Neue Filme von Haneke und Netflix Eine überaus böse Pointe

Nachlässig erzählt oder selbstironisch? Michael Haneke irritiert das Festival mit seinem neuen Film "Happy End". Netflix kann sich mit dem neuen Film von Noah Baumbach über einen Publikumserfolg freuen.

Szene aus "Happy End"
Festival de Cannes

Szene aus "Happy End"

Aus Cannes berichtet


Sogar der einsame Buhrufer klang mehr verblüfft als erzürnt. Sollte das wirklich der Film gewesen sein, den Michael Haneke nach Jahren auf "Amour", sein großes Sterbehilfedrama, das die Goldene Palme und den Auslands-Oscar gewonnen hatte, folgen lassen wollte?

"Happy End " ist erwartbar und überraschend zugleich, überkonstruiert und nachlässig erzählt, gleichermaßen typisch Haneke wie völlig uncharakteristisch. Was man von dem Film hält, hängt wohl letztlich davon ab, was man Haneke eher zutraut: dass er Humor hat oder dass selbst bei ihm auch mal was daneben gehen kann.

Lange bezieht "Happy End" eine beträchtliche Spannung aus der Frage, wie das alles zusammenhängen mag: das 12-jährige Mädchen, das sich als Giftmörderin übt und dabei Handyvideos aufnimmt, der frisch gebackene Vater, der im Facebook-Chat seine exotischen Sex-Fantasien auslebt, und die riesige Baustelle, bei der urplötzlich ein Randstück abstürzt und ein Klohäuschen samt Arbeiter darin mit in die Tiefe reißt.

Nach und nach setzen sich die Teile zu einem Porträt der hochdysfunktionalen Familie Laurent zusammen, nominell angeführt vom greisen Patriarchen Georges (Jean-Louis Trintignant), de facto regiert von seiner Tochter Anne (Isabelle Huppert). Gemeinsam bewohnen sie ein riesiges Familienanwesen samt afrikanischstämmiger Bediensteter in der Küstenstadt Calais.

Nachdem der Laurent-Clan hinlänglich etabliert ist, steht irgendwann dann nur noch eine Frage im Raum: Kennt man das alles nicht aus anderen Haneke-Filmen? Die Gewalt der Kinder aus "Das weiße Band", die Medienkritik aus "Bennys Video", die Kolonialismuskritik aus "Caché", Jean-Louis Trintignant aus "Amour", der nun auch hier bekennt, seine todkranke Ehefrau erstickt zu haben. Und nicht zuletzt ist Haneke-Stammschauspielerin Huppert in einer Rolle zu sehen, die denselben Namen wie die von Juliette Binoche in "Code inconnu" trägt.

Ein Selbstkommentar auf Hanekes lange Karriere?

Nun ist Haneke nicht als Regisseur bekannt, der das Selbstzitat schätzt und Themen wiederholt untersucht. Mit Ausnahme seines "Funny Games"-US-Remakes ist der 75-Jährige mit seinen Filmen bislang stets zwischen Zeiten, Settings und Sujets gesprungen, einzige Konstante war dabei seine strenge Moralität. "Happy End" schlägt nun den Originalitätsdruck, der auf jeden neuen Haneke ausgeübt wird, nicht zuletzt auch von einem Festival wie Cannes, das nur den großen Wurf gelten lässt, in den Wind. Selbst die Geflüchteten, die von den Pressemitteilungen als ganz neues Thema für Haneke verkündet wurden, kommen nur am Rande vor. Ihr finaler Auftritt ist sogar denkbar antiklimaktisch inszeniert.

Ein "Happy End" hat der Film dadurch nicht, für den Schluss hebt sich Haneke vielmehr eine überaus böse Pointe auf. Aber womöglich muss man den Titel auch eher als Selbstkommentar auf Hanekes lange Karriere verstehen: Hat er sich in seiner Spätphase eine kleine Spielerei mit den Erwartungen an sich erlaubt? Diese Kritikerin möchte das sehr gern glauben.

Szene aus "The Killing of a Sacred Deer": ein großer Rückschritt
Festival de Cannes

Szene aus "The Killing of a Sacred Deer": ein großer Rückschritt

Die Denksportaufgabe, wie ein Film in das Gesamtwerk eines Regisseurs oder einer Regisseurin passt, kann Journalisten sehr lange Zeit bei Laune halten - nicht zuletzt auch in den unendlichen Schlangen, die sich bei dieser Festivalausgabe vor fast jedem Screening bilden. Aufwendige Einlasskontrollen, bei denen das Sicherheitspersonal mit tadelnden Blicken Kaugummi-Packungen einkassiert, sorgen immer wieder für lange Wartezeiten. Die können zwar für ausführliche Kollegengespräche genutzt werden, doch bei Yorgos Lanthimos' " The Killing of a Sacred Deer " (Wettbewerb) herrscht schnell Einigkeit: Der Film ist ein großer Rückschritt für den Griechen.

Mit kleinen, fiesen Kabinettstückchen wie "Alpen" oder "Dogtooth" hatte sich Lanthimos als einer der interessantesten Autoren des neuen griechischen Kinos hervorgetan. Sein erster englischsprachiger Film "The Lobster", der vor zwei Jahren im Wettbewerb von Cannes lief, schien dann einen Wendepunkt zu markieren: Die Farce über zeitgenössische Liebesökonomien gelang ihm erstaunlich einfühlsam, melancholisch und nicht zuletzt lustig. 2017 war "The Lobster" für das beste Originaldrehbuch für den Oscar nominiert.

Ein privates, sadistisches Späßchen

Mit "The Killing of a Sacred Deer" kehrt Lanthimos nun zu seinen boshaften Wurzeln zurück und drängt eine wohlhabende Ärztefamilie (mit Colin Farrell und Nicole Kidman als Elternpaar) in eine unvorstellbar grausame Versuchsanordnung. Kein heiliges Reh, sondern ein Familienmitglied soll getötet werden, um die anderen zu retten. Die Entscheidung, wer zum Wohl der Familie geopfert wird, wird in einer grotesken Szene getroffen, die einen als hochgradig zynisch empören könnte - würde man denn um eine der Figuren auch nur ansatzweise bangen oder das Gefühl haben, dass es Lanthimos um mehr als ein privates, sadistisches Späßchen ginge.

Bei Noah Baumbach hat man die Erwartung, dass er nennenswert Neues in seinen Filmen ausprobiert, schon lange aufgegeben. Seit Jahren tänzelt der New Yorker elegant auf der Stelle und erzählt ein ums andere Mal von New Yorker Mittelschichtsexistenzen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben. Das muss allerdings nichts Schlechtes bedeuten, oft genug kommen bei Baumbach große kleine Filme wie "Frances Ha" oder "Gefühlt Mitte Zwanzig" herum.

Bei "The Meyerowitz Stories (New and Selected) " stört deshalb auch nicht, dass erneut ein dysfunktionaler New Yorker Familienclan im Mittelpunkt steht und wieder Ben Stiller eine der Hauptrollen spielt. Neu sind hier nur Adam Sandler und Dustin Hoffman in Baumbachs gewohnt hochkarätigem Ensemble - und die Geldquelle. "The Meyerowitz Stories" ist der zweite Film von Netflix im Wettbewerb, im Gegensatz zu Bong Joon-hos "Okja" wird er jedoch sowohl vor Beginn als auch nach dem Ende deutlich wohlwollender in Cannes aufgenommen. Die Branche scheint die Diskussion um den Streamingdienst schon wieder leid zu sein - oder zumindest erkannt zu haben, dass der Streit um Kinostarts und Verwertungsfenster nicht mit Buhrufen gelöst werden wird.

Szene aus "The Meyerowitz Stories": wohlwollender aufgenommen
Netflix/ Festival de Cannes

Szene aus "The Meyerowitz Stories": wohlwollender aufgenommen

Das lässige Erzähltempo des Films, sein feiner Humor und die herausragenden Leistungen von Sandler und Hoffman tun dann ihr Übriges, um das Festival noch freundlicher zu stimmen. Die "Meyerowitz Stories" können gern weiter erzählt werden - sowohl im Kino als auch im Stream.

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Shulma Shmoller-Shmopp 23.05.2017
1. Witzig
Man kann sich der Vereinnahmung nur durch das Enttäuschen aller Erwartungen entziehen. Das ist schlichtweg ein Gebot künstlerischer Souveränität. Es gibt keine Kunst on demand. Und man fragt sich, warum der Wiederholungszwang so konstituierend für den Erfolg der Banalität ist. Insofern wurde ein Happy End geliefert. Aber eines, das nicht bestellt wurde. Und das ist sehr witzig.
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