Cannes-Tagebuch Allein unter Frauen

Männer-Dämmerung: Kurt Russell muss in Tarantinos "Death Proof" lernen, dass Sexbomben auch Auto fahren können; Julian Schnabel zeigt in "Le Scaphandre et le Papillon", wie ein Gelähmter von attraktiven Engeln ins Leben zurückgeholt wird.

Aus Cannes berichtet


Nach gut einer Woche Festival kristallieren sich an der Croisette die ersten Favoriten für die Goldene Palme heraus: Bei den Kritikern ganz vorne liegt nach wie vor das Abtreibungsdrama "4 Months, 3 Weeks and 2 Days" des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu, gefolgt von der Western-Ballade "No Country for old Men" der Coen-Brüder und dem trostlosen, aber eindringlichen "Import/Export" des Österreichers Ulrich Seidl.

Aber wer immer auch am Ende das Rennen macht, eines ist schon jetzt klar: Beim 60. Filmfestival von Cannes haben die Männer schlechte Karten. In Wettbewerbsbeiträgen wie "The Banishment" werden sie als kommunikationsgestörte Klötze dargestellt, bei den Coen-Brüdern werden sie der Reihe nach abgeknallt, und angesichts der beiden dummbatzigen Figuren, die in "Import/Export" ukrainische Mädchen erniedrigen, schämt man sich endgültig seines Geschlechts.

Selbst Brad Pitt, eigentlich ja ein Prachtexemplar seiner Gattung, wirkte gestern bei der Pressekonferenz zu Michael Winterbottoms "A Mighty Heart", den er produziert hat, reichlich fade neben seiner eloquenten, strahlend schönen und vor allem intelligenten Lebensgefährtin Angelina Jolie. Seine hilflos hingeworfenen Antwort-Formeln ("Wir wollen die Welt besser machen") hätte er sich sparen können.

Tarantino gibt wieder Gas

Und so ging das Männer-Bashing gestern Abend weiter, aber zur Abwechslung mal in einer etwas fröhlicheren Tonart. Cannes-Liebling Quentin Tarantino hatte extra für die Jubiläums-Ausgabe des Festivals eine verlängerte Version seines Films "Death Proof" eingereicht, die dankend in den Wettbewerb aufgenommen wurde. Die haarsträubend komische - und wahnsinnig brutale - Hommage an die B-Movies der sechziger und siebziger Jahre ist eigentlich Teil des als Double Feature konzipierten Dreistünders "Grindhouse", der außer "Death Proof" und einigen sehr lustigen Trailern für fiktive Exploitation-Filme die futuristische Zombie-Jagd "Planet Terror" von Tarantino-Busenfreund Robert Rodriguez enthält.

Das ambitionierte Projekt der beiden Kino-Aficionados lief im Frühjahr bereits in den US-Kinos, scheiterte aber wahrscheinlich daran, dass das zumeist jugendliche Massenpublikum mit den zahlreichen Referenzen an Filme wie "Vanishing Point" oder "Gone in Sixty Seconds" (das Original von 1974) nichts anzufangen wusste. Allein aus Altersgründen kann sich eine jugendliche Klientel nicht mehr an Doppel- oder Dreifachvorführungen kruder Genrefilme in schäbigen Seitenstraßen-Kinos (so genannte Grindhouses) erinnern, in denen man ganze Tage im Qualm unzähliger Zigaretten verdämmern konnte.

Tarantinos Segment, eine um rund zehn Minuten längere Fassung, die im Sommer auch in deutschen Kinos laufen soll, fand bei der Pressevorführung in Cannes ein dankbareres Publikum, das sich für die grandiose Stilübung des 45-jährigen "Pulp Fiction"-Regisseurs mit lautem Johlen und Szenen-Applaus bedankte.

"Death Proof" handelt von dem narbengesichtigen Stuntman Mike (Kurt Russell), der sich einen Spaß daraus macht, in abgelegenen Nestern im Süden der USA jungen Mädchen aufzulauern, sie unter Aufwand sämtlicher Charme-Register in sein Auto zu locken und ihnen dann genüsslich den Garaus zu machen - mit Hilfe seines Vehikels, zumeist ein aufgemotztes, PS-strotzendes Muscle Car. (Man kann auch Penis-Verstärkung dazu sagen.)

"Death Proof" mag nicht Tarantinos bester Film sein - es gibt ein paar Längen und lustige, aber überflüssige Selbstzitate - ein großer, hirnloser Spaß ist er allemal. Und auch wenn das kraftprotzende Männertum ganz schön was auf die Mütze bekommt, so wird der Voyeurismus doch kräftig bedient: Eine ganze Armada junger Darstellerinnen darf sich in "Death Proof" aufs Erotischste gerieren, allen voran Sidney Poitiers wunderschöne Tochter Sidney Tamiia, die in einer Bar ihre Rastalockenmähne fliegen lässt, "CSI: NY"-Ermittlerin Vanessa Ferlito, die Kurt Russell einen heißen Lapdance verabreicht, und Nachwuchs-Talent Mary Elizabeth Winstead, die in ihrer nächsten Rolle als Bruce Willis' Tochter in "Die Hard 4.0" wahrscheinlich nicht ganz so viel Lolita-Charme wie hier versprühen darf. Ganz unsubtile Botschaft des Films bleibt jedoch: Angucken erlaubt, aber anfassen führt zu üblen Blessuren.

Bewegende Starre

Ganz ähnlich geht es dem Journalisten Jean-Dominique Bauby in "Le Scaphandre et le Papillon" (etwa: Der Taucheranzug und der Schmetterling) von Künstler und Gelegenheits-Regisseur Julian Schnabel, der ebenfalls im Wettbewerb läuft. Schnabel ("Before Night Falls") verfilmte das gleichnamige Buch des ehemaligen "Elle"-Chefredakteurs, der durch einen Schlaganfall mit 42 aus dem Leben gerissen wurde. Als Opfer des so genannten Locked-in-Syndroms konnte er nur noch durch Zwinkern mit dem linken Augenlid mit der Umwelt kommunizieren, während sein restlicher Körper gelähmt war.

Der Film erzählt die Geschichte Baubys vom ersten Aufwachen nach dem Anfall bis zu seinem Tod knapp zwei Jahre später. Die erste Hälfte des Films sieht der Zuschauer durch Baubys Augen, der grandios vom französischen Schauspieler Mathieu Almaric verkörpert wird. Stephen Spielbergs Stamm-Kameramann Janusz Kaminski findet zu diesem Blick von Innen nach Außen verstörende und beklemmende Bilder, die dem Zuschauer nahe bringen wollen, wie sich Bauby, geistig intakt, in seinem reglosen Körper gefühlt haben muss - wie in einem schweren Tiefsee-Taucheranzug, mehrere Meilen unter dem Meeresspiegel.

Doch zum Glück gibt es die Frauen. Gleich mehrere, allesamt wunderschön, widmen sich dem Wohlergehen des Gelähmten, der, im besten Alter, natürlich darunter leidet, die dargebotenen Reize nur betrachten zu können. Darunter seine Ex-Lebensgefährtin Céline (Emmanuelle Seigner), die ihn immer noch liebende Mutter seiner Kinder sowie die aufopfernde Sprach-Therapeutin Henriette (Marie-Josee Croze), die ihm mit einem Alphabet und viel Geduld beibringt, wie er mit seinem binären Kommunikations-Code (einmal Zwinkern = Ja; zweimal zwinkern = nein) ganze Sätze formen kann, und letztlich die Verlags-Assistentin Claude (Anne Consigny), der Bauby monatelanger Arbeit Buchstabe für Buchstabe sein Buch diktiert.

Dank der zynisch-lakonischen Off-Erzählung Baubys, die nur dem Zuschauer gilt, nicht aber den Personen, die ihn umgeben, erhält dieser ebenso wundersame wie wundervolle Film eine große Portion Galgenhumor, der das Thema letztlich erträglich werden lässt. Dabei ist "Le Scaphandre et le Papillon" beileibe kein pessimistischer Film, denn erst in seiner grotesken Situation findet der bis dahin oberflächliche und beziehungsgestörte Bauby einen Zugang zu sich selbst und gewinnt dadurch neue kreative Kraft, die er in das Verfassen seines Erfahrungsberichts fließen lässt, der 1997 zum Bestseller wurde.

Zehn Tage nach Erscheinen seines Buches starb Bauby an den Folgen einer Lungenentzündung. Armer Mann. Aber wie schlecht wäre er erst ohne die ihn umsorgenden Engel gewesen? Sie mögen uns also doch noch ein bisschen, die Frauen. Es gibt noch Hoffnung. Und Hilfe. Julian Schnabel sagt nämlich über seinen Film, dass man ihn als Selbsterfahrung nutzen soll.

Cannes kümmert sich um uns Männer. Merci beaucoup!



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