Cannes-Chef Thierry Frémaux "Im Falle eines Scheiterns fühle ich mich voll verantwortlich"

Viele Debütanten, viel Politisches, aber kaum Frauen: Wie kommt die Filmauswahl in Cannes zustande? Festivalleiter Thierry Frémaux erklärt seine Kriterien und sagt, was Kino dem Fernsehen voraus hat.

Thierry Frémaux
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Zur Person
    Thierry Frémaux, geboren 1960 in Lyon, studierte Kunst- und Sozialgeschichte, bevor er die Leitung des filmhistorischen Instituts Lumière in seiner Heimatstadt übernahm. Seit 1999 arbeitet er für das Festival von Cannes, seit 2003 ist er für das Programm, die "Sélection officielle", verantwortlich. Was Frémaux für den Wettbewerb um die Goldene Palme auswählt, erhält Weltöffentlichkeit - und wird deshalb umso leidenschaftlicher diskutiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frémaux, an der diesjährigen Auswahl fällt auf: Zehn der Regisseure, also fast die Hälfte, haben Sie zum ersten Mal in den Wettbewerb eingeladen. Ein Zeichen der Erneuerung?

Frémaux: Wenn wir mit der Auswahl beginnen, beschließen wir nicht, sie zu überholen, denn das wäre eine Beleidigung für die Filmemacher, die den Ruhm von Cannes geschaffen haben und die sich nun fragen würden, warum sie für ihr Ansehen "bezahlen" sollten. Aber in diesem Winter hat sich bei der Sichtung der Werke junger Filmemacher die schöne Gelegenheit ergeben, mutig zu sein. Es wird Cannes manchmal vorgeworfen, sich auf denselben Filmemachern auszuruhen. Ich hoffe, dass die Presse und die Festivalbesucher unserer Intuition folgen und die jungen Triebe des Weltkinos begeistert begrüßen werden.

SPIEGEL ONLINE: Der iranische Regisseur Jafar Panahi ist zum ersten Mal Gast des Wettbewerbs. Eigentlich heißt es, dass er seit 2010 Arbeitsverbot habe. Doch anscheinend duldet der iranische Staat seine Aktivitäten - schließlich dreht er weiter und zeigt seine Filme im Ausland. Was können Sie uns über Panahis aktuelle Situation sagen?

Frémaux: Jafar Panahi steht "unter Hausarrest", was bedeutet, dass er das Land nicht legal verlassen kann, und wenn er es illegal verließe, könnte er möglicherweise nicht zurückkehren. Also bleibt er zu Hause, macht "kleine" Filme und schickt sie ins Ausland. In Cannes gewann er vor einigen Jahren die Caméra d'or, jetzt läuft er zum ersten Mal im Wettbewerb, wir sind sehr stolz und sehr glücklich. Und wir tun alles, was wir können, um sein Land davon zu überzeugen, ihn kommen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Zu den letzten Überraschungen Ihres Programms gehört die Einladung von Terry Gilliam, der mit seinem langjährigen Projekt "The Man Who Killed Don Quijote" den Abschluss machen soll. Doch es gibt einen andauernden Rechtsstreit darüber, wer die Rechte an dem Film hält. Hat das Festival eingegriffen, um die rechtlichen Probleme zu lösen?

Frémaux: Nein. Das Festival hat einen Film ausgewählt, der vom Regisseur, den Produzentinnen, einem französischen Verleiher und einem internationalen Vertrieb präsentiert wurde. Wir kannten die Probleme, aber Terry Gilliam ist wirklich der Autor seines Films. Paulo Branco, der behauptet, der Produzent zu sein, will die Vorführung in Cannes verbieten. Ich hoffe, sein Manöver scheitert.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem 2017 veröffentlichten Tagebuch "Sélection officielle" schreiben Sie, dass ohne Genrefilme die Geschichte des Kinos um 80 Prozent seiner Substanz beraubt würde. Und doch zeigen Sie kaum 20 Prozent Genrefilme in Cannes und noch weniger im Wettbewerb. Mischen sich Genre und Festivals nur in kleinen Dosen?

Frémaux: Ich würde gerne mehr davon zeigen, aber die Presse ist oft zurückhaltend. Und Festivals sind dazu da, den Ruhm des Autorenkinos zu mehren. Die Regisseure des Genrekinos sind natürlich auch Autoren, und wir haben das unterstrichen, indem wir "Pans Labyrinth" von Guillermo del Toro für den Wettbewerb ausgewählt haben. Aber das "scharfe und radikale" Autorenkino braucht Orte wie die großen Festivals, um zu existieren und der breiten Öffentlichkeit vorgestellt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: In "Sélection officielle" sprachen Sie von einer Verantwortung, die Sie einem Regisseur wie Sean Penn gegenüber haben. Dessen Film "The Last Face" hat bei Kritikern und Publikum eine seltene Einmütigkeit hervorgerufen - im Schlechten. Haben Sie es jemals bedauert, einen Film programmiert zu haben, der bei der Kritik durchgefallen ist?

Frémaux: Ja, ich fühle mich mit den Filmen solidarisch. Einen Film auszuwählen, heißt nicht: "Den mag, den nicht" oder "Der ist gut, der nicht", sondern "Soll dieser Film nach Cannes gehen oder nicht?" Deshalb fühle ich mich im Falle eines Scheiterns voll verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Ihr Buch liest, kann man den Eindruck gewinnen, dass die Erfahrung mit "The Last Face" Ihre Entscheidung beeinflusst hat, Filme nicht mehr der Presse zu zeigen, bevor die Filmcrews über den roten Teppich gelaufen und die offizielle Gala-Premiere begonnen hat. Sind die Presseberichte heute eine Gefahr für die Interessen des Festivals und seiner Gäste?

Frémaux: Absolut nicht. Dieses neue Programmraster ist nur Ausdruck unseres Wunsches, die offizielle Premiere eines Films aufzuwerten. Zuletzt stand die Gala-Nacht aufmerksamkeitstechnisch nur an dritter oder vierter Stelle, denn der Film war längst Gegenstand von Mundpropaganda, bereits erschienenen Kritiken und unzähligen Kommentaren in sozialen Netzwerken.

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SPIEGEL ONLINE: Eines der großen Themen, die die Ankündigung Ihrer Auswahl begleitet haben, ist die Abwesenheit einiger der aufregendsten Regisseurinnen der Welt. Was sagen Sie denen, die befürchten, dass in Cannes nicht die besten Werke von Frauen zu sehen sind?

Frémaux: Die Aufwertung der Abwesenden gehört zu den klassischen und nutzlosen Dingen des Vorabberichts zu Cannes. Ich kann diese Frage nicht beantworten, wenn Sie keine Namen nennen und garantieren, dass Sie die Filme dieser Regisseurinnen sowie alle Filme in der Auswahl gesehen haben, um zu beweisen, dass die ausgewählten Regisseurinnen nicht auch zu den aufregendsten der Welt gehören.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Schritte angekündigt, um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in Ihren Auswahlkommissionen ins Gleichgewicht zu bringen. Was haben Sie getan?

Frémaux: Wir haben die Anzahl der Frauen und Männer besser verteilt. Wir haben fast ein Gleichgewicht.

SPIEGEL ONLINE: Reflektieren Sie Ihre Kriterien über diese neue Gewichtung hinaus? Sind Sie sich der Tatsache bewusst, dass Ihr Blick auf Filme unter anderem dadurch geprägt ist, dass Sie männlich, cisgender, weiß und französisch sind?

Frémaux: Wenn Sie sagen "weiß, männlich und französisch", machen Sie mir nicht implizit Vorwürfe, dass ich das bin, was ich bin? Möchten Sie eine Frage zu meiner Sexualität hinzufügen und mich fragen, welche Partei ich wähle, um zu wissen, ob all dies meine Entscheidungen beeinflusst? Das würde bedeuten, dass ich keinen afrikanischen Film von einer Frau auswählen kann, die eine homosexuelle Geschichte erzählt? Das wäre naiv und würde alle Leistungen eines Kurators ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Wo kann man Ihrer Erfahrung nach heute noch Entdeckungen im Kino machen? Welchen Stellenwert hat es im Verhältnis zum Fernsehen?

Frémaux: Das "goldene Zeitalter des Fernsehens" fordert den ersten Platz des Kinos im Herzen des Publikums heraus, stellt aber für mich nicht seine Bedeutung, seine Notwendigkeit, seine erzählerische Kraft infrage. Ein Film ist ein poetischer Akt, kein industrieller Akt, der "in Serie" produziert wird. Er ist von einem Künstler geprägt, er hat einen einzigartigen Platz in einer Kultur, die geprägt ist von Kritik, Ästhetik und einer Vielzahl an soziologischen Merkmalen, die man zusammen Cinephilie nennt. Unter diesem Gesichtspunkt können wir vom Kino noch viel erwarten.

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