Filmfestspiele Cannes 2017 - was Kinofans wissen müssen

Ärger um Netflix, Geflüchtete und vier Mal Nicole Kidman: Das 70. Jubiläum der Festspiele von Cannes wird turbulent. Der Ausblick auf das wichtigste Filmfestival der Welt.

Nicole Kidman in "Die Verführten"
Universal Pictures

Nicole Kidman in "Die Verführten"

Von , Cannes


BRUCH MIT DEM KINOBETRIEB

Von links: "Okja", "Twin Peaks", "Carne Y Arena"
Netflix; Festival de Cannes

Von links: "Okja", "Twin Peaks", "Carne Y Arena"

Der Sturm war kurz, aber heftig - und danach hatten die französischen Medien, Kinobetreiber und Verleiher dem Festival nichts weniger als eine Änderung der Statuten abgerungen: Ab 2018 muss jeder Film, der im Wettbewerb läuft, einen Kinostart in Frankreich aufweisen können. Anlass der Kontroverse war die Entscheidung, mit "Okja" von Bong Joon-ho und "The Meyerowitz Stories (New and Selected)" von Noah Baumbach zwei Filme von Netflix in den Wettbewerb einzuladen. Im Gegensatz zum Konkurrenten Amazon überspringt Netflix oft den regulären Kinostart und bietet seine Filme direkt als Stream an. Im Kinoland Frankreich hat das für große Empörung gesorgt: Herausragende Filme nur für Netflix-Abonnenten - mit Cannes als gefälliger Werbeplattform? Das wollte das Festival nicht auf sich sitzen lassen und reagierte mit der Regeländerung. Auch wenn die erst 2018 greift, dürfte die Kontroverse schon jetzt Folgen haben. Die Goldene Palme für einen der beiden Filme wird Festivalchef Thierry Frémaux mit aller Macht zu verhindern wissen, alles andere würde ihn wohl den Job kosten.

Dabei hat sich Cannes neuen Sehgewohnheiten schon vor längerer Zeit geöffnet. Mit "Carlos - Der Schakal" von Olivier Assayas lief schon 2010 eine Miniserie im Wettbewerb. Nun macht es Cannes aber ganz offiziell und räumt wie zuletzt alle großen Filmfestivals Serien einen prominenten Platz ein: Mit den ersten zwei Folgen von "Twin Peaks" sowie der gesamten zweiten Staffel von "Top of the Lake" kehren David Lynch und Jane Campion an die Croisette zurück. Dass es sich bei den beiden auch um Palmen-Gewinner handelt, macht die serielle Ehrenrunde schön leicht zu rechtfertigen - dabei dürften die Serien regulär auch nur im Pay-TV oder auf einem Streamingdienst zu sehen sein.

Eine wirklich ausgewählte Premiere feiert schließlich Regiestar Alejandro G. Iñárritu ("The Revenant"): Der gebürtige Mexikaner, der seit Langem in den USA lebt, hat im Auftrag des Festivals eine Virtual-Reality-Installation entwickelt. "Carne Y Arena" (Fleisch und Sand) soll ein immersives Kunstwerk sein, das die Erfahrungen von Immigranten und Flüchtlingen in einem weitläufigen physischen und visuellen Ort erkundet, so die Pressemitteilung. Sechseinhalb Minuten dauert eine Vorführung, für die jeweils nur eine Person zugelassen ist, die auch noch per Shuttle-Service herangekarrt wird: auch für Cannes-Verhältnisse ein neuer Grad an Exklusivität.


DIE FLÜCHTLINGSFRAGE

Von links "Happy End", "Sea Sorrow", "Jupiter's Moon"
Festival de Cannes

Von links "Happy End", "Sea Sorrow", "Jupiter's Moon"

In "Happy End", dem Nachfolger von Michael Hanekes Palmen- und Oscar-Triumph "Amour", spielt Jean-Louis Trintignant einen Patriarchen, dessen in Calais ansässige Familie sich mit den Geschehnissen rund um das dortige Flüchtlingscamp konfrontiert sieht. Ein aktueller politischer Konflikt als Sujet, das erscheint für Haneke zunächst ungewöhnlich, doch eigentlich könnte es kein passgenaueres Thema für ihn geben: Das europäische Bürgertum und seine Selbstgewissheiten, von vermeintlich Außenstehenden sowohl moralisch als auch körperlich herausgefordert, beschäftigte ihn letztlich schon in "Funny Games" genauso wie in "Caché" oder "Das weiße Band". Ist es deshalb womöglich der Überraschungseffekt, der "Happy End" fehlt, um Haneke die dritte Goldene Palme zu bescheren?

Vanessa Redgrave hat ihn zumindest auf ihrer Seite, den Überraschungseffekt. Nach bald 60 Jahren im Filmgeschäft hat die Britin unverhofft ihre erste Regiearbeit vorgelegt: "Sea Sorrow" (Special Screening) ist ein experimenteller Dokumentarfilm, der Bilder von Redgraves Besuchen in Flüchtlingscamps in Beziehung zur britischen Appeasement-Politik setzt, Emma Thompson als Frauenrechtlerin Sylvia Pankhurst sowie Ralph Fiennes als Shakespeare-Figur Prospero auftreten lässt und Interviews mit geflüchteten Kindern zeigt.

Ebenso so unbeeindruckt von Genrekonventionen scheint der Ungar Kornél Mundruczó zu sein. In "Jupiter's Moon" (Wettbewerb) verbindet er Flüchtlingsdrama mit Superhelden-Saga: Auf der Flucht wird ein junger Immigrant (Majd Asmi) angeschossen, doch die Verletzung schwächt ihn nicht, sondern verleiht ihm sonderbare Kräfte. Er kann plötzlich schweben. Mit der Hilfe eines Arztes gelingt ihm die Flucht aus dem Camp, in dem er seine Verletzung auskurieren soll. Doch wie jeder Superheld kann er sich der Vereinnahmung durch dunkle Kräfte nur schwer erwehren.


ONLY THE FRENCH

Von links: "Redoutable", "Jeannette, l'enfance de Jeanne d'Arc", "Un beau soleil intérieur"
Festival de Cannes; Memento Films; Ad Vitam

Von links: "Redoutable", "Jeannette, l'enfance de Jeanne d'Arc", "Un beau soleil intérieur"

Zu viel Neuerungen muss man an der Croisette aber nicht befürchten: Cannes ist noch immer ein Festival mit starkem französischen Autorenkino-Einschlag. In diesem Jahr erweisen gleich drei französische Filmschaffende drei der größten nationalen Ikonen die Filmehre - allen voran Michel Hazanivicius, der Regielegende Jean-Luc Godard porträtiert. "Le Redoutable" (Wettbewerb) zeigt Godard 1967 an einem privaten und politischen Wendepunkt: Er lernt seine spätere Ehefrau Anne Wiazemsky kennen, aber wendet sich durch die Erlebnisse während der Studentenrevolte auch vom cineastischen Mainstream ab. Nach dem Oscar-Gewinner "The Artist" hat Hazanivicius in Cannes zuletzt mit "The Search" eine arge Pleite erlebt, "Le Redoutable" könnte nun die Wiedergutmachung sein: Erste Ausschnitte zeigen Louis Garrel als Godard in bestechender Form.

Die Beziehung zwischen Bruno Dumont und Thierry Frémaux muss man wohl als On-and-Off-Liebe bezeichnen: Mal schafft es Dumont mit seinen herrlich irren Werken in den Wettbewerb (2016 zum Beispiel mit der Kannibalen-Satire "Die feine Gesellschaft"), mal nicht. Sein neuester Film "Jeannette" fällt in letztere Kategorie und wird deshalb in der Nebenreihe "Quinzaine des Réalisateurs" Premiere feiern. Da es sich dabei um ein Musical (!) über die Kindheit von Jeanne d'Arc handelt, dürfte dem Film auch jenseits des roten Teppichs alle Aufmerksamkeit gewiss sein.

Auch Claire Denis wird ihren neuen Film in der "Quinzaine" präsentieren: "Un beau soleil intérieur" ist der Eröffnungsfilm der in diesem Jahr wirklich herausragenden Nebenreihe. Titel und Kurzbeschreibung ("Isabelle, alleinerziehende Mutter, geschiedene Künstlerin mit einem Kind, sucht die Liebe. Endlich die wahre Liebe") lassen es nicht erahnen, aber bei "Un beau soleil intérieur" soll es sich um die Adaption eines der schönsten Bücher über die Liebe handeln: Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe". Man mag nicht weniger als Großes erwarten.


VIELFÄLTIGES AUS DEUTSCHLAND

Von links: "Aus dem Nichts", "Western", "Teheran Tabou"
Festival de Cannes; Camino

Von links: "Aus dem Nichts", "Western", "Teheran Tabou"

Seinen letzten Abstecher nach Cannes dürfte Fatih Akin in bester Erinnerung haben: "Auf der anderen Seite" brachte ihm 2007 die Auszeichnung für das beste Drehbuch ein. Hoffen wir darauf, dass Akins Rückkehr nach Cannes auch eine Rückkehr zu alter Form ist und dass sein Thriller "Aus dem Nichts", in dem Diane Kruger in ihrem ersten deutschsprachigen Film auf Rache für die Ermordung ihres Mannes und ihres Sohnes sinnt, zu Akins stärksten Filmen aufschließt.

Als eine Rückkehr von Maren Ade umschrieb Frémaux bei der Vorstellung der Offiziellen Auswahl etwas ungelenk "Western": Bei Valeska Grisebachs drittem Film (zu sehen in der Nebenreihe "Un Certain Regard") hat Ade als Produzentin fungiert. Der Film spielt zwar an der Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland, wo deutsche Bauarbeiter zum Einsatz kommen. Trotzdem scheint er seinem Titel alle Ehre zu machen: Zwischen Deutschen und Einheimischen kommt es alsbald zum Showdown, bei dem um Anerkennung und Gefälligkeiten gekämpft wird.

Der reizvollste Film, der in diesem Jahr aus Deutschland stammt, dürfte sich dennoch im Programm der "Semaine de la critique" verstecken: "Tehran Taboo" von Ali Soozandeh. In dem ersten animierten Spielfilm, der in der Reihe für junge Talente läuft, verwebt Soozandeh die Geschichten von drei wildentschlossenen Frauen und einem jungen Musiker zu einem Porträt einer, wie er es selbst beschreibt, "schizophrenen Gesellschaft, in Sex, Ehebruch, Korruption, Prostitution und Drogen neben strikten religiösen Vorschriften bestehen".


DIE VIELBESCHÄFTIGTEN

Von links: Mathieu Amalric, Hong Sang-soo, Nicole Kidman
Festival de Cannes; DPA; Focus Features

Von links: Mathieu Amalric, Hong Sang-soo, Nicole Kidman

Gefragter Darsteller und talentierter Regisseur: Dieses Doppeltalent ist man von dem Franzosen Mathieu Amaleric seit seinem wunderbaren Regiedebüt "Das blaue Zimmer" (2014) schon gewohnt. In diesem Jahr übertrifft sich der Franzose aber selbst und ist in gleich zwei Eröffnungsfilmen zu sehen: Zunächst in Arnaud Desplechins Liebesdrama "Les fantômes d'Ismaël", mit dem am Mittwochabend das Festival eröffnet wird; einen Tag später dann in seiner eigenen Regiearbeit "Barbara", der die Reihe "Un Certain Regard" eröffnet wird.

Ob das Hong Sang-soo als Konkurrenz gelten lässt? Der koreanische Regisseur hat nicht nur unlängst einen Film auf der Berlinale gezeigt, der mit dem Preis für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde: In Cannes laufen 2017 gleich zwei neue Filme von ihm. Mit der gewohnt komplizierten Beziehungskomödie "The Day After" ist er im Wettbewerb vertreten, sein Cannes-Experiment "Claire's Camera", das er vorheriges Jahr während des Festivals gedreht hat, wird im Rahmen eines Special Screening gezeigt. In "Claire's Camera" spielt Isabelle Huppert eine Lehrerin, die dank ihrer Polaroid-Kamera über magische Kräfte zu verfügen scheint.

Zwei Filme in einem Festival? Darüber kann Nicole Kidman nur lachen: Die Australierin ist 2017 in gleich vier Produktionen zu sehen - in Sofia Coppolas erotischem Rachedrama "Die Verführten", in Yorgos Lanthimos' düsterem Gesellschaftsdrama "The Killing of A Sacred Dear" (beides Wettbewerb), John Cameron Mitchells Coming-of-Age-Film "How to Talk to Girls at Parties" (Außer Konkurrenz) und schließlich in Jane Campions Serie "Top of the Lake: China Girl". Die Erinnerungen daran, wie gnadenlos Kidman als "Grace of Monaco" noch 2014 in Cannes geschmäht wurde, dürften mit diesem Jahr endgültig getilgt sein.


Die Filmfestspiele von Cannes laufen vom 17. bis 28. Mai. SPIEGEL ONLINE berichtet täglich von der Croisette

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Shulma Shmoller-Shmopp 18.05.2017
1. French kiss
Jeder hat sein device und ständig den content der Sekunde. Cannes ist nur noch ein Event, das eine Leiche am Leben erhält. Während die Musik in den Konzerten wiederaufersteht, indem also aus content wieder Ereignis wird, funktioniert das für den Film nicht. Und der Weg zum toten Ereignis, wie es für den Museumsbesuch gilt, ist für den Film nicht gangbar. Er bleibt für immer content. Da ihm die Einzigartigkeit des Artefakts als singuläres Objekt fehlt. Es ist vorbei, wenn es vorbei ist. Belucci mit Millionenschmuck kurz vor dem french kiss. Das ist der Film. Click.
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