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Cannes-Resumee: Der Alptraum des Alltags

Von , Cannes

Mit dem rumänischen Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und zwei Tage" hat der richtige Film gewonnen: Bei der 60. Ausgabe des Filmfestivals in Cannes dominierte Kino, das mit der Beschreibung des ganz normalen Wahnsinns unter die Haut gehen will.

Cannes bleibt unberechenbar. Im vergangenen Jahr gewann mit "The Wind that Shakes the Barley" ein Film, der bereits ganz am Anfang des Festivals gezeigt wurde. Kaum einer hatte Ken Loachs hochpolitisches Nordirland-Drama noch auf dem Zettel, als die Jury, damals unter dem Vorsitz des chinesischen Regisseurs Wog Kar-wai, ihm die Goldene Palme verlieh.

Rumänischer Regisseur Cristian Mungiu: Goldene Palme für die erschütternde Geschichte einer Abtreibung
DPA

Rumänischer Regisseur Cristian Mungiu: Goldene Palme für die erschütternde Geschichte einer Abtreibung

In diesem Jahr, dem Geburtstagsjahr von Cannes, das ein ungewöhnlich starkes Wettbewerbsprogramm vorweisen konnte, hätte man eher damit gerechnet, dass ein Film gewinnt, der in der Mitte oder gegen Ende des Festivals gezeigt wurde. "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", der dritte Film des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu, hatte zwar gleich nach seiner ersten Vorführung am zweiten Festivaltag für Raunen und respektvolles Murmeln unter den Kritikern gesorgt und blieb auch bis in die zweite Hälfte des Festivals unter den Favoriten, doch dass die erschütternde Geschichte einer Abtreibung am Ende tatsächlich die Goldene Palme als bester Film bekommen würde, schien unwahrscheinlich. Mal ehrlich: Wann sind es schon die Kritikerlieblinge, die mit Preisen bedacht werden?

Gehofft hatte man für den österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl, der mit "Import/Export" eine faszinierende, vor allem aber verstörende Geschichte über menschliches und soziales Elend krass bebildert hat. Gehofft hatte man auch für den New Yorker Künstler Julian Schnabel, dem mit seiner Verfilmung des französischen Bestsellers "Le Scaphandre et le Papillon" eine wunderbar intime und anrührende Meditation über den Lebenskampf eines Gelähmten gelang. Und gehofft hatte man natürlich auch für den deutschen Regisseur Fatih Akin, der in "Auf der anderen Seite" mit grandioser Ruhe und Selbstverständlichkeit über moderne deutsch-türkische Beziehungen und den Umgang mit dem Tod erzählt.

Unverstellter Blick ins Zwischenmenschliche

Ganz leer gingen einige Hoffnungsträger immerhin nicht aus: Akin bekam am Sonntagabend von der Jury um den britischen Filmemacher Stephen Frears ("The Queen") den Preis für das beste Drehbuch verliehen; Schnabel wurde für die beste Regie ausgezeichnet. Mit dem Hauptpreis jedoch wurde Mungius Abtreibungsdrama belohnt und damit auch das rumänische Kino, das mit der Auszeichnung von Cristian Nemescus "California Dreamin" in der Sektion "Un certain regard" gleich beide Hauptwettbewerbe des Festivals dominiert.

Zu Recht? Aber ja: Zu den großen Themen von Cannes gehörte in diesem Jahr der genaue, unverstellte Blick ins Zwischenmenschliche. Dominierte noch in den vergangenen Jahren viel Politik den Wettbewerb, so zeichneten sich die Filme der Jubiläums-Auswahl fast alle durch zuweilen schmerzhafte Intimität aus. Oft waren es brutale, starke und beeindruckende Frauenfiguren, von denen die in den Filmen erzählten Geschichten lebten: Die mitfühlende Krankenpflegerin Olga (Ekateryna Rak) aus "Import/Export" zum Beispiel. Oder die tapfere Journalistenehefrau Mariane Pearl (Angelina Jolie) in Michael Winterbottoms "A Mighty Heart", die unbeirrte türkische Extremistin Ayten (Nurgül Yesilcay) in "Auf der anderen Seite" oder die schönen Amazonen in Quentin Tarantinos "Death Proof". Und natürlich die ungewollt schwangere Gabita (Laura Vasiliu) aus "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage"), die zusammen mit ihrer Freundin Otilia (Anamaria Marinca) in die Fänge eines fiesen Erpressers im Rumänien der Ceaucescu-Ära gerät.

Drastisch sind die Bilder, mit denen der 1968 geborene Regisseur von der Unmöglichkeit einer Abtreibung im letzten Aufbäumen des Ostblock-Sozialismus erzählt. In einem kargen Hotelzimmer müssen die beiden Mädchen mit dem angeblichen Abtreibungs-Arzt, einem schmierigen alten Knacker, schlafen, bevor er die illegale Handlung vornimmt und Gabita ein Medikament verabreicht. Ruhig und konzentriert zeigt Mungiu zuvor den Tausch- und Schwarzhandel im Studentinnenwohnheim, wo die beiden Mädchen mit Parfum und Zigaretten dealen. In der härtesten Szene des Films ist ein blutiger Fötus auf dem Badezimmerboden zu sehen.

Fahler Schein der Depression

Doch ist nicht nur die – natürlich auch heute noch hochpolitische – Abtreibungsgeschichte, die an Mungius Film schockiert, es ist vor allem die Tristesse des geschilderten Alltags, die "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" zu einem perfekten und damit preiswürdigen Stellvertreter des Wettbewerbsprogramms macht: Die Ängste der Gesellschaft, ob vor Tod, Terror, Armut oder Einsamkeit, der schiere Alptraum des alltäglichen Lebens mit seinen Fährnissen und Beschwerden beschäftigt die Filmemacher offenbar vordringlicher als Politik in diesem Kinojahr. Das Jubelfestival an der Croisette glitt wohl auch deshalb öfter mal ein wenig ins Stimmungsloch: Es fehlten die großen Party-Events, und auch einige große Hollywoodstars, darunter Angelina Jolie, Brad Pitt und George Clooney, konnten nicht genug glänzen, um diesen fahlen Schein der Depression zu verscheuchen. Aber das soll Kino eben auch sein: Keine Erbauungsanstalt, die uns ein besseres Leben vorgaukelt, sondern ein Spiegel unserer Existenz mit all ihren Schattenseiten.

Für die Amerikaner tut es einem trotzdem etwas leid, denn das unabhängige US-Kino hatte sehr starke Filme in den Wettbewerb von Cannes geschickt, allen voran die tragikomische Westernballade "No Country for old Men" der Brüder Joel und Ethan Coen sowie David Finchers suggestives Serienkiller-Drama "Zodiac". Einzig Cannes-Dauergast Gus Van Sant gewann mit seinem experimentellen Teenagerdrama "Paranoid Park" hochverdient den Sonderpreis des 60. Jubiläums. Vielleicht zeigte sich in Cannes in diesem Jahr der erste Schimmer eines neuen Trends, der in der europäischen Musikszene bereits seit längerem grassiert: Nach Asien und Südamerika könnte das sich langsam von politischen Wirren und sozialen Kämpfen erholende Osteuropa dem Autorenkino der nächsten Jahre die stärksten Impulse geben. Cristina Mungiu jedenfalls, ein krasser Außenseiter in diesem Programm, hat der versammelten Riege der Festival-Granden und Regie-Schwergewichte schon mal gezeigt, welcher Intensitätsgrad möglich und gefragt ist. Cannes, und das ist das Schöne an diesem betagten Filmfest mit seinen alten Bekannten, festen Codes und liebgewonnenen Stammgästen, bleibt am Ende eben doch unberechenbar.

Bleibt zu hoffen, dass "4 Wochen, 3 Monate und 2 Tage" nun auch außerhalb von Cineastentreffen und Film-Festivals zu sehen sein wird und ein größeres Publikum findet. Für das typische Schicksal eines Festivalgewinners, Kritikerliebling zu bleiben, ist dieses eindringliche Drama wie viele andere Filme dieses Cannes-Jahrgangs wirklich zu schade.

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