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Cannes-Eröffnung: Wo selbst Gummipuppen eine Seele haben

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier

Der Festspielchef bewies Mut zum Risiko - und wurde belohnt: Zur Eröffnung des Filmfestivals von Cannes erwies sich der so traurige wie leichte Animationsfilm "Oben" als Volltreffer. Und dann? Zutiefst menschliche Filme über Hexerei, Seelenwanderung - und Sexpuppen.

Viel Mut zum Risiko bewies der Festivalchef Thierry Frémaux mit seiner Entscheidung, zur Eröffnung Disneys neuen Animationsfilm "Oben" zu zeigen. Darin tritt ein Rentner eine Flugreise mit dem eigenen Haus an, das er mit Tausenden von Ballons in die Luft steigen lässt. Es ist wohl kaum ein Film denkbar, der seinen Rezensenten derartig viele Kalauer für Verrisse aufdrängt. Wie wäre es mit "Luftnummer in Cannes", "'Oben' abgestürzt" oder "Zerplatzte Träume an der Croisette"?

So liefen zur Eröffnung viele junge Damen, die ihrerseits bisweilen ein wenig pneumatisch aussahen, die Festivalmeile auf und ab und verteilten Luftballons mit der Aufschrift "Up" an die Passanten. Das war zwar nett und freute die Kinder, hatte aber irgendwie den diskreten Charme des Europawahlkampfs. Den Ballons bleibt schließlich nichts anderes übrig, als steil in die Höhe zu steigen; ein Film hebt weitaus schwerer ab. Und war die Disney-Aktie nicht unlängst gesunken, nachdem Börsenanalysten Zweifel an den Erfolgsaussichten von "Oben" geäußert hatten?

Nun ist "Oben" von der Startrampe Cannes abgefeuert worden. Es kann ihn hoch hinaus tragen. Denn der Film ist gut. Um zu zeigen, wie gut er ist, machen wir mit den Kalauern weiter, bis keiner mehr übrig ist: Die Pixar-Produktion "Oben" behandelt schwere Themen wie Alter, Tod und Einsamkeit sehr ernsthaft und dennoch mit so leichter Hand, dass man es nie als Ballast empfindet. Auch wenn der Film manchmal derart traurig ist, dass es fast schmerzt, zieht er die Zuschauer niemals herunter. Er hält sie in einem wundersamen Schwebezustand zwischen Himmel und Erde, Trauer und Glück, Lachen und Weinen.

Der Regisseur und Drehbuchautor Pete Docter ("Die Monster-AG") erzählt in "Oben" von dem 78-jährigen Ballonverkäufer Carl, der ein Leben lang davon träumt, zusammen mit seiner Frau Ellie eine Reise nach Südamerika zu unternehmen. Doch erst nach Ellies Tod, als ihr gemeinsames Haus vom Abriss bedroht ist und ringsherum Wolkenkratzer in die Höhe schießen, rafft er sich auf. Und der einzige Weg ans Ziel der Träume führt: nach oben. Doch ein achtjähriger Pfadfinder namens Russell hat sich als blinder Passagier mit ins fliegende Haus geschmuggelt.

Zu Anfang wirkt "Oben" wie ein 3D-Remake von Doris Dörries Melodram "Kirschblüten". In Minuten durchmisst der Film die Jahrzehnte einer Liebe, Hoffnungen, Enttäuschungen, Träume, die immer wieder an der Wirklichkeit zu zerbrechen drohen. So erwachsen wie in dieser überaus lakonischen und doch zutiefst berührenden Montagesequenz war das Genre des Animationsfilms vielleicht noch nie; danach beginnt ein großes Abenteuer mit riesigen, bunten Vögeln, sprechenden Hunden und einem Bösewicht, der aussieht wie Kirk Douglas.

Es gelingt dem Film, die Welt mit dem abgeklärten Blick eines alten Mannes und zugleich mit neugierigen Kinderaugen zu betrachten. "Oben" hat einen weisen Verstand, ein junges Herz und passt überdies wie kaum ein anderer Film in die krisengeschüttelte Zeit: "Es ist ja nur ein Haus", sagt der Ballonverkäufer am Ende, als er endgültig sein geliebtes Eigenheim aufgeben muss. Doch so leicht wie in "Oben" trennt sich nicht jeder von seinem Besitz. In Sam Raimis Horrorfilm "Drag Me to Hell", der einer Woche in Cannes laufen wird, rächt sich eine alte Frau, die ihr Haus räumen muss, weil sie ihre Raten nicht mehr bezahlen kann, bitter: Sie verhext die für sie zuständige Bankangestellte.

Um diese Frage wird es in Cannes also gehen: Was bleibt von den Menschen übrig, wenn sie ihren irdischen Besitz hinter sich lassen müssen? Das Beste, sagt Pete Docter in "Oben"; das Schlechteste, sagt Sam Raimi in "Drag Me to Hell". Glaubt man den Inhaltsangaben der Filme, dann rücken die Regisseure ihren Figuren in diesem Jahr ganz besonders dicht auf die Seele.

Während der Rentner Carl in "Oben" bei seiner verstorbenen Frau Rat sucht, aber keine Antwort bekommt, nimmt der französische Regisseur Gaspar Noé die Idee vom Leben nach dem Tod wörtlich: In seinem Wettbewerbsbeitrag "Enter the Void" wird der Held erschossen, doch sein Geist irrlichtert weiter durch das Leben seiner Schwester.

Marina De Vans Film "Ne te retourne pas" verheißt eine Seelenwanderung zwischen den Körpern von Sophie Marceau und Monica Belucci. Von einer Gummipuppe, die ein eigenes Gefühlsleben und Bewusstsein entwickelt, erzählt gar der Japaner Kore-Eda Hirokazu in "Air Doll".

Was macht uns zu Menschen, will er wissen. Ist es der Atem, der uns eingehaucht wird, die Luft, die uns ausgeht? Fragen über Fragen. Die Säle in Cannes werden so voll sein wie immer. Die Filme aber waren wohl noch nie seelenvoller.

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