Cannes-Filmfestival Das Kreuz mit dem "Da Vinci Code"

Jesus, was für ein Rummel! Heute starten die 59. Festspiele in Cannes mit "Der Da Vinci Code". Die Absolution der Kritiker wird der Film jedoch nicht erhalten: Sie sahen das Werk bereits gestern - und waren ernüchtert.


Paris - Das Wetter war gut, die Stadt bereit, auch wenn die französische Polizei noch zwei Wochen vor Festivalbeginn damit gedroht hatte, zu streiken. Mit Protesten rechnete ohnehin keiner mehr: Der Vatikan und der Geheimbund Opus Dei haben sich mit dem "Da Vinci Code" zähneknirschend arrangiert.

Ganz anders die Filmkritiker: Sie nahmen die gestrige Vorab-Premiere in Cannes mit eisigem Schweigen auf. Während einer Schlüsselszene gab es vereinzelt sogar Gelächter. Es ist ein schlechtes Omen, das die Filmverleiher und Kinobetreiber vermutlich nicht zum Lachen finden. Die Journalisten haben es jedenfalls schon hinter sich, das große Verschwörungsspektakel um Da Vinci und die Christus-Legende, das Dan Brown zu einem vermögenden Mann und die Literatur um einen veritablen Blockbuster reicher gemacht hat.

Der Film muss sich rechnen: Satte 125 Millionen Dollar wurden investiert. So viel Geld, vom Marketing-Etat ganz zu schweigen, will in Zeiten der Flaute an der Kinokassen erst einmal wieder eingespielt werden. Für die heute startenden 59. Filmfestspiele greift Hollywood deshalb noch einmal tief in die Tasche: So rollen Hanks, Tautou und ihre Mitdarsteller von Jürgen Prochnow bis Paul Bettany und Jean Reno per Sonderzug aus London an die französische Mittelmeerküste. In die Kinos kommt der Film heute in Frankreich, morgen in Deutschland und wird ab Freitag dann weltweit zu sehen sein.

Am Montag kommt dann der zweite Popcorn-Film über die Croisette: "X- Men - Der letzte Widerstand" mit Halle Berry und Hugh Jackman läuft, wie der "Da Vinci Code" zwar außer Konkurrenz, verspricht aber jede Menge Publicity und - glaubt man Kritikern - ein ebenso dubioses Vergnügen wie die missratene Brown-Verfilmung. Am selben Tage treten zwei Anwärter auf die Goldene Palme an: Der Italiener Nanni Moretti, der den begehrten Preis 2001 mit "Das Zimmer des Sohnes" geholt hatte, zeigt "Il caimano", eine rabenschwarze Satire auf Italiens abgewählten Regierungschef Silvio Berlusconi. Und der Finne Aki Kaurismäki, 2002 in Cannes mit dem als zweitem Preis geltenden Grand Prix ausgezeichnet, präsentiert "Lights in the Dusk", eine deutsche Koproduktion.

Tage wie dieser Festival-Montag zeigen, welchen Spagat die Festivalmacher in Cannes bewältigen müssen: Einerseits will man den Autorenfilm fördern, andererseits trommeln mit Stars und Glamour. Die Auswahl, die Festival-Chef Thierry Frémaux mit seinen Vertrauten trifft, ist stets umstritten, zumal aus deutscher Sicht. Volker Schlöndorff, 1979 Palme-Sieger mit der "Blechtrommel", verpasste diesmal nur knapp den Einzug in den Hauptwettbewerb und schmollte. Wim Wenders (Goldene Palme 1984 für "Paris, Texas") zeigt außer Konkurrenz einen 1982 gedrehten Kurzfilm.

Im Wettbewerb ist also kein deutscher Regisseur vertreten, dafür laufen in den Nebenreihen gleich mehrere Werke deutscher Filmschaffender: Im Programm von "Un certain regard" wird "Paris, je t'aime" gezeigt, ein Kompilationsfilm mit zwei deutschen Kurzfilmen zum Thema Paris: "True" von Tom Tykwer und "Place des Fetes" von Oliver Schmitz. In der Regie-Schau "Quinzaine des réalisateurs" wird Stefan Krohmers "Sommer 04 an der Schlei" mit Martina Gedeck zu sehen sein.

Zu den Anwärtern auf die Goldene Palme zählen unter anderen die Oscar-gekrönte US-Regisseurin Sofia Coppola ("Lost In Translation"), der Spanier Pedro Almodóvar und der Brite Ken Loach. Die Liste der in Cannes erwarteten Stars umfasst Gérard Depardieu, Juliette Binoche und Ludivine Sagnier sowie Kirsten Dunst und Cate Blanchett, Nick Nolte und Ethan Hawke. Besonders häufig über den roten Teppich werden Monica Bellucci, Helena Bonham-Carter, Samuel L. Jackson und Tim Roth schreiten: Sie sind Mitglieder der Hauptjury, die in dem Regisseur Wong Kar Wai erstmals einen chinesischen Präsidenten hat. Belluccis Ehemann Vincent Cassel moderiert als Gastgeber die Preisgala, des Festivals, das am 28. Mai endet.

bor/AFP/dpa



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