Festival in Cannes Buhrufer unterbrechen Netflix-Filmpremiere

Um Eigenproduktionen des US-Streaminganbieters Netflix gibt es Streit beim Festival von Cannes. Bei der Pressevorführung eines Tilda-Swinton-Films kam es nun zu Aufregung - aber auch aus technischen Gründen.

Filmszene aus "Okja"
Netflix

Filmszene aus "Okja"


Zuschauer hatten durch dauerhaftes Buhen eine Fortsetzung der Vorführung verhindert: Am Freitagmorgen wurde die Weltpremiere des Spielfilms "Okja" bei den Filmfestspielen von Cannes nach fünf Minuten unterbrochen.

"Okja" ist ein Actionfilm des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho, bei dem unter anderem Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal mitspielen. Der Film ist aber auch eine Eigenproduktion von Netflix.

Eine Mischung aus dem aktuellen Streit um Netflix-Produktionen und technischen Problemen hatte zu einer aufgeheizten Stimmung bei der Pressevorführung im Kinosaal geführt, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Hannah Pilarczyk aus Cannes: Zunächst waren beim Auftauchen des Netflix-Logos im Publikum Buhrufe und Applaus laut geworden.

Bald wurde der Lärm aber abgelöst durch etwas anderes, was die Situation unübersichtlich machte: Nach und nach wurde dem Publikum zudem klar, dass der Film im falschen Bildformat vorgeführt wurde, was beispielsweise zu abgeschnittenen Köpfen auf der Leinwand führte. Mit Rufen und Füßetrampeln versuchten die Zuschauer, den Filmvorführer darauf aufmerksam zu machen. Erst nach mehreren Minuten wurde die Vorführung unterbrochen.

Die Festivalleitung in Cannes hat sich inzwischen mit einer Presseerklärung für die technischen Probleme entschuldigt.

Der US-Streaminganbieter Netflix steht gerade im Zentrum der Kritik der französischen Filmwirtschaft: Das Unternehmen hatte eine französische Regelung ignoriert, nach der zwischen dem Kinostart eines Films und der Ausstrahlung auf einer Streamingplattform 36 Monate liegen müssen - zum Schutz der Kinokultur des Landes. Um diese Regel zu umgehen, verzichtet der Film- und Serienanbieter komplett auf einen Kinostart in Frankreich für "Okja" und seinen zweiten selbst produzierten Wettbewerbsfilm "The Meyerowitz Stories" von Noah Baumbach.

Nach Protesten hatte die Festivalleitung reagiert und für die Zukunft eine Klausel in die Wettbewerbsregeln aufgenommen, nach der nur Filme um die Goldene Palme und die anderen Preise von Cannes konkurrieren dürfen, für die ein Verleih in die französischen Kinos ausgehandelt ist. Doch die beiden Netflix-Premieren von 2017 sollten wie geplant stattfinden. Jurypräsident Pedro Almodóvar hatte allerdings bereits angekündigt, eine Goldene Palme für einen Film, der nicht ins Kino kommt, sei für ihn nicht drin.

Anmerkung der Redaktion: Beim Entstehen einer ersten Version dieses Artikels wussten wir noch nicht um die technischen Probleme bei der Vorführung. Deshalb suggerierte der Text fälschlicherweise, dass die Buhrufe sich ausschließlich auf den Streit zwischen Netflix und den französischen Kinobetreibern bezogen. Wir bitten, dies zu entschuldigen.

feb/hpi/Reuters



insgesamt 29 Beiträge
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benutzer1000 19.05.2017
1. Auch die Filmwelt wird sich anpassen müssen.
Die Zeit bleibt nicht stehen auch wenn man es manchmal gerne hätte. Wie bei den Verlagen die elektronischen Medien immer mehr Einzug halten, bei der Musik die Schallplatten, Kassetten und CDs verschwinden, wird sich auch in der Filmwelt einiges tun. Die Filmwelt sollte sich den Herausforderungen stellen und nicht jammern. Den Heizer auf der Diesellok gibt es auch in England nicht mehr.
Ambrosicus 19.05.2017
2.
Die Welt verändert sich, da hilft kein buhen.
ympertrymon 19.05.2017
3. Traurig ...
... wie die ach so tolerante, fortschrittliche, der Kunst- und Meinungsfreiheit und dem Schönen, Wahren und Guten verpflichtete, gebildete und aufgeschlossene kulturelle Elite sich zur Gesinnungspolizei wandelt. Da werden Ethik und Moral ganz schnell über Bord geworfen und auf dem Altar einer Kinolobby geopfert, die letztlich vor allem das eigene Geschäftsmodell bewahren will. Missliebige Filme bzw. deren Produzenten alleine aufgrund ihrer "Herkunft" anzugreifen, deren Aufführung zu stören oder ganz zu verhindern suchen, woran nur mag mich das erinnern ... ?
claus_kleber 19.05.2017
4. 36 Monate?
Das halte ich für reichlich übertrieben. Wie lange läuft ein Film durchschnittlich im Kino? Acht Wochen? 12-24 Monate wären da doch noch eine ausreichend lange Wartezeit.
Flying Rain 19.05.2017
5. Hm
Klingt nach einer klassisch französischen Reaktion...
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