Cannes 2018 Plündern am Tag des Sieges

Glamouröses und Politisches, geht das zusammen? Die Filmfestspiele in Cannes straucheln bei dieser Herausforderung mit dem Eröffnungsfilm. Doch eine furiose Abrechnung mit dem Krieg in der Ukraine zeigt den Ausweg.

"Todos Lo Saben"
Memento Films/ Festival de Canne

"Todos Lo Saben"

Aus Cannes berichtet


Manchmal muss man gar nicht ins Kino gehen. Manchmal reicht es schon aus, sich die Lage von Regisseurinnen und Regisseuren anzusehen, um zu verstehen, in was für unfreien Zeiten wir leben. Der Iraner Asghar Farhadi, Regisseur des Cannes-Eröffnungsfilms "Todos lo saben" ("Everybody Knows"), war von Donald Trumps Bann für Reisende aus ausgewählten muslimischen Ländern betroffen, als er im vergangenen Jahr den Oscar für "The Salesman" als bester fremdsprachiger Film gewann.

Wanuri Kahiu präsentiert den ersten kenianischen Film, der jemals in der offiziellen Auswahl des Festivals lief. Doch in ihrer Heimat ist "Rafiki" bereits verboten, da er eine lesbische Liebe zeigt. Und der ukrainisch-stämmige Sergei Loznitsa, Regisseur des Eröffnungsfilms der Nebenreihe Un Certain Regard, dreht einen furiosen Film nach dem nächsten über Russland, ohne im Land drehen zu können.

Glamour und Politik?

Lange Zeit hat sich Cannes gewunden, Politik in sein Programm einfließen zu lassen. Doch 2018 kann es keine Enthaltung mehr geben, zu politisiert sind mittlerweile die Umstände, unter denen Filme entstehen und gezeigt werden. Also hat man sich auch an der Croisette aufgerafft, um seine Aufmerksamkeiten stärker auf die gute Sache als den Glamour auszurichten. Und manchmal muss sich das ja auch nicht ausschließen - so lautete zumindest das Versprechen von "Todos lo saben".

Farhadi ist mit seinen in Iran gedrehten Kammerspielen über Menschen, die zwischen persönlichen Nöten und gesellschaftlichen Zwängen aufgerieben werden, berühmt geworden. 2013 hat er seine Spielart des politischen Beziehungsdramas mit "Le Passé" zum ersten Mal außerhalb Irans in Frankreich ausprobiert. Nun ist Spanien dran - und auch gleich dessen größte Stars Penélope Cruz und Javier Bardem.

Für die Hochzeit ihrer jüngsten Schwester kehrt Laura (Cruz) nebst Kindern aus Argentinien in die spanische Kleinstadt zurück. Das Städtchen ist von der spanischen Wirtschaftskrise gezeichnet, Laura und ihr reicher Mann gelten hier als Bonzen.

Wie groß die Missgunst wirklich ist, wird jedoch erst klar, als Lauras Teenager-Tochter während der Hochzeit entführt wird. Geld gebrauchen kann im Städtchen jeder - und alte Rechnungen sind auch noch offen, nicht zuletzt die, die Lauras Familie mit Weinbauer Paco (Bardem) hat, der einst viel zu günstig Land von ihnen bekam. Schnell fangen die Verdächtigungen an, wer hinter der Entführung stecken könnte.

Doch vor dem Verbrechen werden erst einmal diverse Geheimnisse der Dorfbewohner aufgedeckt, einige davon allerdings aus den unteren Registern der Soap-Opera. Vor Verblüffung darüber, dass sich ein so kluger Drehbuchschreiber wie Farhadi plötzlich am billigen Melodram versucht, gab es in der Pressevorführung öfters Lacher - auch das eine Neuheit in Cannes. Das mäßige Spiel des Glamour-Paars Bardem und Cruz, die wahlweise weiblich-zerrüttet oder männlich-gestanden durch den mäandernden Plot steuern müssen, tut sein Übriges, um aus "Todos lo saben" Farhadis bislang schwächsten Film zu machen.

"Rafiki"
Festival de Cannes

"Rafiki"

Mit der Selbstgefälligkeit des europäischen Arthouse-Kinos mit seinen Stars kann Wanuri Kahiu natürlich nicht dienen. Die 37-jährige Kenianerin rutschte gleich zweimal hintereinander in die Branchen-Schlagzeilen: Erst als Regisseurin von Kenias Cannes-Debüt, dann durch das Verbot von "Rafiki" (Suaheli für Freundin) in ihrer Heimat. Homophobie und deren offizielle Duldung sind Thema des Films, nun wurde er selbst Opfer davon.

Erste Zärtlichkeiten

In einem Straßencafé in Nairobi lernen sich Kena (Samantha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyia) kennen. Für ihre Freundinnen und Freunde ist offensichtlich, was die beiden verbindet: Ihre Väter treten bei den anstehenden Lokalwahlen an. Den zwei Abiturientinnen ist hingegen schnell klar, wie viel mehr sie verbindet. Erste Küsse und dann eine Liebesnacht bleiben noch geheim, doch schließlich werden sie eines Tages von Zikis Mutter überrascht.

Was sich dann an Zorn und Gewalt über sie ergießt, ist leider zu gut bekannt aus dem gar nicht mehr so neuen New Queer Cinema. Dessen Erzähl- und Motivwelten hat Kahiu jenseits des urbanen Settings und ihrer charismatischen Darstellerinnen nichts hinzuzufügen.

"Donbass"
Festival de Cannes

"Donbass"

Und so bleibt es an Cannes-Veteran Sergei Loznitsa, den neuen politischen Anspruch auch filmisch einzulösen. Schon in "Maidan" hat sich der Wahlberliner mit den Umwälzungen in der Ukraine beschäftigt. Wo er 2014 noch dokumentarisch zu ordnen versuchte, was in seinem Geburtsland passiert, scheint er 2018 zu Sicherheiten gelangt zu sein: "Donbass", sein neuer Spielfilm, ist sein bislang leidenschaftlichster und parteiischster.

Formal scheint sich nichts verändert zu haben. Wie zuletzt in "Die Sanfte" verschränkt Loznitsa disparate Episoden ineinander, die von Verrohung und Gewalt in der ehemaligen Sowjetunion erzählen. Das Sittengemälde fügt sich bei "Donbass" viel schneller zusammen: Es zeigt die Ostukraine als Kriegsgebiet, das die russischen Streitkräfte zur moralischen und wirtschaftlichen Plünderung benutzen.

Oberflächlich sind die Kampfeinsätze mit den Symbolen und Rhetoriken des "großen vaterländischen Kriegs", also dem Zweiten Weltkrieg, versehen, sodass der ukrainische Widerstand zu Faschismus umgedeutet werden kann. In diesem Zusammenhang sticht der Premierentermin von "Donbass" ins Auge: Die schärfste filmische Anklage gegen den Krieg in der Ostukraine am 9. Mai zu zeigen, also an dem Tag, an dem in Russland traditionell der Sieg über Nazideutschland gefeiert wird, ist eine wuchtige Geste, die man von Cannes nicht erwartet hätte. Die erste Überraschung des Festivals ist geglückt.

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