Cannes-Tagebuch Die Poesie des Wimmerns

Schreie von Angelina Jolie in Michael Winterbottoms "A Mighty Heart", ein Konzert des Röchelns und Wimmerns in Ulrich Seidls exzellentem Drama "Import/Export": An der Croisette sind Leid und Kummer tonangebend.

Aus Cannes berichtet


Um Mitternacht böllerten Feuerwerksraketen über dem Hafen von Cannes, für die Strandparty in der Nacht von Sonntag auf Montag hatte man den in Frankreich superhippen DJ Wax Tailor angeheuert: Die Festivalorganisatoren wollen sich schließlich zum 60. Jubiläum der Filmfestspiele nicht lumpen lassen. Trotzdem blieb das junge Publikum, das noch am Samstagabend die Strandpromenade in einen netten Jahrmarkt verwandelt hatte, in dieser Nacht weg - das hoffnungsvolle junge Partypack hat am Montag schließlich zu arbeiten.


Und so wirkte die beherzte Jubel-Animation der Festivalleitung ein wenig, als wolle man die professionellen Kinozuschauer trösten, dass ihnen drinnen in den finsteren Vorführsälen der Spaß am Leben mal wieder gründlich versaut wird.

Die beiden Schmerzensschreie, die Angelina Jolie in Michael Winterbottoms "A Mighty Heart" entfahren, sind auch durch das lauteste Feuerwerksgeböller nicht zu übertönen. Jolie spielt Marianne Pearl, die schwangere Frau des amerikanischen Reporters Daniel Pearl, der im Februar 2002 in Pakistan entführt und zwei Wochen später von Islamisten ermordet wurde.

Der Film erzählt die Horrorstory im Stil eines Dokudramas und weitgehend aus der Perspektive der Frau. Man sieht, wie sich der "Wall Street Journal"-Reporter Pearle (Dan Futterman) von seiner Gattin verabschiedet, wie er in ein Taxi steigt, wie die Frau vergeblich auf ihn wartet, wie ihr Apartment in Karachi von pakistanischen Polizisten und amerikanischen Geheimdienstleuten in den nervenzerrenden Tagen des Hoffens und Wartens in ein Krisenzentrum voller Telefone und Computer verwandelt wird.

Die zwei Schreie der Angelina Jolie

In Winterbottoms Film wuseln dauernd Autos und Busse durch die pakistanische Großstadt, es werden Verdächtige verhaftet und gefoltert und Verschwörungs-Diagramme gezeichnet, dazwischen umarmt sich das Reporterpaar in kurzen Erinnerungs-Flashbacks. Doch die mit Abstand erschütterndste Szene ist jene, in der die von Jolie als tapfere Kämpferin gespielte Frau erfährt, dass "Danny es nicht geschafft hat", wie es der Überbringer der Todesnachricht ausdrückt. Jolie brüllt aus vollem Hals, dass einem das Blut in den Adern gefriert, und wenn am Ende des Films das Baby geboren wird, ist nahezu der gleiche Schrei noch einmal zu hören.

Kaum hat man das Kino verlassen, gibt es ein Riesengebrüll auf der Fototerrasse des Festivalpalasts. Unfassbar viele Fotografen schreien unverständliches Zeug, vielleicht, damit Jolie sie ansieht, wahrscheinlich aber, weil das Geschrei einfach zu ihrem Job gehört. Angelina Jolie jedenfalls macht ein ernstes, trauriges Gesicht, wie es sich für "A Mighty Heart" gehört, und spricht auch auf der anschließenden Pressekonferenz sehr ernst und traurig von den Schrecken dieser mörderischen Welt.

Auch Leonardo DiCaprio bringt keine frohe Botschaft nach Cannes. "Die elfte Stunde" heißt die Weltuntergangs-Dokumentation zweier junger amerikanischer Regisseurinnen namens Leila Conners-Petersen und Nadia Conners, die der strahlende DiCaprio vorstellte. Der von ihm produzierte Film beginnt mit überschwemmten Straßen, einem im Mutterbauch flottierenden Embryo und rauchenden Fabrikschloten. Dann artikulieren nacheinander mehr als 70 mehr oder weniger prominente Experten ihre Besorgnis über Umweltzerstörung und Klimawandel vor der Kamera, darunter Mediziner, Ökologen, Philosophen und der Physiker Stephen J. Hawking. Zwischendurch aber taucht immer wieder Leo auf. Der idealtypische Teenagerschwarm setzt sein Geld und sein Gesicht ein, um die Jugend der Welt aufzurütteln.

Forever young

Der US-Regisseur Gus van Sant möchte vor allem Teil einer Jugendbewegung sein. Für seinen neuen, im Wettbewerb startenden Film "Paranoid Park" hat er jugendliche Laiendarsteller auf der Internetspielwiese My Space gesucht und gefunden. Außer gut aussehen mussten zumindest die Jungs auch auf Skateboards herumturnen können, denn "Paranoid Park" spielt im Skater-Milieu von Portland an der amerikanischen Westküste.

Die Story kreist unkonzentriert um einen jungen Kerl, der sich durch einen dummen Zufall schuldig macht am Tod eines Wachmanns, im wesentlichen aber geht Van Sant elegant und sehr wehmütig seinen altbekannten Obsessionen nach. Er zeigt schöne, fahrige Digitalbilder von Teenagergesichtern und Teenagerkörpern und unterlegt sie mit cooler Musik. Die innere Not seines Helden allerdings lässt Van Sant den Zuschauer nur in wenigen Augenblicken spüren.

Das ist bei dem deutschen Regisseur Jan Bonny und seinem in der Nebenreihe "Quinzaine des Realisateurs" startenden Debütfilm "Gegenüber" ganz anders. Hier herrscht der reine Seelen- und Körperhorror. Der zu Recht vielfach gelobte Darsteller Matthias Brandt spielt einen Mann, der geschlagen wird. Seine Frau (gruselig: Veronika Trautmannsdorf) prügelt immer wieder auf ihn ein, er lässt es geschehen. Sie tritt den sich auf dem Boden krümmenden Männerkörper mit Schuhen, mit einem riesigen gläsernen Salzstreuer, mit bloßen Händen.

Bonny hat Mut zur Härte, aber nicht zur Lücke; und so findet er oft nur mickrige Bilder für dieses Drama, das mit unangemessenem Fleiß auserzählt wird bis ins letzte psychologische Detail. Dass es, um tolles Kino zu machen, auf den Blick ankommt und nicht nur auf den Erzählstoff, das kann man an "Gegenüber" schulmäßig nachbuchstabieren.

Überraschende Einstellung

Vielleicht versteht es ausgerechnet der Österreicher Ulrich Seidl derzeit von allen Filmemachern am besten, mit einer Präzision, Lässigkeit und Bosheit das Innerste von leidenden Menschen in grandiose Kinobilder zu übersetzen. "Import/Export" heißt Seidls neuer Film, den man ohne prophetische Anmaßung zu den Favoriten im Wettbewerb um die Goldene Palme zählen darf. Es geht um zwei junge Elendsmigranten. Die blonde ukrainische Krankenschwester Olga verschlägt es von Ost nach West, den verschuldeten Prolltypen-Kahlkopf Paul von West nach Ost.

Olga besucht erst ihre Freundin, die sich im Kabuff einer Pornoagentur für zahlende Anrufer vor einer Webkamera entblößt. Dann lässt sie Mutter und Baby zurück und reist nach Wien, wo sie schließlich als Putzfrau in einem Krankenhaus anheuert. Paul fährt mit seinem versoffenen Stiefvater aus Österreich in die Slowakei und in die Ukraine, wo sie aus Kaugummiautomaten Geld einsammeln und schmutzigen Vergnügungen nachjagen.

Hört sich alles ziemlich trostlos an. Doch Seidl erzählt von sexueller Erniedrigung und brutaler Gewalt, kleinen menschlichen Annäherungen und banaler Gehässigkeit in langen, stets auf neue überraschenden Einstellungen und beweist dabei soviel grelle Poesie und Zärtlichkeit, dass man dem Zauber seiner Horrorwelt fast ohne Gegenwehr verfällt.

Zehn uralte, dem Tod geweihte Menschen teilen sich da zum Beispiel den Saal des Wiener Krankenhauses, in dem Olga arbeitet, und im Schein der grünstichigen Nachtlichter hebt ein Konzert des Röchelns und Wimmerns an. Die Szene ist schier endlos, unerträglich, und doch wunderschön. Und lasst für einen Augenblick ahnen, dass die Kinokunst im besten Fall ein Versprechen auf Erlösung ist im Jammertal voller Schmerz und Gemeinheit, das unsere prachtvolle Welt leider nun mal ist.



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