Cannes "Gohatto" - Die Liebe zweier Samurai

Nagisa Oshima gehört zu den bedeutendsten, aber auch kontroversesten japanischen Regisseuren der Nachkriegszeit. In seinem ersten Spielfilm seit 13 Jahren beschäftigt er sich erneut mit einem Tabu-Thema: der Homosexualität zwischen Samuraikriegern im Japan des 19. Jahrhunderts.

Von Stephen Locke


Seit seinem ersten Auftritt mit "Death By Hanging" im aufgewühlten Cannes-Festival von 1968, ist der japanische Regisseur international als Tabubrecher bekannt. Damals zersprengten studentische Demonstranten und die Avantgarde der französischen Regisseure das Festival und Oshima zog seinen Film aus Solidarität zurück. Unvergessen bleibt das Echo auf seinen berühmtesten Film "Im Reich der Sinne“, der 1976 in Cannes als Chef d’oeuvre begrüßt und kurz darauf im Internationalen Forum von der Berliner Polizei als Pornografie beschlagnahmt wurde. Jetzt präsentiert Nagisa Oshima - wiederum in Cannes - sein neues Werk "Gohatto" ("Tabu“) nach einer krankheitsbedingten Pause. Und wieder gelingt es ihm, eine Kontroverse auszulösen.

Tabubrecher: Nagisa Oshima mit der Schauspielerin Uno Kanda in Cannes
REUTERS

Tabubrecher: Nagisa Oshima mit der Schauspielerin Uno Kanda in Cannes

1865 wählt die Shinsengumi-Miliz im Kyotoer Tempel Nishi-Honganji neue Rekruten zur Ausbildung als Samuraikämpfer aus. Nur zwei Männer bestehen die Prüfung: der rustikale Hyozo Tashiro (Tadanobu Asano) und Soujiro Kano (Ryuhei Matsuda), ein bezaubernd aussehender, androgyner 18-Jähriger. Kommandeur Kondo (Yoichi Sai) und sein Stellvertreter Toshizo Hijikata (gespielt von dem bekannten Schauspieler und Regisseur Beat Takeshi alias Takeshi Kitano) erweisen Kano sogleich die Ehre, einen Milizkämpfer, der den Kodex der Krieger gebrochen hat, mit dem Schwert hinrichten zu dürfen, was der neue Samurai auch furchtlos durchführt. Sein Kollege Tashiro ist nicht nur auf diese Auszeichnung eifersüchtig, er verliebt sich auch noch prompt in den schönen Jüngling.

Die Kommandeure Kondo und Hijikata beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Homoerotische Beziehungen unter den Soldaten gefährden die Ordnung der Miliz. Doch auch als mehr und mehr Männer dem Zauber Kanos verfallen, fällt es den Kommandierenden schwer, dagegen einzuschreiten. Bald steht jeder im Verdacht, sich in Kano verliebt zu haben. Der Versuch einer Geisha, ihn in die Liebe zu Frauen einzuführen, schlägt fehlt. Schließlich werden Kano und Tashiro dazu gezwungen, gegeneinander zu kämpfen.

Diese Episode in einer ereignisreichen Epoche japanischer Geschichte – die Öffnung Japans gegenüber dem Ausland, das Ende des Shogunats und die Wiederherstellung des Kaiserreiches – wurde oft im Film behandelt, doch nie diente Homosexualität als Hintergrund für den Niedergang der heroischen Samurai-Kultur. Oshima sagt, dass ein homoerotische Tendenzen in jeder Männergruppe vorhanden sind, dass nur bisher keiner gewagt hat, dies bei den in Japan idealisierten Samurai zu thematisieren.

Nagisa Oshima inszeniert seine Geschichte mit formaler Rigorosität, schön komponierten Bildern (Kamera: Toyomichi Kurita) und leicht ironischen Zwischentiteln und Off-Kommentaren. Am Ende des Films hat man jedoch den Eindruck, dass sowohl die politisch-geschichtlichen Aspekte als auch die eigentlichen Liebesbeziehungen der Charaktere etwas zu kurz kommen. Der flüchtige Einblick in diese stürmische Epoche verschwindet gleichsam im Nebel der letzten Einstellung.



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