Cannes "Chunhyang" - Länge ohne Langeweile

2000 ist offenbar das Jahr der langen Wettbewerbsfilme in Cannes. Doch nicht jeder lange Film muss lang wirken. Das zweistündige südkoreanische Liebesepos "Chunhyang" aus dem 13. Jahrhundert, präsentiert in Form einer Pensori-Oper, wirkt durch seine Bilderschönheit, exotische Form und eindringliche Geschichte stimulierend und kurzweilig.

Von Stephen Locke


Von den 23 Filmen im Wettbewerb bleiben genau zwei unter der Ideallänge von 90 Minuten. Zehn Werke dauern zwei Stunden oder länger, zwei darunter sogar über drei Stunden. Wie man an "Eureka" (3 Stunden 37 Minuten aus Japan) oder "Yi Yi" (2 Stunden 53 Minuten aus Taiwan) merkt, können aber auch lange Filme bis zum letzten Augenblick spannend bleiben. Umso merkwürdiger, dass der Generaldelegierte Gilles Jacob die Ablehnung des neuen Films "Der Krieger und die Kaiserin" von Tom Tykwer dem Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, gegenüber damit begründet haben soll, er wolle keinen Film aus Deutschland nehmen, der länger als zwei Stunden dauere.

Regisseur Im Kwon-Taek mit Schauspielern aus seinem Film "Chunhyang"
REUTERS

Regisseur Im Kwon-Taek mit Schauspielern aus seinem Film "Chunhyang"

"Chunhyang", die opulente Produktion des führenden südkoreanischen Regisseurs Im Kwon-Taek, beginnt mit einem Pensori-Sänger, der vor einem Live-Publikum die Geschichte des Films in sonoren, halb gesungenen, halb gerufenen Tönen vorträgt, begleitet von einem Trommler auf der "Puk" (Doppeltrommel). Der Sänger Cho Sang-Hyun, ein großer Meister seines Faches, erntete Sonderbeifall im Kino für das erste Lied.

Die opernhafte Handlung geht bald in Spiel über, manchmal vom Gesang Hyuns begleitet, manchmal allein. Mongryong (Cho Sueng-Woo in seiner ersten Rolle), Sohn des Gouverneurs von Namwon, erblickt bei einem Festival ein bezauberndes Mädchen auf einer Schaukel. Es ist Chunhyang (von der 17jährigen Yi Hyo-Jeong - ebenfalls in ihrer ersten Rolle - hinreißend gespielt), Tochter einer früheren Kurtisane, die ebenso schön wie intelligent ist. Mongryong dokumentiert seine Absicht, sie zu heiraten, mit einem kalliographischen Pinselstrich auf ihrem Kleid, und das Paar geniesst seine leidenschaftliche Liebe in Erwartung einer vom Gouverneur sanktionierten Hochzeit.

Doch zunächst muss Mongryong seinem Vater in die Hauptstadt folgen, um sein Examen zu machen. Drei Jahre dauern die Studien. Drei Jahre, in denen Chunhyang nichts von ihm hört.

Inzwischen kommt ein neuer Gouverneur, Byun Hakdo, in die Provinz und bestellt sofort alle Kurtisanen in den Palast. Da Chunhyang, von deren Schönheit er gehört hat, nicht erscheint, lässt er sie von seinen Soldaten holen. Als Tochter einer Kurtisane gilt auch sie als Kurtisane, sagt er. Sie besteht jedoch darauf, nur Mongryong zu gehören. Byun Hakdo lässt sie auf grausame Weise auspeitschen.

Mongryong besteht seine Prüfungen als Erster und wird zum Beauftragten des Königs in die Provinz geschickt, um über die Gerechtigkeit im Lande zu befinden. Am Tag der bevorstehenden Hinrichtung Chunhyangs gibt er sich als Bote des Königs zu erkennen.

Diese klassische Geschichte bestätigt - auch kraft ihrer ungewöhnlichen Erzählform - noch einmal die gegenwärtige Stärke des asiatischen Kinos. Länge hin oder her.



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