Wirbel um Netflix in Cannes Nur auf Ertrag gezüchtet

Eine von technischen Pannen begleitete Pressevorführung von Bong Joon-hos "Okja" wird zum PR-Debakel für Netflix. Jenseits des Wirbels überzeugt der erste deutsche Film im Festival durch Ruhe und Präzision.

Jake Gyllenhaal in Netflix-Produktion "Okja"
AP

Jake Gyllenhaal in Netflix-Produktion "Okja"

Aus Cannes berichtet


Die 70. Ausgabe von Cannes wird wahrscheinlich nicht als die beste des Festivals in die Geschichte eingehen - aber womöglich als die lauteste. Buhrufe bei Kornél Mundruczós "Jupiter's Moon", Klatschen, Pfiffe, Füßetrampeln bei Bong Joon-hos "Okja": So viel Lärm war selten im Palais des Festivals.

Bei "Okja" wurden die Journalisten allerdings vor allem laut, weil die ersten Minuten des Films auf einer falsch aufgezogenen Leinwand gezeigt wurden, was zu abgeschnittenen Köpfen der Schauspieler führte. Dass dem Wirbel Buhrufe und Gegenapplaus für den Produzenten Netflix vorangegangen waren, sorgte zunächst für Verwirrung - setzte sich hier die dominierende Debatte des Festivals lautstark fort?

Eine halbe Stunde nach offiziellem Beginn der Pressevorführung war dann aber alles gut: Der Film startete im richtigen Format, und nach seinen 118 Minuten gab es sogar freundlichen Applaus für den überdrehten Kinderfilm. "Ich bin sehr glücklich über den Zwischenfall", sagte der koreanische Regisseur bei der anschließenden Pressekonferenz. "So konnten die Zuschauer den Anfang gleich zweimal sehen!"

Was es da zweimal zu sehen gab, war tatsächlich das Beste an "Okja ": Tilda Swinton als CEO des Agrar-Multis Mirando mit Zahnspange und platinblonder Perücke, die verkündet, dass man einen weltweiten Wettbewerb um das ertragreichste Schwein starten werde. Die heißeste Kandidatin auf den Titel lebt in den Bergen Südkoreas: Von einem Bauern und seiner zehnjährigen Tochter Mija (An Seon Hyun) aufgezogen, verbringt die riesige Sau Okja ihre Tage damit, Kakifrucht zu futtern und Nickerchen in der Sonne zu halten. Das geruhsame Leben wird gestört, als Mirando Anspruch auf Okja erhebt und das Tier in die USA überführen will: um als Mutter einer neuen Schweinegeneration die Welt mit hochwertigem Fleisch zu versorgen.

Szene aus "Okja": Netflix' Geld als Hormonfutter
Netflix

Szene aus "Okja": Netflix' Geld als Hormonfutter

Wie für diesen Wettbewerb schon üblich, gibt die kleine Mija nicht viel auf Erwachsene und reißt aus, um Okja vor dem Zugriff Mirandos zu bewahren - nur um in einen Kampf zwischen militanten Tierschützern und der Mega-Corporation verwickelt zu werden, der Verfolgungsjagden in Seoul und Undercovereinsätze in New York umfasst.

Der Aufwand, den Bong für seine läppische Geschichte betreibt, ist beachtlich, genauso wie das Ensemble, das er vereint: Neben Swinton wirken Jake Gyllenhaal, Paul Dano, Lily Collins und Giancarlo Esposito mit. Wahrscheinlich sind Swinton und Kollegen dem Eindruck aufgesessen, in einem Wes-Anderson-Film mitzuspielen, so sehr ähneln sich die Prämissen der beiden Regisseure.

Doch Bongs Version von quirk fehlt es an allen Ecken an Originalität und Subversion. "ET", "Eliot, das Schmunzelmonster", selbst "Ein Schweinchen namens Babe" waren gewitzter in ihrem Zugriff auf den Stoff. "Okja" wirkt dagegen wie das Produkt von Massentierhaltung, nur auf Ertrag gezüchtet - mit Netflix' Geld als Hormonfutter. Wenn das das Kino ist, in das der Streamingdienst investieren will, sollte man sich keine Hoffnung auf Exquisites machen.

Ganz ohne big money von seiner eigenen Großartigkeit überzeugt scheint der ungarische Beitrag "Jupiter 's Moon " zu sein. Mit seinem Vorgängerfilm "White God" hatte Kornél Mundruczó 2014 die Nebenreihe "Un Certain Regard" gewonnen. Nun erstmalig in den Wettbewerb aufgestiegen, legt Mundruczó das Selbstbewusstsein, aber nicht das Können vor, das es für diese Champions League des Kinos braucht.

Die Prämisse ist reizvoll genug. Der junge Syrer Aryaan (Zsombor Jéger) wird auf der Flucht entlang der Balkanroute von einem ungarischen Grenzpolizisten angeschossen. Statt zu sterben, steht Aryaan buchstäblich von den Toten auf: Er kann plötzlich fliegen. "Die Bibel ist voller Engel", sagt der Arzt Stern, der Aryaan in einem Flüchtlingscamp untersucht, "doch wo sind sie? Es braucht nur einen, um uns von ihrer Existenz zu überzeugen."

Szene aus "Jupiter's Moon": effekthascherisches Genre-Mash-up
Festival de Cannes

Szene aus "Jupiter's Moon": effekthascherisches Genre-Mash-up

Ein Geflüchteter als Engel, womöglich sogar als neuer Jesus? Sobald die fantastischen Möglichkeiten im Raum stehen, scheint Mundruczó das Interesse an ihnen zu verlieren. "Jupiter's Moon" wandelt sich zur Betrügerfarce, bevor er sein lang hinausgezögertes Finale als Actionspektakel zu zelebrieren versucht. Immer wieder sind Anspielungen auf die politische Situation in Ungarn eingeflochten, auf Rechtsextremismus, christlichen Fundamentalismus und gleichgeschaltete Medien. Doch im effekthascherischen Genre-Mash-up wirken diese Verweise opportunistisch, als moralisches Reservoir, das kalkuliert angezapft wird, um relevant zu wirken. Die lauten Buhrufe am Ende der Pressevorführung zeugen davon, dass dieses Kalkül bei vielen nicht aufgeht.

Um seinen wohlverdienten Applaus bringt sich dagegen Valeska Grisebachs "Western " (Un Certain Regard): Der erst dritte Film der Berlinerin endet mit lauter bulgarischer Volksmusik, die jedes Klatschen übertönt. Letztlich ist das aber doch ein passender Schluss, denn Grisebach erzählt, ohne es auf lautstarke Zustimmung anzulegen.

Ihr lonesome cowboy ist ein Bauarbeiter namens Meinhard (Meinhard Neumann), der auf einer von Deutschen geführten Baustelle an der bulgarisch-griechischen Grenze anheuert. Bald werden auch Pferde geritten, Flaggen gehisst und der Kontakt zu den Einheimischen zwecks Tauschgeschäften gesucht. Doch Grisebach begnügt sich nicht mit dem Spiel der Genreelemente, sie versucht etwas viel Schwierigeres und reüssiert: "Western" fängt die vielschichtigen Prozesse von Verständigung, Annäherung, aber auch Befremdung ein, die sich zwischen Meinhard und den einheimischen Bulgaren abspielen.

Szene aus "Western": vielschichtige Prozesse von Verständigung
Festival de Cannes

Szene aus "Western": vielschichtige Prozesse von Verständigung

Ohne ein Wort ihrer Sprache zu können, sucht der Deutsche den Kontakt. Mit seiner anpackenden Art, gepaart mit feinem Gespür für soziale Konventionen, ist er bald willkommen im Dorf. Doch seine Kollegen auf dem Bau beobachten ihn mit wachsendem Misstrauen: Führt er ihnen nicht ihre eigene, ihre deutsche Beschränktheit vor? Meinhard ist sich dagegen seiner Sachen so sicher, dass er sich überschätzt und schließlich in Gefahr gerät. Wie für einen Western angemessen, muss er entdecken, dass seine Wahlheimat alles andere als wirtlich ist. Man wünscht ihm trotzdem, dass seine weite Reise sich gelohnt hat.



insgesamt 3 Beiträge
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ulrich_loose 19.05.2017
1. Auf ERFOLG gezüchtet
wäre wohl die bessere Überschrift, den Ertrag kommt bei Erfolg schon von alleine. Für den möglichen Konsumenten eher positiver als Produktionen z.B. der ÖRs die sich an "Muss für Zwölfjährige geeignet sein" und dem erhobenen Zeigefinger orientiert.
ersatzaccount 19.05.2017
2.
SPON Filmkritiken sind ja nun bekanntermaßen ihren Speicherplatz nicht wert, Netflix produziert in einem Jahr mehr hochwertigen Content als die ÖR und die deutschen Filmproduzenten in Jahrzehnten
mike_spiegel 19.05.2017
3. Danke!
Zitat von ulrich_loosewäre wohl die bessere Überschrift, den Ertrag kommt bei Erfolg schon von alleine. Für den möglichen Konsumenten eher positiver als Produktionen z.B. der ÖRs die sich an "Muss für Zwölfjährige geeignet sein" und dem erhobenen Zeigefinger orientiert.
Sehr treffend geschrieben. Was bin ich es leid, dass in Deutschland immer alles gleich schlecht ist, wenn es nicht wenigstens versucht zu Goethe aufzuschließen, ob es Sinn macht oder nicht. Man stelle sich mal vor: da hat jemand etwas gemacht, um Erfolg zu haben. Das MUSS ja schlecht sein...
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