Cannes-Tagebuch Croisette-Cowboys in der Krise

Am vorletzten Wettbewerbstag herrschte Western-Feeling an der Croisette: Wim Wenders zeigt in seinem beschwingten Road Movie "Don't Come Knocking" die Sinnsuche eines alternden Cowboydarstellers; Tommy Lee Jones bildet in seinem Regie-Debüt "The Three Burials" das raue Leben an der texanisch-mexikanischen Grenze ab.

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"Don't come knocking"-Star Shepard: Mit einem Blick ganze Geschichten erzählen

"Don't come knocking"-Star Shepard: Mit einem Blick ganze Geschichten erzählen

Kurz vor Schluss ist die allgemeine Erschöpfung des Publikums überall zu spüren: Die Nerven der tapferen Kino-Ordner liegen ebenso blank wie die der reizüberfluteten Journalisten und gestressten Filmeinkäufer. Dass es beim Einlass zur Vorführung im Festival-Palast nicht öfter zu Handgreiflichkeiten oder Pöbeleien kommt, grenzt an ein Wunder. Die erstaunliche Höflichkeit des blau livrierten Sicherheitspersonals sei hier einmal ausdrücklich lobend erwähnt: Wer jeden Tag Hunderte von Festivalpässen sichtet und Dutzende Taschen durchsucht, muss nach zehn Tagen Cannes einfach die Nase voll haben.

Doch auch die Meute, die jeden Tag in aller Herrgottsfrühe ins Kino strömt, um den nächsten Wettbewerbsbeitrag zu sehen, ist inzwischen deutlich gezeichnet: Die mehrfach getragenen Kleidungsstücke sind zerknittert, die Gesichter haben zwar eine leichte Sonnenbräune, aber die hilft auch nicht gegen die dunklen Augenringe. Wer sich nachts noch auf Partys wie die von "Sin City" (Beginn: 0.30 Uhr) schleppt, gilt als wahlweise heldenhaft oder wahnsinnig. Schlaf ist neben Trinkwasser und mittäglichen Sandwiches zum kostbarsten aller Güter geworden.

Die Stimmung ist dennoch entspannt; die Gespräche drehen sich um die Frage, wer denn nun am Sonntag das Rennen um die Goldene Palme machen wird. Zu den klaren Favoriten zählten am Donnerstag Michael Hanekes "Caché", Jim Jarmuschs "Broken Flowers" und "Don't Come Knocking" von Wim Wenders.

"Don't Come Knocking"-Szene: Beschwingtes statt "Paris, Texas"-Schwermut

"Don't Come Knocking"-Szene: Beschwingtes statt "Paris, Texas"-Schwermut

Der deutsche Regisseur, der aus seiner Amerika-Begeisterung nie einen Hehl machte, hat sich für seinen neuen Film erneut mit Sam Shepard zusammengetan. Der Schauspieler und Dramatiker schrieb für "Don't Come Knocking" das Drehbuch und übernahm auch gleich die Hauptrolle. Die beiden Freunde drehten vor 20 Jahren gemeinsam das Road-Movie "Paris, Texas".

Wer jedoch eine Neuauflage des staubtrockenen Wüstentrips erwartet hatte, wurde angenehm überrascht. Geradezu beschwingt erzählt Wenders die Geschichte eines alternden Western-Stars, der nach Jahren der sexuellen und alkoholischen Exzesse einen Zusammenbruch erlebt, der ihn fast das Leben kostet. Aber eben nur fast, und so türmt Howard Spence (Shepard) vom Set des furchtbar schmalzigen Films, den er gerade dreht, um herauszufinden, ob es nicht noch ein anderes Leben für ihn gibt.

Was der Weiberheld nach einer recht amüsanten Reise feststellt: Er hat zwei erwachsene Kinder von zwei verschiedenen Frauen, eine Tochter (Sarah Polley) und einen Sohn (Gabriel Mann). Ihnen begegnet er schließlich im malerischen Butte, Montana, und wie man sich vorstellen kann, sind die Kids nicht unbedingt begeistert, dass sich ihr windiger Daddy nach all den Jahren blicken lässt.

Mit teils opulenten Einstellungen von Landschaften und Straßenzügen, die an Edward Hoppers Gemälde erinnern, forscht Wenders hier dem Mythos des einsamen Westernhelden nach, der auf seinem Weg allerhand Herzen gebrochen und Scherben hinterlassen hat. Was passiert, wenn einer dieser markigen Gary Coopers einmal seine Spuren zurückverfolgt und im Zuge der Ereignisse immer kleinlauter wird, erzählt "Don't Come Knocking" auf lakonische und gar nicht mal so kitschige Weise.

"Don't come knocking"-Darsteller Polley, Mann: Überzeugend trotz Schauspielschulen-Aktionismus

"Don't come knocking"-Darsteller Polley, Mann: Überzeugend trotz Schauspielschulen-Aktionismus

Geschuldet ist dies vor allem auch den großartigen Darstellern, allen voran Sam Shepard, der mit einem einzigen Blick ganze Geschichten erzählen kann, und Jessica Lange, die in einer leider zu klein geratenen Rolle eine der verflossenen Liebeleien Howards spielt. In ihrer besten Szene macht sie dem reumütig zurückgekehrten Cowboy auf furiose Weise klar, dass er sich zum Teufel scheren kann: "Howard, you are a coward", schimpft sie, um gleich darauf inne zu halten und im schönsten Midwest-Akzent hinzuzufügen, dass sich das ja wohl nicht umsonst reime.

Lediglich der von T-Bone Burnett überproduzierte Soundtrack trägt manchmal ein wenig zu dick auf, und Gabriel Mann (als Howards Sohn Earl) nervt mit manieriertem Schauspielschulen-Überaktionismus. Ansonsten hat Wim Wenders hier einen zugänglichen, charakterstarken und eindrucksvollen Film präsentiert, der beste Chancen auf einen Preis haben sollte. Interessant ist übrigens die Ähnlichkeit der Plots von "Don't Come Knocking" und "Broken Flowers" vom ehemaligen Wenders-Assistenten Jarmusch: In beiden Filmen suchen Väter ihre Kinder. Umsetzung, Tonart und Ausgang könnten freilich unterschiedlicher nicht sein.

Szene aus "Free Zone": Anwärter auf die hölzerne Palme

Szene aus "Free Zone": Anwärter auf die hölzerne Palme

A propos suchen: Was manche Filme im Wettbewerb verloren haben, fragte man sich dieser Tage gleich zweimal. Der israelische Kino-Guru Amos Gitai strapazierte die Nerven 90 sehr lange Minuten mit seinem Drama "Free Zone", in dem es um die Gegensätzlichkeiten zwischen Arabern und Israelis geht, die sich am Ende des Films in Luft auflösen. Schönes, weil völkerverständigendes Thema - mangelhafte Umsetzung. Denn um die Schauspielerin Hanna Laslo beim Erzählen jüdischer Witze oder beim Streiten mit ihrer palästinensischen Kollegin Hiam Abbass zu zeigen, während andere Charaktere quälend lange über die schwere Zeit der Intifada monologisieren, dafür wäre kein Film nötig gewesen - ein Rezitierabend hätte auch gereicht.

Gäbe es eine hölzerne Palme für den miserabelsten Film des Festivals, so könnte sich Amos Gitai diese Trophäe mit dem Koreaner Hong Sangsoo teilen, der sich in seinem Drama "Keuk Jang Jeon" (Tale of Cinema) so ungeschickt auf die Spuren der französischen Nouvelle Vague begibt, dass am Ende nur völlige Verwirrung bleibt. Wie bei "Free Zone" ist auch hier der Ansatz im Grunde gut: Hong zeigt zunächst ein junges Liebespaar, das sich gemeinsam das Leben nehmen will.

Später stellt sich heraus, das all das die Handlung eines studentischen Kurzfilms war, dessen Plot sich nun in der Realität der jungen Filmemacher wiederholt. Die Botschaft in etwa: Das Kino bestimmt das Leben, und das bestimmt das Kino. Klingt kompliziert? Ist es aber nicht, zumal es sich der Film in ästhetischer Hinsicht mehr als einfach macht, auf statische Bilder setzt und auf Dynamik komplett verzichtet.

"The Three Burials"-Darsteller Jones, Pepper: Beherzter Akt der Selbstjustiz

"The Three Burials"-Darsteller Jones, Pepper: Beherzter Akt der Selbstjustiz

Zum Glück gab es noch das gelungene Regie-Debüt des texanischen Grantlers Tommy Lee Jones ("Men in Black"), der sich in "The Three Burials" als durchaus humorbegabt erweist. Der Film ist - logisch - im tiefsten Texas, nahe der mexikanischen Grenze angesiedelt, wo die Farmer auch im 21. Jahrhundert noch per Pferd durch die Prärie reiten und immer eine schussbereite Winchester mit sich herumtragen.

Jones spielt einen verwitterten Cowboy namens Pete, dessen mexikanischer Sohn-Ersatz Melquiades irrtümlich von einem überambitionierten jungen Grenzschützer (Barry Pepper) erschossen wird. In einem beherzten Akt der Selbstjustiz verhaftet Pete den Unsympathen kurzerhand selbst und schleift ihn mitsamt der rapide verwesenden Leiche des Ermordeten in einem erbarmungslosen Ritt über die grüne Grenze nach Mexiko, wo Melquiades ordnungsgemäß in seinem Heimatort begraben werden soll. Der Grenzer, hinreißend dargestellt von Barry Pepper, ist am Ende des Films nur noch ein Häufchen Elend, das gelernt hat, wie man sich im wilden Westen korrekt verhält, wenn man den falschen Mann abknallt.

Szene aus "The Three Burials": Schussangst und Sex-Probleme

Szene aus "The Three Burials": Schussangst und Sex-Probleme

"Three Burials" ist eine echte Festivalentdeckung, die voller grandios komischer Szenen und skurriler Figuren steckt. Allein der schauspielernde Countrysänger Dwight Yoakam als neurotischer Polizeichef, der Schussangst hat und bei der drallen Kellnerin keinen Ständer kriegt, ist ein unvergessliches Original. Einziger Wermutstropfen: Die Teilnahme am Debütanten-Wettbewerb "Camera D'Or" wurde Tommy Lee Jones verweigert, da "Three Burials" zwar sein erster Kinofilm ist, er zuvor aber bereits bei einer TV-Produktion Regie geführt hat. Kleinkrämerei à la Cannes.

Dennoch endete der Festival-Donnerstag mit einem versöhnlichen Akzent. Die Sonne brannte den ganzen Tag mindestens ebenso heiß wie in Montana oder Texas, so dass man sich nach zwei Neuzeit-Western am selben Tag am liebsten einen Stetson gekauft hätte. Naja, zumindest bei den melancholischen Blicken und hohlwangigen Gesichtern der erschöpften Cowboys können wir mithalten. Yeee-ha!



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