Cannes-Tagebuch Ganz schön behämmert

Klopfzeichen im Kopf: Männer inszenieren in Cannes reihenweise traumatisierte Frauen. Schauspielerin Kristin Stewart begeistert, Regisseur Pedro Almodóvar enttäuscht.

Szene aus "Personal Shopper"
Festival de Cannes

Szene aus "Personal Shopper"

Von , Cannes


"Wenn du nach Cannes kommst, bist du auf alles vorbereitet", sagte der französische Festival- und Kino-Routinier Olivier Assayas am Dienstag ganz gelassen auf der Pressekonferenz seines Wettbewerbsbeitrags "Personal Shopper". Der war am Vorabend von einigen frustrierten Pressekollegen lautstark ausgebuht worden. Nach dem vorläufigen Höhepunkt, dem Szenenapplaus und dem allgemeinen Jubel über "Toni Erdmann", hat dieser Cannes-Jahrgang also auch seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Wobei Buhrufe aus dem Publikum ja noch lange nicht bedeuten, dass ein Film misslungen ist, Assayas, 61, der hier in Cannes schon mit unterschiedlichsten Projekten angetreten ist, zuletzt mit der hervorragenden Polit-Miniserie "Carlos" (2010) und dem behutsamen Frauendrama "The Clouds of Sils Maria" (2015), musste sich einst auch schon für seinen Pornothriller "Demonlover" einen Kino-Extremisten nennen lassen. Für die einen ist das eine Beschimpfung, für andere ein Kompliment. Im Zweifel gehört Assayas zu den letzteren. Seine Filme, sagte er nun, entwickelten aber ohnehin ein Eigenleben, nachdem er sie geboren habe.

Ob "Personal Shopper" in diesem Sinne ein missratenes Gör ist oder ein verkanntes Genie, darüber wird man sich hier wohl noch bis zur Preisverleihung am Sonntag streiten. Zum zweiten Mal nach ihrem tollen Auftritt in "Sils Maria" ist die US-Darstellerin Kristen Stewart in einem Assayas-Film zu sehen, diesmal allerdings nicht als jugendliches Spiegelbild von Juliette Binoche, sondern als alleinige Hauptdarstellerin in einem Film mit wenigen und eher unbedeutenden Nebenfiguren. Eine Aufgabe, die der 26-jährige Ex-"Twilight"-Star mit Bravour meistert: Stewart spielt auf eine suggestive Art linkisch und anmutig, nervös und bestimmt, dass man sich gar nicht satt sehen kann an ihr.

In "Personal Shopper" spielt sie Maureen, eine Einkaufshilfe für eine Superprominente namens Kyra (Nora von Waldstätten in einer zickigen und einer blutigen Szene): Mit ihrem Scooter flitzt Maureen, eine Exil-Amerikanerin, durch Paris und kehrt mit Tüten von Chanel und Cartier zurück ins Luxus-Apartment. Es ist ein Leben im Schatten einer anderen Person, das ihr zunehmend unbehaglich wird. Aber sie traut sich noch nicht einmal, die teuren Roben heimlich anzuprobieren. Als sie es dann schließlich doch tut, animiert von einem ominösen Unbekannten in einer kuriosen SMS-Konversation, kickt es sie so sehr, dass sie sich auf Kyras Bett selbst befriedigt.

Ob der Fremde am iPhone tatsächlich ein Mensch ist oder Maureens verstorbener Zwillingsbruder Lewis, das lässt Assayas zunächst offen. Lewis ist die zweite Person, in deren Schatten sich Maureen stellt, denn mit dem Bruder, mit dem sie eine Herzkrankheit teilte, gab es einen Pakt, dass, wer immer zuerst stirbt, dem anderen ein Zeichen aus dem Jenseits gibt.

Hätte es Assayas dabei belassen, hätte es vielleicht keine Buhrufe gegeben, doch Horror- und Genrefan, der er nebenbei auch ist, lässt er schließlich einen echten Geist auf Maureen los: eine animierte Erscheinung, die sich im dunklen Gemäuer manifestiert, ein paarmal schrillend herumzischt und die junge verzweifelte Frau am Ende auch noch mit Ektoplasma vollkotzt. Lewis war das nicht. Aber wer dann?

Am Ende des Films, der gar nicht uncharmant zwischen Haunted-House-Grusel, Schickeria-Satire und Psychothriller changiert, sieht Maureen dann auch noch Gläser herumschweben und hört donnernde Klopfzeichen. Die passen wiederum ganz gut zu den Kopfschmerzen, die man in Co-Abhängigkeit mit Kristen Stewart inzwischen auch als Zuschauer entwickelt hat. Ganz schön behämmert.

"Julieta"
Festival de Cannes

"Julieta"

Mit traumatisierten Frauen ging es dann am Dienstag gleich weiter. Spaniens Regie-Primadonna Pedro Almodóvar adaptierte für seinen neuen Film "Julieta" gleich drei Kurzgeschichten der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro und wollte eigentlich seine erste englischsprachige Produktion daraus machen. So richtig Sinn ergab aber alles erst, sagte er kürzlich in einem Interview, als er die Handlung doch wieder in Spanien ansiedelte und statt einer Adaption eher eine Art Hommage drehte.

Wie bei Assayas geht es auch in "Julieta" um die Frage, wer wir noch sind, wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben. Almodóvars Titelfigur, in ihrer älteren Version von Emma Suárez gespielt, scheint ihr Leben eigentlich im Griff zu haben. Doch dann trifft sie eine ehemalige Freundin ihrer verschwundenen Tochter Antia. Eine überwunden geglaubte depressive Obsession entflammt erneut; Julieta wirft alle Zukunftspläne über den Haufen, um nach der Tochter zu suchen.

In achronologischer Erzählweise enthüllt der Film nun nach und nach, was in der Vergangenheit geschehen ist. Alles beginnt mit einer nächtlichen, sehr hitchcockesken Zugfahrt, in der die noch junge Referendarin zwei schicksalhafte Begegnungen hat: Ein alter Mann, der sich zu ihr ins Abteil setzt und ungeschickt Kontakt aufnehmen will, woraufhin Julieta in den Speisewagen flüchtet, um dort den weitaus attraktiveren Xoan (Daniel Grao) zu treffen. Während es die beiden dann im Schlafwagen miteinander treiben und dabei Antia zeugen, springt der alte Mann aus dem Zug und bringt sich um.

Ein dunkler Schatten liegt also über der Beziehung, der sich später, in einem malerischen Küstenort in einem Sturm und einer höchst tragischen Wendung entlädt. Kein Wunder, dass sich Mutter und Tochter darüber entfremden, aber es braucht viele schöne Bilder und sehr viel von Almodóvars typisch knalliger Farben und Ausstattungs-Orgiastik, tollen Klamotten und clever drapierten Kunstwerken, um über die immer wieder aussetzende Dramatik hinwegzuhelfen. "Julieta" ist ein schön fotografiertes, kompetent in Szene gesetztes Melodram, dessen Plot-Enthüllungen jedoch zu spät kommen, um nachhaltig zu fesseln oder zu überraschen.

"Aquarius"
Festival de Cannes

"Aquarius"

Die dritte Traumatisierte des Tages gab dann Sonia Braga, eine Art brasilianische Iris Berben, als tapfere Brustkrebsüberlebende und Siebzigerjahre-Pop-Nostalgikerin in Kleber Mendonça Filhos "Aquarius". "Dona Clara", wie sie von ihrer Familie und ihrem Kumpel, dem örtlichen Strandbademeister genannt wird, lebt seit dem Tod ihres geliebten Mannes vereinsamt in einem alten Apartmentkomplex am Strand von Recife.

Die anderen Eigentümer und Mieter des Hauses sind längst ausgezogen, herausgekauft von einer skrupellosen Baufirma, die an der lukrativen Stelle neu bauen will. Nur Clara, in Schönheit und Stolz gealtert, will nicht weichen. Leider findet sich auch Frau Braga etwas zu schön und zu stolz, um ihrer tragisch-verbissenen Figur die nötige Tiefe und Verzweiflung zu verleihen, da hätte sie sich bei ihrer etwa gleichaltrigen chilenischen Kollegin Paulina Garcia etwas abgucken können, die eine ähnliche Rolle vor zwei Jahren in dem gefeierten Berlinale-Wettbewerbsfilm "Gloria" spielte.

Umso plakativer sind die Metaphern, die Regisseur Filho, ein ehemaliger Journalist, der zumeist ausgerechnet für seine unaufdringliche Subtilität gelobt wird, in "Aquarius" illustriert: Ein Haus voller Gegenstände, darunter eine imposante Plattensammlung, als Kulisse für eine Frau, die nicht von der Vergangenheit lassen kann? Termiten als Sinnbild für den gefräßigen Kapitalismus und die an Gewissheiten nagende Moderne?

Nee, dann doch lieber kotzendes Ektoplasma! Darauf war man nun wirklich nicht vorbereitet.

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AliceAyres 18.05.2016
1.
Verschwendeter Platz? Weil über die Wettbewerbsfilme in Cannes berichtet wird? Wenn es danach ginge, ob das Publikum buht oder einzelne Kritiker nicht überzeugt sind, hätte man auch seinerzeit über Winding Refns "Only God Forgives" schweigen müssen. Außerdem ist die Meinung zu Assayas' Film ja durchaus geteilt. In anderen Medien wird er als Meisterwerk gefeiert. Und nicht zuletzt wird hier jeden Tag über etwa drei Filme aus Cannes berichtet. Da sollte dann doch für jeden etwas dabei sein. Was für ein "spezielles Licht" der Film auf Kristen Stewart wirft, erschließt sich mir auch nicht. Das einzige, was sich für mich ablesen lässt, ist, dass sie wieder mit einem Regisseur zusammengearbeitet hat, in dessen vorherigem Film sie bereits hervorragend war.
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