Cannes-Festival 2017 Haneke, Haynes und Fatih Akin im Wettbewerb

"Toni Erdmann" scheint den Cannes-Fluch gebrochen zu haben: Gleich zwei deutsche Regisseure sind 2017 eingeladen. Doch die Konkurrenz könnte mit Michael Haneke, Todd Haynes oder Sofia Coppola nicht reizvoller sein.

Kirsten Dunst und Colin Farrell in "The Beguiled" von Sofia Coppola
Universal Pictures

Kirsten Dunst und Colin Farrell in "The Beguiled" von Sofia Coppola


Er wolle ja nicht der Jury vorgreifen, sagte Thierry Frémaux bei der Vorstellung des Festivalprogramms, aber womöglich könnte Michael Haneke der erste Regisseur mit drei Goldenen Palme werden. Damit war klar, was viele erwartet hatten: Hanekes neuer Film "Happy End" ist in den Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals der Welt eingeladen.

Überraschungen enthält das Programm, das Frémaux am Donnerstagmittag vorstellte, auch: Fatih Akins neuer Film "Aus dem Nichts", ein Hamburg-Thriller mit Diane Kruger in der Hauptrolle, ist ebenfalls im Wettbewerb. Neben Kruger, die mit diesem Film erstmalig auf Deutsch drehte, sind Ulrich Tukur und Dennis Moschitto zu sehen. Die Musik stammt von Josh Homme (Queens of the Stone Age).

Auch dass es Zeitgeist-Komödienspezialist Noah Baumbach mit "The Meyerowitz Stories" in den Wettbewerb geschafft hat, darf als kleine Sensation gelten. Bislang war "Greenberg" von 2010 sein einziger, glückloser Auftritt auf einem der großen A-Festivals.

Doch in der Mehrheit dominieren Namen, die, wie Frémaux selber sagte, gewissermaßen ein "Abo" auf den Wettbewerb haben: Todd Haynes, der nach dem Festivalliebling "Carol" nun "Wonderstruck" zeigt; Andrej Swjaginzew, der nach seinem Palmen-Gewinner "Leviathan" mit "Loveless" vertreten ist; Naomi Kawase, die mit "Hikari" zum fünften Mal im Wettbewerb antritt, und Sofia Coppola, die mit ihrem starbesetzten Thriller "The Beguiled" elf Jahre nach "Marie Antoinette" wieder in die Meisterklasse des Kinos eingeladen ist.

Dass Frémaux bei Michel Hazanavicius' Film "Le redoutable" über Regielegende Jean-Luc Godard sowie bei "The Killing of a Sacred Deer", Yorgos Lanthimos' Nachfolger zu seinem Oscarnominierten "The Lobster", zugreifen würde, galt ebenfalls als gesichert. Und wie gewohnt ist das französische Kino stark vertreten: Mit Arnaud Desplechins "Les fantômes d'Ismael" wird das Festival eröffnen, Jacques Doillon wird sein Künstlerporträt "Rodin" und François Ozon sein Liebesdrama "L'amant double" mit Jacqueline Bisset zeigen.

Die dritte Frau, die es 2017 in den Wettbewerb geschafft hat, ist Lynne Ramsay mit "You Were Never Really Here". Frémaux lobte Ramsay als eine der großen Filmkünstlerinnen unserer Zeit - um sogleich anzumerken, dass ihr Film noch nicht fertig sei und er sehr auf Ramsays Versprechen zähle, dass sie ihn rechtzeitig fertigstellen werde.

Bemerkenswerte abwesende Namen auf der Liste sind Bruno Dumont, Kathryn Bigelow, Ruben Östlund und David Michôd, deren Filme ebenfalls als Anwärter auf die offizielle Auswahl galten.

Zur Feier der 70. Ausgabe des Festivals wird es einige bemerkenswerte Premieren geben. Zum ersten Mal werden in Cannes auch Serien zu sehen sein - und wie für das wichtigste Festival nur passend, auch nur die prominentesten: David Lynch wird tatsächlich die neue Staffel von "Twin Peaks" zeigen. Und Jane Campion, die einzige Gewinnerin der Goldenen Palme, ist mit der zweiten Staffel ihrer Serie "Top of the Lake" dabei. Wie viele Folgen jeweils zu sehen sein werden, ist noch nicht bekannt.

Als bekennender Fan von Maren Ades Vorjahres-Sensation "Toni Erdmann" ließ es sich Frémaux schließlich auch nicht nehmen darauf hinzuweisen, dass Ade als Produzentin wieder im Programm vertreten ist: Sie hat "Western" von Valeska Grisebach produziert. Grisebach ist mit ihrem Film in die prestigereiche Nebenreihe "Un Certain Regard" eingeladen. Zusammen mit Fatih Akin rundet sie ein für das deutsche Kino überaus vorzeigbares Programm ab.

Wer die Palmen bei der 70. Ausgabe des Festivals gewinnt, entscheidet die Jury unter Vorsitz von Pedro Almodóvar. Die restlichen Mitglieder der Jury sollen demnächst bekannt gegeben werden. Das Festival eröffnet am 17. Mai und endet am 27. Mai mit der Palmenvergabe.

Der Wettbewerb im Überblick

"The Day After" (Hong Sangsoo)

"Loveless" (Andrej Swjaginzew)

"Good Time" (Ben Safdie & Josh Safdie)

"You Were Never Really Here" (Lynne Ramsay)

"Jupiter's Moon" (Kornél Mandruczó)

"L'amant Double" (François Ozon)

"The Killing of a Sacred Deer" (Yorgos Lanthimos)

"A Gentle Creature" (Sergei Loznitsa)

"Radiance" (Naomi Kawase)

"Wonderstruck" (Todd Haynes)

"Happy End" (Michael Haneke)

"Aus dem Nichts" (Fatih Akin)

"Rodin" (Jacques Doillon)

"The Beguiled" (Sofia Coppola)

"Le Redoutable" (Michel Hazanavicius)

"Okja" (Bong Joon-ho)

"120 Battements Par Minute" (Robin Campillo)

"The Meyerowitz Stories" (Noah Baumbach)

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung hatten wir geschrieben, dass "Twin Peaks" nicht gezeigt würde. Wir bitten, dies zu entschuldigen.



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