Cannes-Bilanz Putin, Merkel, Erdogan, das solltet ihr sehen!

Die Goldene Palme geht völlig verdient an "Winter Sleep" von Regisseur Nuri Bilge Ceylan. Das Türkei-Sittenbild steht für einen starken und politschen Cannes-Jahrgang.

Aus Cannes berichtet


Manchmal stimmt einfach das Timing: Während sich am Samstagabend Anhänger und Demonstranten für die Ankunft des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan in Köln wappneten, wurde einige Hundert Kilometer weiter südlich, beim Filmfestival in Cannes, Nuri Bilge Ceylans traurig-kritische Generalabrechnung mit seiner türkischen Heimat mit der Golden Palme ausgezeichnet. Und das auch noch in dem Jahr, in dem das türkische Kino seinen 100. Geburtstag feiert.

Ceylan zeigte sich in Cannes überrascht über die Ehrung seines Films "Winter Sleep" und widmete den Preis "allen jungen Leuten in der Türkei", inklusive derer, die im vergangenen Jahr ihr Leben lassen mussten, sagte der 55-jährige Regisseur und meinte wohl vor allem die Opfer der niedergeschlagenen Proteste am Gezi-Park in Istanbul. Auf dem roten Teppich hielten er und sein Ensemble Zettel mit dem Hashtag #soma in der Hand, um der Opfer des Grubenunglücks in dem türkischen Ort zu gedenken.

Eine Überraschung ist der Triumph Ceylans, Drehbuchpreis-Gewinner von 2011, in Cannes allerdings nicht, denn der über drei Stunden lange, auf Tschechow- und Shakespeare-Motive rekurrierende "Winter Sleep", der bereits am dritten Festival-Tag gezeigt wurde, galt bis zum Ende auch bei den Kritikern als Favorit für die Palme, solche Wucht hatte Ceylans anstrengende und fordernde, aber auch dramatische und mitreißende Märchengeschichte aus Anatolien entwickelt.

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Filmfestspiele in Cannes: Meister des subtilen Sittenbildes
In seiner traurig-ätzenden Generalabrechnung mit seiner Heimat entlarvt Ceylan nicht nur die Intellektuellen der Türkei als selbstbesoffene, lethargische Schwätzer und Heuchler, das im Film entworfene Mikrokönigreich in der Provinz, in dem ein alternder Ex-Schauspieler das bitterarme Volk ausbeutet, während er gleichzeitig eitle und besserwisserische politische Kommentare für das Lokalblatt verfasst, ist auch ein Abbild der allgemeinen gesellschaftlichen Zustände. Ein verdienter Festivalsieger, in einem Cannes-Jahrgang, der im Vorwege schwach wirkte, am Ende aber doch noch sehr stark wurde.

Auch an den übrigen Entscheidungen der Jury um die neuseeländische Regisseurin Jane Campion ist aus Kritikersicht kaum etwas auszusetzen:

  • Beste Regie: Bennett Miller für "Foxcatcher". Die True-Crime-Saga um zwei junge Wrestler und einen Ostküsten-Milliardär ist nicht nur eindringlich und gefühlvoll erzähltes Kino, es entwirft mit seinen unaufdringlichen Reflexionen über sexuell aufgeladene Männerbeziehungen, Wettkampfmentalität und Machtmissbrauch auch ein wirkungsvolles Gesellschaftstableau Amerikas. Alternativ hätte man eigentlich nur die Dardennes-Brüder auszeichnen können. Oder Ceylan, wenn er nicht die Goldene Palme bekommen hätte.

  • Großer Preis der Jury: "Le Meraviglie" von Alice Rohrwacher. Schön und richtig, dass eine von zwei Regisseurinnen in diesem Jahrgang mit einem Preis geehrt wird. Die Italienerin erzählt in ihrem semi-autobiografischen Bauernhof-Drama von magischen Kindheitserinnerungen in der Natur, aber auch von schal gewordenen Siebziger-Aussteiger-Utopien.

  • Bester Schauspieler: Timothy Spall als Malerei-Genie "Mr. Turner". Eine fulminant knurrige und vor allem physisch überzeugende Leistung des Briten, der schon oft und erfolgreich mit Regisseur Mike Leigh zusammenarbeitete. Ernstzunehmende Konkurrenz gab es wenig: Haluk Bilginer aus "Winter Sleep" - oder das grandiose "Foxcatcher"-Trio aus Channing Tatum, Mark Ruffalo und Steve Carell.

  • Preis der Jury: "Mommy" von Xavier Dolan und "Adieu au langage" von Jean-Luc Godard. Clevere Entscheidung, den von Kritikern hochfavorisierten Dolan mit seinem überdrehten Mutter-Sohn-Dramolett zu würdigen, gleichzeitig aber auch dem Altmeister mit seinem mindestens ebenso nervenzerrenden 3D-Experiment zuzunicken. Klassische und frankokanadische Nouvelle Vague in einem Atemzug.

  • Bestes Drehbuch: Andrej Zwaginzew und Oleg Negin für "Leviathan". Ähnlich wie Nuri Bilge Ceylan spiegelt auch der russische Regisseur Zwaginzew in seinem melancholisch-mitreißenden Russland-Panorama die bitteren Verhältnisse in seinem Land mit Mythen und Klassikern, in diesem Fall der biblischen Hiob-Geschichte. Ein hochaktuelles und überraschend unterhaltsames Epos über verfallende Moral, soziale Ungleichheit und Korruption.

So war zwar der mit Abstand mitreißendste und erfrischendste Film des Festivals ausgrechnet der in einer Nebensektion gezeigte Sundance-Gewinner "Whiplash", ein amerikanisches Lehrer-Schüler-Drama um einen begabten Jazz-Drummer von Regie-Novize Damien Chazelle. Doch zeigte die Cannes-Kommission um Thierry Frémaux mit ihrer Auswahl erneut, dass sie ein großes Gespür für die drängenden gesellschaftlichen Themen hat. Amerikanisches und asiatisches Kino war in diesem Jahr im Wettbewerb um die Goldene Palme, auch aus terminlichen Gründen, weniger prominent vertreten. Dafür gab es engagierte Filme aus Kern- und Osteuropa zu sehen, wo sich zurzeit dann auch die größten Konflikte um Armut, soziale Gerechtigkeit, Geschlechterfragen, Demokratie oder Despotismus abspielen - ob nun im Großen, wie bei Nuri Bilge Ceylan oder Andrej Zwaginzew, oder im Kleinen, wie bei den nach Arbeitnehmernöten forschenden Dardennes-Brüdern oder im Lawinen- und Männerdrama "Turist" des Schweden Ruben Östlund, das im Nebenwettbewerb "Certain Regard" mit dem Jury-Preis ausgezeichnet wurde.

Gerne hätte man auch Fatih Akins Armenien-Drama oder Christian Petzolds neuen Film in der offiziellen Selektion gesehen, die beiden deutschen Regisseure wurden, aus unbekannten Gründen, leider nicht genommen. Vielleicht klappt es im nächsten Jahr mal wieder mit einem deutschen Beitrag in Cannes. Zumindest Wim Wenders durfte sich über Jubel und einen Spezial-Preis im "Certain Regard" für sein Fotografen-Porträt "Salt of the Earth" freuen.

Amerika und Asien glänzten dieses Jahr vor allem auf dem Markt, wo Auslandsrechte mit neuen Rekordsummen gehandelt wurden. 20 Millionen Dollar zahlte Paramount alleine für die China- und USA-Rechte an Denis Villeneuves neuem Science-Fiction-Film "Story of My Life". Auch einige Wettbewerbsfilme erzielten gute Abschlüsse für den weltweiten Vertrieb, darunter "Winter Sleep" und das amüsant-anarchische Episodenstück "Wild Tales" des Argentiniers Damián Szifrón.

Darin wird unter anderem gezeigt, wie ein entnervter, von staatlicher Willkür drangsalierter Ingenieur den behördlichen Parkplatz für abgeschleppte Pkw samt Kassenhäuschen in die Luft jagt. Es gärt etwas zwischen Verwaltung und Volk, zwischen Politik und Plebs in diesen wirtschaftlich und politisch unruhigen Zeiten, und viele der Filmemacher und -macherinnen des Cannes-Wettbewerbs 2014 haben aus diesem Spannungsfeld packende und berührende Geschichten generiert. Viele von ihnen, das ist die Macht von Cannes, werden uns in den kommenden Monaten wieder begegnen. Mit Glück auch in deutschen Kinos.

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insgesamt 10 Beiträge
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Hochbeet 25.05.2014
1. Und die Deutschen haben...
... "Fuck ju Göhte!" Hurra! Ein Land ohne relevante Filme.
spmc-122226439819235 25.05.2014
2. Wenders - Preis ?
Er bekam eine Mitgabe,für wenig Können und viel Partybesuch !
BettyB. 25.05.2014
3. Nun ja, aber
Wer macht eine so irre Überschriften und vergisst dann auch noch Obama?
solace23 25.05.2014
4. Andreas Petzold?
Scheinbar hat auch der Autor des Artikels gewisse Schwierigkeiten mit dem deutschen Filmschaffen. In der Tat wurden weder Andreas DRESENs noch CHRISTIAN Petzolds neue Filme nach Cannes eingeladen.
jantre 25.05.2014
5. optional
Das müßte "Story of Your Life" heißen, haben Sie zu viel One Direction gehört Herr Borcholte?
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