Cannes 2018 Im Todeskorridor

Zum Auftakt des Filmfestivals stellen sich alle nur eine Frage: Können Filmkritiker einen Film kaputt machen? Cannes sieht das so und hat mit einer Neuregelung für Pressevorführungen reagiert.

Abdul Khalim Mamutsiev (links) und Bérénice Bejo in "The Search"
DPA/ Cannes Film Festival

Abdul Khalim Mamutsiev (links) und Bérénice Bejo in "The Search"

Von


An den 21. Mai 2014 erinnert sich Michel Hazanavicius nur mit Schrecken. "Das war kein roter Teppich, das war ein Todeskorridor." An diesem Tag hatte sein neuer Film "The Search" Premiere in Cannes. Drei Jahre zuvor hatte der Franzose noch "The Artist" auf dem Festival präsentiert, eine leichtfüßige Stummfilm-Hommage, die von Cannes aus zu einem Triumphzug ansetzte, der erst neun Monate später mit fünf Oscars enden sollte.

Mit "The Search" war Hazanavicius nichts dergleichen vergönnt. "Sie hassten ihn, sie töteten ihn am Morgen", sagt er über die Reaktion der Kritiker:innen, die das Bürgerkriegsdrama in einer morgendlichen Pressevorführung sahen. "Als ich zur Abend-Vorführung ging, fühlte ich mich, als wäre ich zum Tode verurteilt."

2018 müssen Regisseur:innen in Cannes keine Todesurteile mehr fürchten - jedenfalls nicht vor Beginn ihrer großen Premierengala. In diesem Jahr hat das Festival sein Programmschema umgestellt und Pressevorführungen entweder parallel zu oder nach den offiziellen Premieren angesetzt. "Es wird total aufregend werden", witzelte Festivalleiter Thierry Frémaux, als er die Neuerung ankündigte.

Nun heißt es, sich neu zu organisieren. Da eine Nacht zwischen die Spätpremiere und die Pressevorführung geschoben worden ist, müssen Tageszeitungsjournalist:innen damit rechnen, dass ihre Kritiken erst zwei Tage nach der Premiere erscheinen. Und Kolleg:innen mit schlechteren Akkreditierungen (Cannes unterscheidet in fünf Farbcodes je nach Prestige und Leserschaft des Mediums) sorgen sich schon jetzt, wann sie überhaupt einen Film zu sehen bekommen, wenn die abendlichen Galas das größte Kino belegen und für die Presse-Screenings nur die halb so großen Säle bleiben.

So könnten die Neuregelungen genau die Tendenzen verstärken, die sie eigentlich bekämpfen sollten: Die Bevorteilung der digitalen Medien wächst, da ihre Reaktionszeiten weniger eingeschränkt werden als die der Printmedien - und die Gereiztheit der Journalist:innen nimmt zu.

"Ich habe immer noch Angst"

Für eben diese Gereiztheit ist Cannes berühmt-berüchtigt. Nirgendwo wird so ausgiebig und ungehemmt gebuht wie hier. Selbst spätere Klassiker wie "Taxi Driver" oder "Pulp Fiction" hat der Unmut schon getroffen. Und auch jüngere Festival-Lieblinge werden nicht verschont. Nach vier umjubelten Premieren an der Croisette fiel Xavier Dolan 2016 mit seinem überschwänglichen Melodram "Einfach das Ende der Welt" rauschend bei der Kritik durch. "Ich habe immer noch Angst, Leute zu enttäuschen und kritisiert oder lächerlich gemacht zu werden", sagt Dolan über die Erfahrung. "Vorher ging mir das nicht so."

Fotostrecke

8  Bilder
"Einfach das Ende der Welt": Die Unmöglichkeit einer Familie

Wilden Gerüchten zufolge soll die harsche Kritik Festivalchef Frémaux 2016 so verschreckt haben, dass er interveniert haben soll, als die Jury überlegte, Dolan den Hauptpreis zu geben. Am Ende ging die Goldene Palme an Ken Loachs "I, Daniel Blake", die Kritik zeterte, warum "Toni Erdmann" übergangen wurde, und Xavier Dolan lehnte es ab, seinen neuen Film "The Death and Life of John F. Donovan" in Cannes zu zeigen.

So viel Einfluss einer Gruppe unausgeschlafener und unzuverlässiger Menschen - zum Kinostart einige Monate später erhielt "Einfach das Ende der Welt" deutlich bessere, teils sogar euphorische Kritiken - erscheint verfehlt. Andere Festivals, etwa die Berlinale, arbeiten daher bei Weltpremieren mit Sperrfristen. Obwohl die Pressevorführungen zum Teil Wochen vorher angesetzt sind, dürfen Kritiken erst nach Start des offiziellen Festival-Screenings veröffentlicht werden.

In Zeiten von Blockbuster-Schwemmen

"So ist uns dieser eine Moment auf dem roten Teppich vergönnt, wo noch alles offen ist", sagt Janine Jackowski von Komplizenfilm. Die Produzentin ist 2018 zum dritten Mal in Folge in Cannes vertreten, nach "Toni Erdmann" und "Western" diesmal mit Ulrich Köhlers "In meinem Raum" in der Nebenreihe "Un Certain Regard".

Trotz des Begeisterungssturms, den "Toni Erdmann" in der Cannes-Pressevorführung auslöste und der in die spätere Gala-Vorstellung schwappte, hält sie die Einführung von Sperrfristen für sinnvoll. Die würden keine Verrisse verhindern, aber das "Geschmäckle", so Jackowski, das Filme über kurz oder lang entwickeln, würde sich etwas langsamer herausbilden: "Als Produzentin sehe ich auch die wirtschaftliche Seite: Der Wert eines Films sinkt sofort, wenn die Kritiken schlecht sind."

Auf der Basis einer ähnlichen Analyse haben die großen Hollywood-Studios schon vor Jahren Konsequenzen gezogen. Ihre größten Produktionen, etwa die neuesten "Avengers"- oder "Star Wars"-Filme, werden der Presse mittlerweile erst zwei, drei Tage vor Kinostart gezeigt und die Kritiken mit einer Sperrfrist belegt. Die Logik dahinter: In Zeiten von Blockbuster-Schwemmen müssen 100-Millionen-Dollar-und mehr-Filme ihr Produktionsbudget idealerweise über das erste Wochenende einspielen, sonst schwinden die Chancen, dass sie angesichts der schnell folgenden Konkurrenz auch den Rest ihrer Kosten - nämlich das Werbebudget, das meist genauso hoch ist - mittelfristig einspielen.

Fans gegen Filme

Schlechter Vorab-"Buzz" haut in diesem Modell besonders hart rein, weshalb Studios und Verleiher mitunter wohl lieber ganz auf die Vermittlerfunktion der Kritik verzichten würden, damit zwischen Film und Fans nichts steht. Doch schaut man sich einige der meistdiskutierten Blockbuster der vergangenen Jahre an, war es häufig nicht die Kritik, die für den schlechten Ruf eines Films gesorgt hat.

Die "Ghostbusters"-Neuverfilmung mit rein weiblichem Ensemble war zum Beispiel einem frauenfeindlichen Shitstorm ausgesetzt, der von vermeintlichen Fans der Filmreihe noch vor dem Kinostart losgetreten worden war. Und während die Kritik die neue "Star Wars"-Episode "Die letzten Jedi" als geglückte Modernisierung des Franchise feierte, löste der Film unter vielen Fans heftige Abwehrreaktionen aus. Entweder franste ihnen der Plot zu sehr aus oder es kamen zu viele Frauen und nicht-weiße Darsteller vor.

Die Kritik kann also manchmal auch die stärkste Verbündete eines Films sein - vor allem wenn es sich dabei um kleine Produktionen aus nicht-englischsprachigen Ländern mit wenig bekannten Darstellern handelt. Für sie sind positive Besprechungen unerlässlich, damit sie es aus dem Festivalbetrieb heraus überhaupt in die Kinos schaffen. Ausgerechnet in diesem Jahr haben es viele solcher Produktionen in den Wettbewerb von Cannes geschafft, was für ein Paradoxon sorgt: Die neuen Regelungen scheinen darauf abzuzielen, die Arbeit von Kritikern zu regulieren und abzuwerten. "Wenn die großen Namen fehlen, steigt jedoch die Bedeutung von Kritikern, die nächsten auteurs zu entdecken und zu fördern", hat Branchen-Veteranin Anne Thompson von "Indiewire" angemerkt.

Ob für Entdeckungen und Förderung in diesem chaotischen Jahr jedoch Zeit und Nerven bleiben? Womöglich steht 2018 ein Duell zwischen Cannes und den Kritiker:innen an, bei dem verliert, für wen eigentlich beide Seiten - Festival und Kritik - mit aller Leidenschaft kämpfen sollten: für Filme, deren Wert sich allein aus ihrem künstlerischen Wagemut ergibt.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.