal nimmt er dem Stoff seine politische Dimension und Komplexität, nicht zuletzt auch mit der Besetzung von Diane Kruger in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle.

Schauspielerisch überzeugt Kruger zwar hier: Sowohl die liebende Mutter als auch die Szenegängerin, die sich einst in einen Knacki verliebt hat, nimmt man ihr ab. Doch warum eine blonde Bio-Deutsche die Light-Version von dem durchleben lassen, was die türkisch- und griechischstämmigen Angehörigen der NSU-Opfer über Jahre hinweg ertragen mussten? Das erinnert zu sehr an die Hollywood-Strategie, sich über eine weiße Figur die Geschichten von people of color zu erschließen.

Womöglich muss man "Aus dem Nichts" besser als einen NSU-Film für ein internationales Publikum verstehen, das deutsche ist schließlich mit dem ARD-Dreiteiler "Mitten in Deutschland: NSU" und den Dokumentarfilmen "Der Kuaför aus der Keupstraße" und "Der NSU-Komplex" durchaus gut versorgt mit filmischen Aufarbeitungen des Skandals.

Gleichzeitig sieht "Aus dem Nichts" wie ein mittelprächtiger "Tatort" aus und erzählt den anschließenden Prozess um den Anschlag ähnlich uninspiriert wie ein TV-Krimi. Im letzten Drittel steht zwar plötzlich die Möglichkeit eines Genrewechsels im Raum: Katja schwelgt in Rachefantasien, wird sie zur Diane Unchained, die die Geschichte in ihrem Sinne umschreibt? Doch wie Akin diesen Teil und damit den Film abbindet, wirft noch einmal ganz andere Fragen danach auf, was er hier wirklich erzählen will.

Die internationalen Kolleginnen und Kollegen, die "Aus dem Nichts" bei der Pressevorführung am Freitagmorgen laut beklatschten, mögen ihn für einen Film über den NSU-Skandal halten. Als Deutsche kann man sich da nicht sicher sein.

Reise durchs zeitgenössische Russland

Was für einen anderen, ungleich stärkeren Eindruck hinterlässt da das russische Kino. Obwohl: Kann man Sergej Loznitsa noch dem russischen Kino zurechnen? Der gebürtige Ukrainer lebt seit Langem in Berlin und kann seine Filme nur noch außerhalb Russlands drehen - zu erbarmungslos ist das Porträt, das er von dem Land zeichnet.

Szene aus "Krotkaya"
Festival de Cannes

Szene aus "Krotkaya"

Nach seinem herausragenden Dokumentarfilm "Austerlitz" zeigt Loznitsa nun seinen neuesten Spielfilm im Wettbewerb. "Krotkaja " (ungefähr: Ein sanftes Wesen) ist ein Stationendrama nach Motiven von Dostojewski: Eine namenlose Frau (Wasilina Makowcewa) muss feststellen, dass ein Paket mit T-Shirts und Konserven, das sie ihrem Mann ins Gefängnis geschickt hat, ohne Angabe von Gründen an sie zurückgegangen ist. Mit dem Paket unterm Arm macht sie sich auf den Weg zu dem entlegenen Gefängnis, in dem ihr Mann sitzen soll.

Es wird zu einer Reise durchs zeitgenössische Russland, an jeder Station, die die Frau auf dem Weg zu ihrem Mann einlegen muss, entfaltet Loznitsa ein kleines, prägnantes Gesellschaftspanorama. Im überfüllten Bus wird die Frau zum Beispiel angekeift, dass sie andere mit ihrem Paket störe. Daraufhin erzählt ein Passagier, dass sie jüngst einen Sarg im Bus transportiert hätten. Die Angehörigen hätten nur noch Geld für den Sarg, aber nicht für den Leichenwagen gehabt.

Loznitsa schont hier keine gesellschaftliche Gruppe, am härtesten geht er aber mit der russischen Justiz und Bürokratie ins Gericht. In einer Szene kontrolliert eine Gefängnisaufseherin die Geschenke der Angehörigen für die Insassen: Brot wird aufgeschlitzt, Pantoffeln durchstochen, eingelegte Bohnen aus und wieder in ihre Büchse gekippt. Irrere, willkürlichere Handgriffe hat man selten gesehen.

Durch Loznitsas Faible fürs Absurde mischen sich immer wieder Momente großer Komik ins Gezeigte. Sie machen nicht nur die Gesellschaftskritik eleganter, sondern auch den mitunter ausfransenden Film unterhaltsamer. Als eine Komödie hat Loznitsa "Krotkaja" im Vorfeld auch bezeichnet. So weit muss man nicht gehen. Es ist einfach ein richtig guter Film.

Die große Entdeckung

Der Wettbewerb von Cannes kommt damit langsam zu seinem Ende. Am Freitagabend steht noch "You Were Never Really There" von Lynne Ramsay auf dem Programm, dann sind alle Anwärter auf die Goldene Palme gezeigt. Einen klaren Favoriten gibt es nicht, die breiteste Zustimmung haben wohl die Safdie-Brüder erfahren. Doch als Genrefilm mit Cassavetes-Anleihen könnte ihr "Good Time" zu klein für den großen Preis sein. "Loveless" von Andrei Swjaginzew und "The Square" von Ruben Östlund haben noch viele Fans, Letzterer aber auch einige entschlossene Kritiker.

Szene aus "Tesnota"
Festival de Cannes

Szene aus "Tesnota"

Anders sieht es in der Nebenreihe "Un Certain Regard" aus. Hier wird der russische Debütfilm "Tesnota " (Nähe) von Kantemir Balagow zu Recht als die große Entdeckung gefeiert. Nach wahren Begebenheiten erzählt Balagow von einer jüdischen Gemeinde im Nordkaukasus im Jahr 1998, die von einer Entführung heimgesucht wird. Der Bruder von Ilana (Darja Zhovner) wird verschleppt. Verzweifelt versuchen ihre Eltern, das Geld zusammenzubekommen, und schrecken dabei auch nicht davor zurück, gravierende Entscheidungen über Ilanas Leben zu treffen.

Der Stoff und das geringe Budget würden sich für eine neorealistische Inszenierung anbieten. Doch Balagow schafft scheinbar aus dem Nichts pulsierend-expressive Bilder, die sich einbrennen. In einer Einstellung hält er nur auf den Hals einer Figur, um den Druck, unter dem sie steht, zu veranschaulichen. Und selbst für den, der weder Geschichte noch Bildern etwas abgewinnen kann, hält "Tesnota" noch etwas bereit: Hauptdarstellerin Zhovner. Sie verfügt über den filmischen Magnetismus und Tomboy-Charme einer Kristen Stewart, an ihr kann man sich kaum satt sehen.

Die Camera d'Or für den besten Debütfilm des Festivals wäre ein verdienter Preis für "Tesnota". Doch Balagow und Zhovner wird man auch so bald wieder mit neuen Filmen in Cannes zu sehen bekommen. Ihre Karrieren haben soeben hier begonnen.

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