Cannes-Tagebuch Wenn ich König von Anatolien wär

Mit seinem majestätischen Drei-Stunden-Drama "Winter Sleep" bestätigt Nuri Bilge Ceylan seinen Ruf als Meister des subtilen Sittenbilds seiner türkischen Heimat. Dagegen hat Atom Egoyan mit "Captives" ein neues Genre geschaffen: den Trauer-Porno.

NBC Film

Aus Cannes berichtet


"Once Upon A Time In Anatolia" (Es war einmal in Anatolien) hieß der Film, mit dem Nuri Bilge Ceylan 2011 in Cannes begeisterte und für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Mit seinem neuen Film "Winter Sleep" wagt er sich noch einen Schritt weiter in Märchengefilde und präsentiert mitten in der Steppe von Zentralanatolien einen kleinen Hofstaat, an dem König Aydin (Haluk Bilginer) regiert.

Sein Reich erstreckt sich über viele Hügel, durch die Wildpferde preschen. An seiner Seite hat er die schöne, junge Königin Nihal (Melisa Sözen), die sich die Zeit mit Wohltätigkeit vertreibt. Für den intellektuellen Austausch steht ihm seine Schwester Necla (Demet Akbag) zur Verfügung, die unangenehmen Seiten des Regierens nimmt ihm sein Diner Hidayet (Ayberk Pekcan) ab. Alles könnte so harmonisch sein, wenn nicht das Volk gegen die Herrschaft Aydins aufbegehren würde - genauer gesagt: wenn nicht ein Fünftklässler einen Stein gegen Aydins Auto werfen würde.

Eigentlich ist der nämlich nur der alternde Herrscher über einen Hotelkomplex und ein paar Nachbarhäuser, die er zusammen mit seiner Schwester geerbt hat. Doch das Geld und seine überschaubare Karriere als Film- und Theaterschauspieler erheben ihn in diesem verarmten Landstrich in den Adelstand.

Vom milden Herrscher zum Despoten

Zunächst könnte man Aydin, den Ersten, für einen milden Herrscher halten. Schließlich ist er empört, als er erfährt, wie seine Handlanger den säumigen Mietern aus der Nachbarschaft zusetzen. Doch im Verlauf eines eisigen Winters wird sich König Aydin unwiderruflich zum Despoten verwandeln. Oder war er das vielleicht schon immer?

Tschechow hat Ceylan als eine Inspirationsquelle für "Winter Sleep" genannt. Mehr noch spürt man aber den Einfluss von Shakespeare, der selbst in einer Schlüsselszene rezitiert wird, denn Aydin hat eine tragikomische Größe, wie man sie aus Shakespeares Königsdramen kennt. Wie schon das chaotische Einsatzkommando in "Once Upon A Time" lässt Ceylan auch in "Winter Sleep" seine Männerfiguren mit einer gewissen Verblüffung darüber durch die Gegend stapfen, warum ihnen das Leben ausgerechnet diese Rollen zugedacht hat.

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Aydins Stippvisiten in das Dorf und in den Hotelalltag sind grandios subtil in ihrer Zeichnung der Macht- und Bildungsunterschiede zwischen den Menschen. Richtig an Fahrt gewinnt der Film jedoch, als Aydins Schwester die gesellschaftspolitischen Kolumnen, die Aydin wie Dekrete in der Lokalzeitung veröffentlicht, zu kritisieren beginnt. In dem 20-minütigen Dialog zwischen den Geschwistern führt Ceylan einen Perspektivwechsel auf seinen Protagonisten herbei, der auch den gesamten Film von der süffisanten Sozialsatire hin zum Drama wendet.

Vier solcher großen, entscheidenden Gespräche gibt es insgesamt in diesem Film, und sie sind so präzise in der Wortwahl und Dramaturgie, dass es einen umhaut. Zusammen mit seiner Ehefrau Ebru, die wie schon bei "Once Upon A Time" auch hier das Drehbuch mitverfasste, triumphiert Ceylan als einer der herausragenden Dialogschreiber seiner Zeit. Hinzu kommt, dass er in Haluk Bilginer einen Hauptdarsteller gefunden hat, der den Wandel seiner Figur mit zwei, drei Blicken und fast unmerklich hochgezogenen Augenbrauen virtuos spielen kann. Zurzeit dürfte Bilginer die einzige ernstzunehmende Konkurrenz für Timothy Spalls "Mr. Turner" sein.

"Captives" - Buhrufe für den Trauer-Porno

Weiter entfernt von dem Jubel, der "Winter Sleep" entgegenbrandete, hätte dagegen die Reaktion auf Atom Egoyans neuen Film kaum sein können. Deutliche Buhrufe waren zu vernehmen, als "Captives" sein quälend abgeschmacktes Ende erreicht hatte. Dass die Reaktionen auf den grotesken Thriller über einen neuartigen Pädophilenring nicht noch heftiger ausfielen, kann nur daran gelegen haben, dass Egoyan das Interesse seines Publikums mit bizarren Plotwendungen und unsauberer Figurenzeichnung frühzeitig verspielt hatte.

Hollywood-Beau Ryan Reynolds spielt in "Captives" den Landschaftsgärtner Matthew, dessen Familie nach der Entführung der einzigen Tochter Cassandra zerbrochen ist. Die resolute Polizeikommissarin Nicole (Rosario Dawson), die sich auf die Jagd von Pädophilen spezialisiert hat, hat zunächst Zweifel, ob Matthew nicht selbst aus Geldnot seine Tochter verkauft hat. Die zaghafte Freundschaft zu Matts Ex-Frau Tina (Mireille Enos, "The Killing") lässt sie jedoch an dem Fall dranbleiben.

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Als Nicoles Sondereinheit acht Jahre später Bilder von Cassandra auf dem Internetportal eines Pädophilenrings entdeckt, scheinen sie das erste Lebenszeichen des mittlerweile zum Teenager erwachsenen Mädchens gefunden zu haben. Doch dann sind da noch die seltsamen Funde, die Putzfrau Tina in den Hotelzimmern, denen sie zugeteilt ist, macht: mal ist es eine Bürste, mal ein Pokal, der von Cassandra stammen könnte.

Warum die Entführer Hinweise auf ihr Opfer streuen? Das gehört zu den irrsten und geschmacklosesten Ideen des von Egoyan zusammen mit David Fraser verfassten Drehbuchs: Die Pädophilen wollen nämlich nicht nur den Missbrauch des Kindes sehen, sie wollen auch die Trauer der Mutter beglotzen. Deshalb sind in den Hotelzimmern, die Tina putzt, auch Kameras installiert, die ihre verzweifelten Reaktionen auf die Funde einfangen.

Trauer-Porno als nächste Eskalationsstufe nach Pädophilie - wer das als raffinierten plot point erachtet, spricht sich selbst jedes ernsthafte Interesse am Themenkomplex Kindesmissbrauch ab.

"Loin de mon père" - Opfer des eigenen Vaters

Dankenswerterweise hatte die Nebenreihe "Un Certain Regard" eine ungleich gehaltvollere Studie zum Thema im Programm: Die israelische Goldene-Kamera-Gewinnerin Keren Yedaya erzählte in "Loin de mon père" schonungslos genau von der inzestuösen Beziehung einer 20-Jährigen zu ihrem brutalen Vater. Dass Tami (Maayan Turgeman) das Opfer ihres Vaters Moshe (Grad Tzahi) ist, wird zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt.

Trotzdem traut sich Yedaya zu zeigen, wie fließend der Übergang in dieser Beziehung von Sex als Liebesbeweis zu Sex als Gewaltakt ist. In dieser Nuancierung wird auch die emotionale Abhängigkeit Tamis von ihrem Vater verständlich, denn man kann erahnen, warum sie glaubt, Zuneigung zu erfahren, wo sie eigentlich nur gedemütigt wird. Ihr Film sei hart, sagte Yedaya bei der Premiere von "Loin de mon père". "Aber sollen andere doch die unterhaltenden Filme machen!" Zum Glück gibt es Filmemacherinnen wie Yedaya, die im Unterschied zu Egoyan wissen, wo ihre Verantwortung gegenüber einem Thema liegt.

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