Filmfestival in Cannes: Oh, Männer!

Aus Cannes berichtet

Wettbewerb in Cannes: Hobby-Boxer, Drogen-Mutti, Solo-Segler Fotos
Wild Bunch

Nach acht Tagen Cannes ist klar: Ein Festival der Frauen wird es dieses Jahr nicht. Es sind zerquälte Männer, die den Wettbewerb dominieren. In den neuen Filmen von Nicolas Winding Refn und J. C. Chandor müssen Ryan Gosling und Robert Redford gegen Mutter und Natur bestehen.

Wer die Palme als beste Hauptdarstellerin gewinnt, war in den vergangenen Cannes-Jahren zumeist recht schnell klar. Zumindest aber gab es genug Auswahl starker Darstellerinnen in noch stärkeren Rollen. Dieses Jahr muss man lange überlegen, bis einem immerhin zwei tragende weibliche Hauptrollen im Wettbewerb einfallen: die hinreißend verzweifelte Bérénice Bejo in Asghar Farhadis "Le Passé" und das Leinwand-Debüt von Model Marine Vacth als sexuell verwirrtes Lolita-Update in François Ozons "Jeune et jolie". Auch schaffte es mit Valeria Bruni-Tedeschi nur eine einzige Regisseurin in den Jahrgang, ihr Familiendrama "Un château en Italie" enttäuschte jedoch auf ganzer Line.

Ansonsten Männer, Männer, Männer. Und alle haben Probleme. Hier nur die interessantesten:

  • Oscar Isaac als orientierungsloser Folk-Hobo im Coen-Film "Inside Llewyn Davis",
  • Toni Servillo als partysüchtiger, dekadenter Lebemann in Paolo Sorrentinos "Dolce Vita"-Hommage "La Grande Belleza",
  • Clive Owen und Billy Crudup als gegensätzliche Brüder (einer Gangster, der andere Bulle) in Guillaume Canets grandios missglücktem Siebziger-Jahre-Thriller "Blood Ties" (außer Konkurrenz),
  • Newcomer Adam Bakri als zwischen Freiheitskampf und Liebesromanze zerrissener Palästinenser in Hany Abu-Assads "Omar" (Un certain regard),
  • Laiendarsteller Souleymane Démé als behinderter Tänzer und Taugenichts im Tschad-Drama "Grigris" (Un certain regard),
  • Jan Bijvoet als Teufel "Borgman" in Alex Van Warmerdams gleichnamiger Attacke auf das Bürgertum,
  • Tim Blake Nelson als Hillbilly-Farmer, der mit seinen drei Söhnen deren tote, verwesende Mutter übers Land karrt in James Francos Faulkner-Adaption "As I Lay Dying" (Un certain regard),
  • Benicio Del Toro und Mathieu Almaric in Arnaud Desplechins langweiliger Indianer-Psychoanalyse "Jimmy P.",
  • und natürlich Michael Douglas und Matt Damon als schwules Ehepaar in Steven Soderberghs Liberace-Biopic "Behind The Candelabra".

Am Mittwoch setzte der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn auf den Reigen des Männerleidens und -lebens noch einen drauf: Der Nachfolger seines bisher erfolgreichsten Films "Drive" verfügt mit Ryan Gosling erneut über einen der größten Stars der jüngsten Zeit, Regisseur wie Hauptdarsteller tun in "Only God Forgives" jedoch alles dafür, ihren Superstar-Status zu unterminieren. Gedreht in Thailand und der Kunstfilmlegende Alejandro Jodorowsky gewidmet, erzählt Refn in kühnen Farben und erlesenen, lange ausgekosteten Einstellungen vom ödipalen Drama eines jungen Drogendealers und Hobby-Boxers (Gosling), der in Bangkok den gewaltsamen Tod seines älteren Bruders rächen soll. Er scheitert so gründlich an sich, seiner herrischen Mutter und einem Polizisten, der nicht viel spricht, aber dafür umso versierter mit dem asiatischen Kurzschwert umgeht.

Ebenso viele Buh- wie Jubelrufe

Kristin Scott Thomas als aus den USA anreisende, platinblonde Drogenboss-Mami müsste man schon fast in die Riege der Palmenfavoritinnen aufnehmen: Bei der Begrüßung packt sie ihrem jüngeren Sohn noch übergriffig an den Hintern, später demütigt sie beim gemeinsamen Dinner nicht nur dessen Thai-Freundin ("How many cocks did you fit in you cum-dumpster today?"), sondern auch den Sprössling, dessen Schwanz zwar groß sei, aber nicht so enorm wie der des toten Bruders. Und überhaupt hätte man ihr damals eh geraten, den schwächelnden Fötus abzutreiben. Beim Faustkampf mit dem bösen Bullen bezieht er zudem die Tracht Prügel seines Lebens. Am liebsten würde er danach tatsächlich zurück in Mamas Bauch krabbeln, eine verstörende Metapher, für die es gegen Ende des recht blutigen Films eine passende Szene gibt.

Refn weigert sich mit seinem hochexperimentellen Film, an den eleganten Mainstream-Appeal von "Drive" anzuknüpfen, stattdessen kehrt er zurück zum Surrealismus und der Dialog-Absenz seines Wikinger-Gemetzels "Walhalla Rising" und verbindet durchaus kunstvoll Stilelemente des asiatischen Rachedramas mit den westlichen Hyperrealismen von David Lynch oder eben Jodorowsky. Das Ergebnis erntete bei der Pressevorführung in Cannes ebenso viele Buh- wie Jubelrufe. Refn mag das Publikum spalten, sein Film fasziniert jedoch als formal und visuell anspruchsvolles Kino - und als Abgesang auf die gängigen Rituale der Männlichkeit.

Da braucht es einen handfesten Helden! Und zumindest am Anfang von "All Is Lost", dem packenden Überlebensdrama des jungen US-Regisseurs J. C. Chandor, sieht es so aus, als könnte ausgerechnet Altstar Robert Redford, 76, die Ehre der Kerle retten. Ganz allein stemmt er sich nur mit Muskelkraft und nautischem Know-how gegen die Widrigkeiten des Indischen Ozeans, auf dem der Solosegler mit seinem Zwölf-Meter-Boot havariert. Kein Wort wird gesprochen im ganzen Film (mit Ausnahme eines lauten "Fuck!"), man sieht nur Redfords namenlosen Mann, der erst ein riesiges Leck stopfen muss, das ein durchs Meer treibender Container in die Seite seiner Yacht reißt. Kaum hat er das Boot wieder flott, zieht ein Sturm auf.

Kein verrottender Schwertfisch leistet dem alten Mann auf dem Meer Gesellschaft, kein weißer Hai wirft sich schnappend an Deck, noch nicht mal ein Tiger spendet spirituellen Beistand: Es gibt nur Redford, sein zerfurchtes, zunehmend hoffnungsloses Gesicht, den Sturm, das Meer und schließlich die aufblasbare Rettungsinsel und Vorräte, die schnell zur Neige gehen. Chandors Ein-Mann-Drama ist ein Triumph der Schauspielkunst und Meeres-Cinematografie, es läuft hier leider außer Konkurrenz.

Zugleich treibt es die Männer-Fixierung dieses Festivals auf die Spitze: Es taucht noch nicht einmal mehr eine Frau auf! Ein hoffnungsloser Haufen, diese Kerle von Cannes. Morgen geht's weiter: mit einem Vater-Sohn-Drama vor karger Kulisse in Alexander Paynes "Nebraska".

Nur Frankreichs Jungstar Léa Seydoux kann jetzt noch was für die Weiblichkeit des Festivals tun: Sie spielt in Abdellatif Kechiches knapp dreistündigem Wettbewerbsfilm "La vie d'Adèle" ein Teenager-Mädchen, das sich für ein Leben ohne Männer entscheidet. Fair ist fair.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Auch hier...
dirkholz 22.05.2013
der Schrei nach einer Frauenquote ?
2. Worauf es ankommt
Criticz 22.05.2013
Ein Film ist gut, oder schlecht. Ein Film kann dabei von Frauen handeln, von Männern oder von beiden. Und wenn nur Filme gezeigt werden die Männer zum Schwerpunkt haben - solange sie gut sein, wo ist das problem (gilt umgekehrt genauso)? Ich will wissen ob ein Film sehenswert ist oder nicht, und keine Genderanalyse. Ja, Hr. Borcholte, es ist ja so en vogue, dieses permanente Männerbashing....aber vielen Lesern und Leserinnen vergeht langsam die Lust am Lesen wenn nun auch noch Cannes für dieses sexistische, da männerfeindliche, Geschwätz herhalten muss....es nervt!
3. wirklich wahr
_muskote 22.05.2013
verstehe einer diesen männerhass…
4. Andreas kriegt keine ab...
befruchter 22.05.2013
...datum muss er zich anbiedern.
5. .
hfftl 22.05.2013
Frauen sind eben schon nach wenigen Jahren auserzählt. Männer nie.
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