Cannes-Tagebuch Abhängen mit Che Guevara

Steven Soderberghs Che-Guevara-Film erweist sich als strenge Kino-Totenmesse für einen Revolutionär. Auch der Franzose Philippe Garell und der Kanadier Atom Egoyan beschwören in ihren Wettbewerbsbeiträgen Gespenster aus dem Jenseits.

Aus Cannes berichtet


Eigentlich sollen ja die Filme an unseren Nerven rütteln, aber diesmal verhält sich die Sache so: Das absolut Dramatischste in Cannes sind die Wolken über der Croisette. In finstersten Grautönen und strahlendem Weiß türmen sie sich am nur ganz selten blauen Himmel über der Stadt.



Geradezu aufdringlich undramatisch erzählt der amerikanische Regisseur Steven Soderbergh viereinhalb Stunden lang vom vermeintlich aufregendsten Heldenleben der 1950er und 60er Jahre, vom Kampf und Sterben des Che Guevara. Soderberghs "Che" besteht aus zwei je 135 Minuten langen Filmen. Der erste zeigt im Wesentlichen den erfolgreichen kubanischen Befreiungskampf von 1956 bis 1959, der zweite die hoffnungslos scheiternden Guerillaunternehmungen des Revolutionärs Guevara im bolivianischen Bergland in den anderthalb Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1967.

Revolution als Fototapete

Benicio del Toro ist der Che-Darsteller in diesem Doppelfeature, und gerade weil er sich mit maximalem schauspielerischen Eifer dem historischen Vorbild angleicht, wird man als Zuschauer in den ersten zwei Stunden das Gefühl nicht los, man betrachte eine Fototapete.

Wir sehen Che aus zahlreichen Blickwinkeln, mal Zigarre rauchend mit Fidel Castro im tropischen Grün, mal Pfeife schmauchend in einer Holzhütte, mal ballernd, mal Rekruten herumkommandierend und oft an blutigen Wunden herumsäbelnd. Schließlich war Ernesto "Che" Guevara" ein ordentlich ausgebildeter Arzt. Das Seltsame an Soderberghs Film aber ist: Er will uns mit keinerlei Gemenschel belästigen, er zeigt Che nur aus der Außensicht; als Kämpfer, als Politiker, und ein ganz klein wenig auch als Frauenschwarm.

Das Publikum solle seinen Film nutzen "to hang around with Che Guevara" sagte Soderbergh auf der Festival-Pressekonferenz, er habe extra alle pseudo-psychologisierenden Kinomomente rausgeschnitten aus seinem Werk. Nur leider erweist sich das Herumhängen mit dem Revolutionär als allenfalls mittelprächtig unterhaltsames Unterrichtsexperiment eines cineastischen Vertrauenslehrers, der sich aller moralischer Wertungen strikt enthält.

Soderbergh stellt ein authentisches Guevara-Interview aus den frühen Sechzigern nach und streut Schnipsel daraus in die erste Hälfte des Films; ähnlich macht er es mit einer Rede des Helden vor der Uno aus der gleichen Zeit. Das hat tatsächlich den rauen Charme von Schulfunk, ist aber immerhin ein Versuch, ahnungslose Zuschauer bei der Stange zu halten.

Che? Ach, nee

Der zweite, bolivianische Teil des Films ist dann nur noch streng exerziertes Konzeptkino: Statt der revolutionären Floskeln, die Che einst geschwungen hat, spricht er jetzt fast nur noch Kampf- und Verpflegungs-Befehle. Kurz taucht Franka Potente, die Darstellerin der legendären deutschen Che-Mitkämpferin Tamara Bunke, an der Seite des Helden auf, dann werden die Revolutionäre getrennt.

Hungrig, von Krankheiten gepeinigt, fast jeden Tag in sinnfreie Schießereien verwickelt, müssen die Kämpfer einsehen, dass sich die bolivianischen Bergbauern und Minenarbeiter ihrer mörderischen Sache nicht anschließen wollen. Mann für Mann werden Ches Mitkämpfer erschossen, bis es auch den Meister selbst erwischt.

Auch Ches Hinrichtung inszeniert Soderbergh im Stil einer asketischen Totenmesse, kurz sieht die Kamera sogar aus Ches Augen, als der Held zu Boden stürzt. Das Rätsel aber bleibt, warum dieser Film, an dem der Regisseur angeblich sieben Jahre lang gearbeitet hat, recht eigentlich gedreht werden musste. Als Erinnerung an die Notwendigkeit antikapitalistischen Aufruhrs? Sicher nicht. Eher schon als Kunstübung eines Hollywood-Regisseurs, der total versessen darauf scheint, bloß kein Hollywood-Biopic abzuliefern.

Tödlich verliebt

Der Franzose Philippe Garrel, Jahrgang 1948, pflegt in "La frontière de l'aube" ("Am Rand der Abenddämmerung") ein andere, aber Soderbergh durchaus verwandte Verweigerungshaltung gegenüber den vertrauten Erzählweisen des Kinos. Sein Film reiht zwei Stunden lang Schwarzweißposter aneinander, wie man sie von den Fotos Robert Doisneaus und den Filmen der Nouvelle Vague kennt. Er erzählt merkwürdig, ja manchmal lächerlich gestelzt und doch hinreißend schön noch mal die Story der zwei Liebenden, die erst im Tod wirklich zueinander finden.

Zu getragener Klavier- und Geigenmusik inszeniert Garrel die schicksalhafte Begegnung des nett verwuschelten jüdischen Fotografen Francoise (Louis Garrel, Sohn des Regisseurs, in Frankreich ein Star) mit der jungen Kinoschauspielerin Carole (Laura Smet, auch total beliebt). Sie küssen und sie streicheln sich, stets narzisstisch begeistert von der eigenen Schönheit, sie driften auseinander, das Mädchen nimmt sich das Leben. Und dann taucht ihr Geist auf und will auch Francoise, der scheinbar ein neues Glück gefunden hat, in den Selbstmord locken.

Garrels schön durchgeknalltes, weil märchenseliges Melodram wurde in der Pressevorführung von einigen Journalisten (natürlich unverdientermaßen) laut ausgelacht, dafür bekam der Kanadier Atom Egoyan für "Adoration" ("Anbetung") heftigen Beifall.

Wild und wirr

Dabei kann man Egoyan viel eher als Garrel vorwerfen, er liefere schieren Kitsch. "Adoration" erzählt auf ungeheuer verdrehte Art von einer Welt, in der arabische Selbstmordattentäter und Antisemitismus die Schlagzeilen und auch die Fantasie von halbwüchsigen Kindern beherrschen: Ein Junge, der bei einem Autounfall beide Eltern verloren hat, verblüfft in der Schule Lehrer und Mitschüler mit der erfundenen Geschichte, sein arabischstämmiger Vater habe einst die schwangere (und arglose) Mutter mit einer Bombe an Bord eines nach Israel startenden Flugzeugs schmuggeln wollen.

Man kann es bewundernswert finden, wie Egoyan hier tolle Schauspieler durch ein Gewirr aus monumentalem Familiendrama (ein alter Patriarch auf dem Totenbett erzählt seinem Enkel seine Version der Geschichte), Internet-Videobotschaften (die Schulkinder chatten um die Wette) und grausiger Weltpolitik schlendern lässt.

Es ist aber schaurig überladen, wenn er eine aus dem Libanon stammende Frau im traditioneller Verschleierungsmontur durch die verschneite kanadische Vorstadt spazieren oder seinen jugendlichen Helden schwer symbolisch die Weihnachtsdekoration der heiligen Familie anzünden lässt.

So kommt es, dass einen Egoyans mit allen dramatischen Schikanen gewürzte Geschichte reichlich unberührt lässt. Da legt das Wetter in Cannes schon mit mehr Power los: Als wir vors Kino treten, brennt zum ersten Mal seit langer, langer Zeit eine gnadenlose Sonne vom beinahe blanken Himmel, die Gewitterwolken aber lauern weiter in den Hügeln über Cannes.



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