Cannes-Tagebuch Die hohle Pyramide

Nachdem die PR-Maschine des "Da Vinci Code" über die Croisette hinweggerollt ist, können die 59. Filmfestspiele endlich beginnen: Mit dem chinesischen Erotikfilm "Summer Palace" und Ken Loachs irischem Freiheitsepos "The Wind that Shakes the Barley".

Von Lars-Olav Beier, Cannes


Niemand, der sich zurzeit in Cannes aufhält, kann ernsthaft bezweifeln, dass Gott in Frankreich lebt. Aber dass die Urururururgroßtochter Gottes Französin sein soll, das war dann selbst den edelsten Vertretern der Grande Nation zu viel des Guten. Als Tom Hanks im Eröffnungsfilm "The Da Vinci Code" zu Audrey Tautou sagt, sie stamme von Jesus ab, fingen viele Premierengäste an zu lachen. Dabei saß als Mitglied der Jury immerhin Monica Bellucci unter ihnen, die in Mel Gibsons Sakral-Splatter-Orgie "The Passion of the Christ" eben jene Maria Magdalena gespielt hatte, nach deren sterblichen Überresten in "The Da Vinci Code" alle wie verrückt her sind. Wenn es eine Frau geschafft haben sollte, Jesus zu schaffen, dann gewiss eine wie Belluci. Ja, eine Französin kann sogar Gott verführen. Aber ihn fortführen?

So frostig ist hier in Cannes wohl selten ein Hollywood-Blockbuster empfangen worden wie "The Da Vinci Code". Als beim festlichen Dinner nach der Galapremiere Hanks und sein Regisseur Ron Howard nicht, wie üblich, mit schwarzen Fliegen, sondern geradezu provozierend leger mit schwarzen Krawatten in den Saal schritten, war das schon ein kleines Spießrutenlaufen. Denn es wurde eifrig diskutiert, was schlimmer sei an diesem Film: Der zweieinhalbstündige klippschulenartige Wortschwall, das horrend schlampig konstruierte Drehbuch oder die beschämend miesen Darsteller? Warum habe eigentlich Paul Bettany, Darsteller des Killers und Flagellanten Silas, immerfort den Mund offen stehen? Hätte er ihn nicht zunähen können? Schließlich sei ohnehin die Selbstkasteiung seine wahre Leidenschaft. Mit versiegelten Lippen hätte er auch nicht so viel dummes Zeug von sich geben müssen und sich aufs Killen beschränken können.

Für dieses böse Gerede revanchierte sich der Verleih Sony-Columbia umgehend mit einer Party, die nahtlos an die Qualität des Films anschloss. In einer riesigen schwarzen Pyramide, die auf der Hafenmole aufgebaut worden war, herrschte diskrete Bierzelt-Atmosphäre. Zeitweise brauchte man einen Nebelscheinwerfer, um nicht versehentlich statt der nächsten Zigarette die eigene Nase anzuzünden. Ab und zu tauchte eine Hollywood-Größe wie Ex-Miramax-Boss Harvey Weinstein aus dem Zwielicht auf und wurde sofort von Französinnen, die gut einen Kopf größer waren als er selbst, wieder verschattet. Die erstaunlich unausgezogene chinesische Schauspielerin Bai Ling stellte unter Beweis, dass sie sich offenbar antizyklisch zum Wetter kleidet: Als Jury-Mitglied auf der Berlinale war sie vor zwei Jahren wegen ihren freizügigen Auftritte noch als "Berlinackte" tituliert worden – diesmal trug sie sogar ein Oberteil!

China, Kino und Sex

Damit wären wir auch schon beim Thema: China, Kino und Sex. Das passte bisher nicht so ganz zusammen, denn die chinesische Film-Zensur achtete oberhalb der Gürtellinie stets auf Linientreue und unterhalb auf Sittenstrenge. Der Wettbewerbsbeitrag "Summer Palace" hält sich nun weder an das eine noch an das andere und musste sich deshalb unter Umgehung offizieller Wege in den Wettbewerb stehlen. Regisseur Lu Ye erzählt von der Studentin Hong Yu (Lei Hao), die sich Ende der achtziger Jahre in Peking heftig in ihren Kommilitonen Wei Zhou (Xiadong Guo) verliebt. Ungewohnt explizit setzt Lu Ye die politischen und sexuellen Aufwallungen ins Bild, in den Betten und auf den Straßen herrscht Aufbruchstimmung, und auf einmal findet sich der Zuschauer mitten auf dem Platz des Himmlischen Friedens wieder und weiß nicht, ob er einem Rendezvous oder einer Revolte bewohnt.

Wieder also eine Frau, die nicht in der Bibel steht – diesmal in der Mao-Bibel. "Summer Palace" ist das präzise Porträt einer Frau, die dem Unterleib statt dem Überbau vertraut, die sich einfach die Freiheit nimmt, ihren körperlichen Bedürfnissen zu folgen, und für die Sex die höchste Form menschlicher Kommunikation ist. Und Sex, dieses ganz und gar klassenlose Vergnügen, geht in der kleinsten Hütte. Das lehrt uns Regisseur Lu Ye, indem er die Liebesszenen in engen Räumen und knarzenden Betten spielen lässt, was manchmal ungelenk, aber immer äußerst erotisch wirkt.

"Try this at home!” möchte man laut ausrufen, zumal einen dieser Film urplötzlich nach Hause katapultiert. Da fährt man nach Cannes, sieht sich einen chinesischen Film an und findet sich plötzlich mitten in Berlin-Kreuzberg wieder: Einige Szenen des Films spielen nämlich ausgerechnet am 1. Mai am Kottbusser Tor und Umgebung, wohin es Wei Zhou im Laufe der Handlung verschlägt. Da kommt einem der sonst so heiß umkämpfte Mariannenplatz auf einmal wie ein Platz des Himmlischen Friedens vor, der diesen Namen wirklich verdient. Filme nehmen uns eben mit auf Reisen – manchmal führen uns diese bis vor die eigene Haustür.

Ken Loach schickt uns in seinem irischen Freiheitskampf-Drama "The Wind that Shakes the Barley" zurück ins Jahr 1920 und erzählt gewohnt gewissenhaft und ehrenwert von mutigen Aufständlern und ihrem Kampf um Scholle, Familie und Vaterland, überrascht den Zuschauer aber mit einer erstaunlichen Wendung.

Und während die Presse und das Publikum gespannt auf die neuen Filme von Richard Linklater ("Fast Food Nation") und Pedro Almodóvar ("Volver") warten, streunt Festivalchef Thierry Frémaux schon nach einem Tag mit Dreitagebart durchs Palais und gibt sich versöhnlich: "In Deutschland", sagt er, "halten mich manche für einen Feind." In diesem Jahr läuft kein deutscher Film im Wettbewerb. "Aber das ist überhaupt nicht wahr", empört er sich. "Nur hat uns die Berlinale einige der besten deutschen Filme weggeschnappt." Und dann betrachtet er die paar Wolken, die sich über dem Hafen von Cannes zusammenbrauen, und lächelt. Ein Gewitter, das weiß er, muss er erst mal nicht fürchten.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.