"Blau ist eine warme Farbe" Drei Stunden Liebe

Endlich startet auch in Deutschland der kontroverse Cannes-Gewinner "Blau ist eine warme Farbe". Eine explizite und sehr lange Sexszene hat für Diskussionen gesorgt - dabei ist sie das Schwächste an dieser herzzerreißenden Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen.

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Sie zupft an ihren Haaren, die sie zu einem unordentlichen Knoten auf dem Kopf gebunden hat. Sie zieht ihre hellblaue Jeans hoch, die eigentlich nicht locker sitzt. Sie schiebt sich Spaghetti in den Mund, obwohl der letzte Bissen kaum runtergeschluckt ist. In den ersten Szenen, in denen wir Adèle (Adèle Exarchopoulos) begegnen, ist die 15-Jährige im ständigen Austausch mit ihren Freunden, Mitschülern und Eltern. Doch die Kamera führt unseren Blick immer wieder auf ihre Hände, ihren Hintern und nicht zuletzt auf ihren Mund.

Am Ende des Films werden wir Adèles Körper so gut kennen wie sonst nur den eines Liebhabers oder einer Liebhaberin, von Trauer bis Ekstase werden wir alles mit ihr erlebt haben. Diese Intimität ist es, die "Blau ist eine warme Farbe" zu einem berührenden Film macht. So nah - im emotionalen wie physischen Sinne - wie Adèle ist man einer Filmfigur selten gekommen. Nur folgerichtig deshalb, dass außer Regisseur Abdellatif Kechiche auch die Hauptdarstellerinnen Exarchopoulos und Léa Seydoux im Mai in Cannes den Hauptpreis gewannen. Ohne ihre Hingabe an ihre Rollen würde sich der Film in sein Gegenteil verkehren und gänzlich banal sein.

Um dieses Kinowunder zu bewerkstelligen, nimmt sich der für Überlängen bekannte Kechiche ("Couscous mit Fisch") noch mehr Zeit als sonst. Von den 179 Filmminuten vergeudet er jedoch keine einzige. Wie ein Freund, dessen unendliche Geduld man erst im Nachhinein zu schätzen weiß, nimmt er sich der Geschichte von Adèle und ihrer ersten Liebe an. Er folgt ihr in den Französischunterricht; begleitet sie auf ihr erstes Date mit einem Jungen; erlebt mit ihr den gemeinsamen leidenschaftslosen Sex - und wacht wie sie plötzlich auf, als sie auf einem trubeligen Platz mitten in Lille eine Frau mit leuchtend blauen Haaren erblickt, die selbstbewusst den Arm um eine andere Frau gelegt hat. Ein langer Blick von ihr genügt, und Adèles Gedanken kreisen nurmehr um die aufregende Unbekannte.

Blau ist eine warme Farbe
Dieser Moment des meet-cute, des künstlich-überdeterminierten ersten Treffens von zwei Liebenden, ist der einzige, in dem man dem Film anmerkt, dass er auf einer Graphic Novel basiert - so stark scheint der Blick von einer visuellen und nicht psychologischen Mechanik auf die blauen Haare geleitet zu werden. Im gleichnamigen Comic der französischen Zeichnerin und Autorin Julie Maroh, bei dem sich der Film in der ersten Hälfte bedient und der soeben auch auf Deutsch erschienen ist, funktioniert die Szene ungleich besser. Dort ist Blau die einzige Farbe, mit der Akzente in der ansonsten in schwarz-weiß gehaltenen Welt der Hauptfigur gesetzt werden: Wo es blau aufblitzt, ist auch ihr Begehren entfacht.

Der Film zeichnet Adèles Leben in vielerlei Hinsicht bunter. Hier ist sie eine beliebte Schülerin, die viel mit Freunden unternimmt und genüsslich ihr Essen verschlingt. Von pubertärer Unsicherheit ist bei ihr nichts zu spüren. Nur als sie sich eines Abends in eine Lesbenkneipe treiben lässt und in der Menge die Frau mit dem blauen Haar entdeckt, wird sie kurzzeitig unsicher. Forsch flirtet Emma (Seydoux) mit Adèle, dann verschwindet sie auch schon wieder. Die quälende Frage, ob mehr zwischen ihnen seien könnte, beantwortet sich, als Emma Adèle kurze Zeit später von der Schule abholt. Von da an sind die beiden unzertrennlich, und bald schon passiert, wovon Adèle zuvor nur äußerst lebhaft geträumt hat: Sie schläft mit Emma.

Sieben Minuten dauert die Szene mit dem ersten gemeinsamen Sex, und sie ist es auch, die dafür gesorgt hat, dass "Blau ist eine warme Farbe" zum meistdiskutierten Film des Jahres geworden ist. Durchweg explizit ist hier der Sex, einschließlich erigierter Brustwarzen und geöffneter Schenkel. Damit scheint die Inszenierung dem Credo des Films zu folgen: nichts andeuten, alles zeigen. Tatsächlich markiert die Szene aber einen substantiellen Bruch.

Zwei Körper verschmelzen zu einem

Als "brutale und chirurgische, überbordende und kalte Zurschaustellung von sogenanntem lesbischen Sex" hat Julie Maroh den Film in ihrem Blog kritisiert. In der Kinovorstellung, die sie besuchte, hätten sowohl die heteronormativen als auch die homosexuellen und queeren Menschen gelacht, weil sie die Szene entweder nicht verstanden oder nicht überzeugend gefunden hätten. Die Einzigen, die nicht gekichert hätten, wären die Typen gewesen, die zu beschäftigt waren, sich an dem Gezeigten aufzugeilen.

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"Blau ist eine warme Farbe": Der Geist der ersten Liebe

Wie forsch Seydoux und Exarchopoulos den Sex angehen, ist, wenn nicht lächerlich, so doch zumindest verblüffend. Wo im Comic noch die unerfahrene Schülerin von der routinierten Älteren behutsam angeleitet wird, wird hier umstandslos eine Leistungsschau anspruchsvoller Positionen dargeboten. Dass beide Darstellerinnen über makellose Körper verfügen, lässt die Szene noch künstlicher wirken. Und wenn in der endlosen Montage von weißer, glatter, haarloser Haut die Körper der zwei Frauen verschmelzen und sie zum Schluss in komplementärer Embryonalstellung zur Ruhe kommen, wird vollends klar, dass Kechiche eine dubiose Vorstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe hat.

Als politisches Signal, als das der Cannes-Sieg gewertet wurde, weil zur selben Zeit Demonstrationen gegen die Homo-Ehe Frankreich erschütterten, kann der Film deshalb nur schwerlich gewertet werden. Überhaupt interessiert sich Kechiche nicht für die Eigenheiten der französischen gay culture. Vielmehr verlagert er den Schwerpunkt der Geschichte im Verlauf immer mehr auf ein Motiv, das er aus "La Vie de Marianne" von Pierre Carlet de Marivaux, der zweiten wichtigen Vorlage für den Film, entnommen hat. In seinem ausufernden und doch unvollendeten Romanzyklus erzählte Marivaux Mitte des 18. Jahrhunderts von einer Liebe, die nicht stark genug ist, um die Klassenschranken zu überwinden.

Austern und Weißwein statt Spaghetti

Auch bei Emma und Adèle erweist sich als Herausforderung, dass sie aus verschiedenen Verhältnissen stammen. Kunststudentin Emma kann auf ihre aufgeschlossenen Eltern zählen, die Austern und Weißwein kredenzen, wenn sie die neue Freundin ihrer Tochter kennenlernen. Bei Adèle kommt hingegen eine Schüssel Spaghetti Bolognese auf den Tisch, als Emma das erste Mal bei der Familie zu Besuch ist.

Es ist denn auch über einer Schüssel Spaghetti, als Adèle einige Jahre später feststellen muss, dass sich Emma von ihr entfernt. Zur Feier von Emmas Diplom an der Kunsthochschule bereitet sie der Geliebten ein üppiges Buffet. Während die Kommilitonen genüsslich essen, kommt das Gespräch jedoch schnell auf Egon Schiele, Oskar Kokoschka und die Unterschiede zwischen den Malern - also auf Themen, bei deren Diskussion Adèle keinen Platz hat. Sollte sie bei Emma wirklich nur für das körperliche Wohlergehen zuständig sein?

Was folgt, ist der erschütternde Kampf um eine Liebe, die sich seit den Anfängen stark gewandelt hat. Besonders Adèle will den Verlust nicht wahrhaben und beschwört verzweifelt die Verzückung der ersten Tage herauf. Und tatsächlich kehrt die ausufernde Sexszene wie eine Art Geist in die Erzählung zurück, als blasse Erinnerung an weit zurückliegende Momente spukt sie fortan durch den Film, und wenn Adèle verzweifelt nach diesem Geist greift, zerreißt es einem förmlich das Herz.

Julie Maroh findet dafür in ihrem Comic diese Worte: "[Die Liebe] hängt von unserer Wahrnehmung und unseren Erfahrungen ab. Gäbe es uns nicht, würde sie auch nicht existieren. Und wir sind so wechselhaft... Daher ist es die Liebe ebenso. Die Liebe entflammt, schläft ein, zerbricht, zerbricht uns, lodert wieder auf... Lässt uns wieder aufleben." Abdellatif Kechiche nimmt sich die Zeit und findet die Bilder, um das in einen unvergesslichen Film umzusetzen.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Ed Roxter 18.12.2013
1.
Genau deswegen: Weil Sie sich diese Frage stellen! Weil Sie immer noch nicht wahrnehmen, dass Frauen und Homosexuellen nach wie vor wesentlich mehr Inakzeptanz und Intoleranz entgegen gebracht wird, als Sie das vielleicht wahrhaben wollen. Eine gute Freundin von mir bezeichnet sich selbst als bisexuell und ist der Ansicht, dass sie es schrecklich fände, wenn ihr eigenes Kind homo-, bi-, pan- oder sonstwie nicht hetereosexuell würde (sie hat bisher keines). Als Begründung gibt sie an, dass sie ihr eigenes Kind nicht durch die gleiche Hölle von sozialen Repressalien gehen lassen möchte, wie sie sie erlebt hat. Selbiges mit #aufschrei und Frauenquoten: Dass Frauenquoten kein geeignetes Instrument sind, um Gleichberechtigung zu schaffen, ist wohl wahr. Dass jede Frau in Deutschland aber in mindestens einem nicht trivialen Lebensbereich die A-Karte gezogen hat, nur weil sie eine Frau ist, ist aber genau so wahr. Das Problem sitzt tief und im - wenn man es so nennen will - kollektiven gesellschaftlichen Bewusstsein verankert. Gesetze können Menschen nicht oder nur sehr bedingt zu mehr Akzeptanz anregen. Aber irgendwo muss man anfangen. Ich lege Ihnen das Lied "Same love" von Macklemore sehr ans Herz. Und selbst darin wird nur ein Bruchteil von dem beschrieben, was "nicht-normative" Menschen tagtäglich an Repressalien erleiden. Bitte, hören Sie es sich an und lassen Sie den Text auf sich wirken. Vielleicht beantwortet Ihnen das Ihre Frage zumindest ein bisschen. Beste Grüße ein weißer, heterosexueller, 27 Jahre alter Mann mit unbefristeter Vollzeitanstellung, der sich bewusst ist, in welch privilegierter Lebenssituation er sich befindet
noalk 18.12.2013
2. Ich bin erstaunt, ...
... was man alles in einen solch langweiligen Film hinein- und aus ihm herausinterpretieren kann. Die Geschichte präsentiert absolut nichts, was man nicht schon anderswo auf Zelluloid, Polyester oder Festplatte gebannt hat. Für mich waren das drei Stunden Kinoverdruß. (schreibt ein Mann)
medicus22 18.12.2013
3.
Zitat von Ed RoxterGenau deswegen: Weil Sie sich diese Frage stellen! Weil Sie immer noch nicht wahrnehmen, dass Frauen und Homosexuellen nach wie vor wesentlich mehr Inakzeptanz und Intoleranz entgegen gebracht wird, als Sie das vielleicht wahrhaben wollen. Eine gute Freundin von mir bezeichnet sich selbst als bisexuell und ist der Ansicht, dass sie es schrecklich fände, wenn ihr eigenes Kind homo-, bi-, pan- oder sonstwie nicht hetereosexuell würde (sie hat bisher keines). Als Begründung gibt sie an, dass sie ihr eigenes Kind nicht durch die gleiche Hölle von sozialen Repressalien gehen lassen möchte, wie sie sie erlebt hat. Selbiges mit #aufschrei und Frauenquoten: Dass Frauenquoten kein geeignetes Instrument sind, um Gleichberechtigung zu schaffen, ist wohl wahr. Dass jede Frau in Deutschland aber in mindestens einem nicht trivialen Lebensbereich die A-Karte gezogen hat, nur weil sie eine Frau ist, ist aber genau so wahr. Das Problem sitzt tief und im - wenn man es so nennen will - kollektiven gesellschaftlichen Bewusstsein verankert. Gesetze können Menschen nicht oder nur sehr bedingt zu mehr Akzeptanz anregen. Aber irgendwo muss man anfangen. Ich lege Ihnen das Lied "Same love" von Macklemore sehr ans Herz. Und selbst darin wird nur ein Bruchteil von dem beschrieben, was "nicht-normative" Menschen tagtäglich an Repressalien erleiden. Bitte, hören Sie es sich an und lassen Sie den Text auf sich wirken. Vielleicht beantwortet Ihnen das Ihre Frage zumindest ein bisschen. Beste Grüße ein weißer, heterosexueller, 27 Jahre alter Mann mit unbefristeter Vollzeitanstellung, der sich bewusst ist, in welch privilegierter Lebenssituation er sich befindet
Ach der vielbeschworene Kampf der Geschlechter...Alles Quark. Es geht nicht um Mann oder Frau, sondern um Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen. Es gibt starke Männer/Frauen aber auch welche die es lieben von ihrem Partner sehr dominant behandelt zu werden. Alle Kombinationen sind möglich. Und zum Film...Sex sells, so einfach ist die Nummer. An Opernhäusern spielt man Joker auch, selbst die Damen von Femen haben es verstanden, obwohl es Stripper schon seit Jahrzehnten wissen. Wenn man Sexszene für einen "guten" Film braucht, dann ist das genauso arm, wie wenn man übertriebene Gewaltszenen braucht. Geistreiche Dialoge werden aber immer mehr Mangelware...Titten und Blut und der Mainstream ist zufrieden. Nebenbei: Homosexuelle Paare scheinen sich mehrheitlich nur über ihre Sexualität zu definieren im Gegensatz zu Heteros. Es gibt einige in meinen Freundeskreis und jedes Treffen ist eine Art Orgie. Und wenn mich meine Tochter fragt warum sich die 2 Männer/Frauen küssen, dann lautet die Antwort, dass sie sich mögen.
Eva K. 18.12.2013
4. Ist das geistreich genug?
Zitat von medicus22Ach der vielbeschworene Kampf der Geschlechter...Alles Quark. Es geht nicht um Mann oder Frau, sondern um Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen. Es gibt starke Männer/Frauen aber auch welche die es lieben von ihrem Partner sehr dominant behandelt zu werden. Alle Kombinationen sind möglich. Und zum Film...Sex sells, so einfach ist die Nummer. An Opernhäusern spielt man Joker auch, selbst die Damen von Femen haben es verstanden, obwohl es Stripper schon seit Jahrzehnten wissen. Wenn man Sexszene für einen "guten" Film braucht, dann ist das genauso arm, wie wenn man übertriebene Gewaltszenen braucht. Geistreiche Dialoge werden aber immer mehr Mangelware...Titten und Blut und der Mainstream ist zufrieden. Nebenbei: Homosexuelle Paare scheinen sich mehrheitlich nur über ihre Sexualität zu definieren im Gegensatz zu Heteros. Es gibt einige in meinen Freundeskreis und jedes Treffen ist eine Art Orgie. Und wenn mich meine Tochter fragt warum sich die 2 Männer/Frauen küssen, dann lautet die Antwort, dass sie sich mögen.
Sicher sind die paar Minuten ein Anreißer und durchgängiges Hintergrundrauschen, aber nicht die Hauptthematik des Films. Mir reicht es aber, mehrere sehr detaillierte Zusammenfassungen gelesen zu haben, den Film werde ich mir nicht antun. Auf 180 Minuten Plastikgefühle stehe ich so wenig wie auf - s.u. - künstliches Geschwafel. Sicher sind Sexszenen oder übertriebene Gewalt für einen guten Film nicht nötig, aber warum sollte es kein guter Film sein, wenn er solche Ausdrucksmittel nutzt? Sex ist ein Teil menschlichen Lebens, und ebenso Gewalt. Und tatsächlich, ich finde Tarantinos Filme gut. Kunst ist doch Genuß. Wenn ich geistreiche Dialog haben will, gucke ich mir die nicht in einem Streifen mit ästhetisiertem öden Plastikgesulze an, sondern suche mir jemand zum gegenseitigen Zutexten. Ach ja, die übliche Nummer mal wieder. Wie langweilig. Deshalb ist ja auch überall in der heteronomativen Gesellschaft Hetensex in allen Ausformungen ausnehmend penetrant öffentlich präsent. Sex sells, gell!
csar 18.12.2013
5. Überlänge
Nicht einmal die große Leistung von Léa Seydoux rechtfertigt es sich die Längen des Films an zu tun. Die "Sexszenen" sind die Höhepunkte der Langeweile, da wird die Kamera drauf gehalten, wo früher erzählt wurde. Ansonsten eine Parade von Stereotypen, die fast eine komische Note geben.
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