Osteuropäisches Kino in Cannes Die Kinder der Revolution lassen sich nicht täuschen

Starkes aus dem Osten: Aus einem Hausarrest in Moskau heraus kommt ein mitreißender Widerstandsfilm über Rock. Und ein Oscar-Gewinner aus Polen empfiehlt sich für weitere Preise.

Filmszene aus "Leto"
Festival de Cannes

Filmszene aus "Leto"

Aus Cannes berichtet


Das alles ist nicht passiert: Die junge Truppe aus Petersburger Punks und Rock'n'Rollern hat der sowjetischen Polizei nicht Widerstand zum Soundtrack von "Psychokiller" von den Talking Heads geleistet. Die Fahrgäste in der Tram haben auch nicht Iggy Pops "Passenger" gesungen, als die Freundin von Rocksänger Mike ihm einen Kaffee zu seinem Arbeitsplatz in der Fabrik bringt. Und eine Passantin hat auch nicht spät nachts Mike mit "Perfect Day" von Lou Reed zu trösten versucht, als seine Freundin die Nacht mit dem aufsteigenden Sänger Viktor verbringt. Das alles ist nicht passiert, informiert uns eine namenlose Figur in Kirill Serebrennikows Wettbewerbsfilm "Leto" (Sommer) für das diesjährige Filmfestival in Cannes.

Was aber passiert ist: In St. Petersburg, damals Leningrad, hat es Anfang der Achtzigerjahre eine Rockszene gegeben, die unter den wohlwollenden Augen der Zensurbehörde vergleichsweise florierte. Mike Naumenko und seine Band Zoopark gehörten zu den Gründern dieser Rockszene. Und Viktor Tsoi ist zusammen mit seiner Band Kino im Verlauf der Achtziger von Petersburg aus zum womöglich größten Popidol der Sowjetunion aufgestiegen.

Die eingangs genannten Szenen sind aber auch Teil von "Leto", sie sprühen aus dem zunächst geschmackvoll in schwarz-weiß gedrehten Film heraus wie Bier aus einer geschüttelten Flasche. Sie sind fantastisch und gerade deshalb entscheidender Teil der Geschichte. Denn Serebrennikow will nicht dem Idol Viktor Tsoi huldigen, sondern einfangen, was von allen Künsten nur Musik schafft.

Ein Film über Pop

Musik setzt hier die Fantasie frei - bei den Figuren des Films, aber eben auch beim Film selber, der es sich herausnimmt, zu Talking Heads, Iggy Pop und Lou Reed inszenatorisch freizudrehen. Die Bilderwelten, die Serebrennikow dabei schafft, voller Schnitte, Gegenschnitte und sogar Animationen, ergeben keinen Sinn im Film, wohl aber im Pop und der aus ihm heraus entwickelten Ästhetik des Musikvideos. Stärker kann man die buchstäbliche Schaffenskraft von Pop kaum zum Ausdruck bringen, weshalb "Leto" trotz seines sehr spezifischen Settings und Figurenensembles auch ein allgemeingültiger Film über Pop ist.

Genau so einen Film hätte man von Kirill Serebrennikow aber nicht erwartet. Der Moskauer Regisseur, der vor allem im Theater und in der Oper inszeniert, wurde noch während der Dreharbeiten verhaftet, seit Monaten ist er mit Hausarrest belegt. Ihm wird vorgeworfen, Gelder für eine Inszenierung an seinem Theater unterschlagen zu haben.

Gefangen in einer wahrhaft kafkaesken Situation, hätte Serebrennikow einen bitteren Film machen können, einen, der anklagt und wütend auf die Freiheit der Künstler pocht. Doch die große Widerstandsgeste von "Leto" ist, sich nichts von der Politik vorschreiben zu lassen und einen Film zu machen, der genauso humorvoll, mitreißend und verspielt ist, wie er es für richtig hält.

Szene aus "Zimna wojna"
Festival de Cannes

Szene aus "Zimna wojna"

Dass er damit das perfekte Gegenstück zu Pawel Pawlikowskis neuem Wettbewerbsfilm "Zimna Wojna" ("Kalter Krieg") liefern würde, war nicht zu erwarten. Der Pole, der lange Zeit in Großbritannien gelebt und als Dokumentarfilmer gearbeitet hat, ist erst vor fünf Jahren mit seinem Oscar-prämierten Nachkriegsdrama "Ida" berühmt geworden. In "Zimna Wojna" übernimmt er viele Stilemente aus "Ida", das fast-quadratische Akademie-Format, die Schwarz-Weiß-Farbgebung, das Setting im Polen der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Doch in Polen verharrt der Film nicht, er pendelt mit seinen Protagonisten, der Sängerin Zula und dem Komponisten Wiktor, zwischen den Systemen und Jahren. Im Gegensatz zu seinem zentralen Liebespaar verliert der Film dabei aber nie seine Idee von sich selbst und seiner künstlerischen Identität, sondern liefert eine pointierte Analyse davon, dass Künstlerinnen und Künstler weder im Sozialismus noch im Kapitalismus wirklich frei sein können.

Stalins Porträt

In einer Kaderschule für junge Musik- und Tanztalente in der polnischen Provinz lernen sich Wiktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig) 1949 kennen. Erst sollen hier nur Volkslieder und -tänze einstudiert werden. Doch bald haben die Funktionäre andere Ideen für die Kompagnie, und hinter den Sängerinnen mit ihren dicken, kornblonden Zöpfen wird alsbald Stalins Porträt ausgerollt. Lebt es sich im Westen besser?

Weniger aus Idealismus als der Hoffnung, dort ungestört mit seiner Schülerin Zula leben zu können, zieht Wiktor nach Paris. Doch dort ist der Pianist, der von Volksweisen umstandslos auf Jazz umstellt, anderen Dilemmata ausgesetzt. Überall und jedem muss er sich andienen, um an interessante Jobs zu kommen. Und Zula muss erst recht feststellen, dass von Frauen noch ganz andere Kompromisse erwartet werden.

Mit einem Darstellerpaar, das es an Talent und blendendem Aussehen locker mit Penélope Cruz und Javier Bardem aufnehmen kann, verleiht Pawlikowski seinem Film eine glänzende Oberfläche. Doch darunter harrt eine bittere Erzählung über die Kompromittierbarkeit von Künstlerinnen und Künstlern im Kampf der Systeme. So gelingt Pawlikowski das Paradox: Er lässt keine falschen Ideen über die Unabhängigkeit von Kunst aufkommen und erreicht genau das mit einem formvollendeten Kunstwerk. Der erste dringende Kandidat auf die Goldene Palme.

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