Godard in Cannes Auf den Spuren von Vergangenheit und Zukunft

Filmlegende Jean-Luc Godard zeigt sein neues Kinoexperiment in Cannes. "Le livre d'image" besticht durch technische Innovation und erinnert doch daran, wie schwer das Festival von seiner Machokultur loskommt.

Le Livre d'image
Festival de Cannes

Le Livre d'image

Aus Cannes berichtet


Wie sie es denn bewerkstelligen wolle, den neuen Film einer Legende wie Jean-Luc Godard mit einem Debütfilm aus Ägypten zu vergleichen, wurde Jury-Präsidentin Cate Blanchett am ersten Tag von Cannes gefragt. Sie würden jeden Film natürlich unabhängig von Verdienst, Alter oder Geschlecht seines Machers würdigen, antwortete Blanchett routiniert. Viel Spaß beim Versuchen! kann man ihr und ihren acht Mit-Jurorinnen und -Juroren nur wünschen - denn Godard ist in Cannes schlicht überall.

Seine Filme der Sechzigerjahre haben aus Frankreich erst das cinephile Land gemacht, in dem Cannes zu einem der kulturellen Höhepunkte des Jahres werden konnte. Ein Szenenbild aus seinem Klassiker "Pierrot le fou" ziert das offizielle Festivalplakat. Und Godard war es, der zusammen mit Truffaut, Lelouche, Malle und Polanski 1968 das Festival zum Abbruch brachte, da sie es angesichts der Studentenproteste im Land für unangebracht hielten, sich mit etwas anderem als Politik zu beschäftigen.

Mittlerweile ist Godard 87 Jahre alt und immerhin rüstig genug, um zwar nicht von seinem Wohnsitz in der Schweiz aus nach Cannes zu reisen, aber doch nach "Adieu au langage" von 2014 einen weiteren Film im Wettbewerb zu zeigen. "Le livre d'image" (Buch des Bildes) ist eine wilde Assemblage von Texten, Bildern und Tönen, in der Godard nach der Rolle von Bildern in Umbruchszeiten und nicht zuletzt in Kriegen forscht.

Jean-Luc Godard (2013)
DPA

Jean-Luc Godard (2013)

Gegen die Faulheit im Sehen

Unter dem Schlagwort "Remakes" besichtigt er zunächst Szenen aus Klassikern wie "Vertigo" oder "The River", um sie just in dem Moment abbrechen zu lassen, in dem das kollektive Filmgedächtnis sie weiterdenken kann. Immer gegen die Faulheit im Denken und Sehen agitierend, fragt Godard alsdann nach dem Verhältnis von Archiv und Moral, um zu dem Schluss zu kommen, dass Europas Idee von sich selbst gescheitert ist - nicht zuletzt auch deshalb, weil es immer wieder versucht hat, die Bilder seiner Geschichte zu verewigen, statt sie zu destabilisieren.

Mit einem Schwenk in die arabische Welt landet "Le livre d'image" schließlich in der Gegenwart und damit im Arabischen Frühling, den Schlachten des IS und beim eigenen Militarismus. "Ich bin immer auf der Seite der Bombe", verlautbart Godard aus dem Off, "denn es gibt kein anderes Mittel gegen die Regime."

Für Filme wie "Le livre d'image" wird Godard seit einigen Jahrzehnten auch gehasst. Oscar-Gewinner Michel Hazanavicius ("The Artist") hat aus seinem Groll darüber, dass Godard unter dem Eindruck von '68 seinem eigenen Kino abgeschworen hat, einen ganzen Film gemacht - getarnt als launiges Biopic. "Le redoutable" (Der Widerwärtige) lief 2017 in Cannes und zeigte Godard als Trottel, der bei jeder Studenten-Demo, auf der er mitläuft, seine Brille und damit metaphorisch auch den Durchblick verliert.

Jean-Luc Godard (1968)
Getty Images

Jean-Luc Godard (1968)

So einfach sollte man es sich aber nicht mit den späteren Godard-Filmen machen, denn wie schon in "Adieu au langage", der aus 3D nie gesehene, kopfschmerzhafte Effekte herausholte, besticht "Le livre d'image" durch technische Kühnheit. Immer wieder wechselt das Bildformat, streckt sich über die Leinwand, springt in die Höhe oder krümmt sich zum Quadrat. Man kennt diesen Effekt vom Heimfernseher, wenn man per Fernschaltung nach dem richtigen Format sucht und dabei feststellt, wie anders ein Bild wirken kann, wenn die Gesichter der Schauspieler in die Breite verzerrt werden oder plötzlich den gesamten Bildschirm einnehmen.

Der Geist von Harvey Weinstein

Im Kino lässt sich dieser Effekt des Versuchens und Verwerfens von Formaten nur mit der Flexibilität einer digitalen Projektion erzielen. "Le livre d'image" ist deshalb ein bestechend guter Grund für diese oftmals gescholtene Art der Filmvorführung. Zelluloid-Fetischisten wie Christopher Nolan, der passenderweise an diesem Samstag eine 70mm-Kopie von "2001 - Odyssee im Weltall" in Cannes präsentiert, erscheinen im Vergleich dazu geradezu fantasielos und gehemmt.

Zu einer Verklärung von Godard lädt Cannes 2018 trotzdem nicht ein, denn seinem Werk ist ein Machismo eingeschrieben, den das Festival teilt und den es trotz gegenläufiger Bemühungen partout nicht loswird. Wieder hat es Festivalchef Thierry Frémaux nicht geschafft, den absurd niedrigen Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb zu steigern. Claire Denis, Mia Hansen-Love oder Joanna Hogg sucht man im Programm vergebens, dafür prangt im Katalog ein Foto von Godard, auf dem er eine riesige Zigarre aus dem Mund in die Höhe reckt. Eine phallischere Raumnahme kann man sich kaum vorstellen.

Und selbst den Geist von Harvey Weinstein, der in Cannes seine größten Erfolge feierte (Goldene Palme für "Pulp Fiction") und womöglich seine schwersten Verbrechen beging (die Vergewaltigung von Asia Argento), kann man in Godards Werk nachspüren. In "Die Verachtung" von 1963 gibt es diesen Produzent, der seiner Assistentin Geld nicht übergibt, sondern es ihr vor die Füße wirft, damit sie sich bücken muss. Der sich an die Ehefrau seines Drehbuchautors ranmacht, ohne dass der protestiert. Der sich am Set freut, wie prüde sich die Schauspielerinnen auch geben könnte: Wenn die Kamera laufe, würden sie sich trotzdem ausziehen.

Godard, das zeigt sich 2018, ist nicht nur die Geschichte des Kinos, er ist dessen Zukunft und leider auch noch dessen Gegenwart.

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Newspeak 14.05.2018
1. ...
"Im Kino lässt sich dieser Effekt des Versuchens und Verwerfens von Formaten nur mit der Flexibilität einer digitalen Projektion erzielen. [...] Zelluloid-Fetischisten wie Christopher Nolan, der passenderweise an diesem Samstag eine 70mm-Kopie von "2001 - Odyssee im Weltall" in Cannes präsentiert, erscheinen im Vergleich dazu geradezu fantasielos und gehemmt." Christopher Nolan hat in Dunkirk verschiedene Formate verwendet, was man, wenn man den Film in einem IMAX Kino gesehen hat, auch sehen konnte. Godard ist einer jener Kuenstler, die allein um des Experiments willen experimentieren, was manchmal geniale Resultate zeitigt, aber ueber lange Strecken nur ermuedend ist und langweilig. Dagegen schafft es Nolan, arthouse Anspruch mit Mainstream Storytelling zu vereinen.
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