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Cannes-Tagebuch: Ein Königreich für einen Mops

Von , Cannes

Das, Madame, ist Cannes: Sofia Coppola, Hoffnungsträgerin des amerikanischen Kinos, wurde beim Filmfestival von Journalisten ausgebuht. Dabei erinnert ihr  Kostümfilm "Marie Antoinette" stark an das Treiben an der Croisette.

Sie hatten sich vermutlich auf einen königlichen Empfang gefreut, die Royals aus dem kalifornischen Napa Valley, Vater und Tochter. Denn eigentlich ist Prinzessin Sofia sehr beliebt, und der alte König Francis wird von vielen hier immer noch verehrt wie ein Gott, obwohl seine Heldentaten bereits Jahrzehnte zurückliegen. Aber das Volk, in Gestalt von einigen undankbaren Journalisten, es wollte diesmal nicht jubeln. Kein Applaus, im Gegenteil: Es gab sogar Buhrufe.

Das ist die Nachricht des Tages vom Festival in Cannes: Sofia Coppola, seit "Lost in Translation" die Hoffnungsträgerin des amerikanischen Autorenfilms und berühmte Tochter des noch berühmteren Francis Ford Coppola ("Der Pate"), wurde am Mittwoch von etlichen Journalisten ausgebuht – oder zumindest ihr neuer Film "Marie Antoinette", der im Wettbewerb um die Goldene Palme antritt.

Auch bei der Pressekonferenz nach der ersten Vorführung herrschte eine eher frostige Stimmung. Die Regisseurin wirkte noch zierlicher als sonst und versuchte zu lächeln, erfolglos. Papa Francis, als Begleiter dabei, guckte derweil so ähnlich wie Al Pacino im ersten Teil des "Paten" – kurz bevor dieser aufsteht, um den Revolver aus dem Versteck auf dem Klo zu holen.

Insbesondere viele französische Journalisten nahmen offenbar übel, dass Amerika nach dem Murks mit dem Louvre ("The Da Vinci Code – Sakrileg") schon wieder ein französisches Nationalheiligtum geschändet hatte, auch wenn die Ikone diesmal streng genommen aus Österreich stammt: Marie Antoinette, Gattin des französischen Königs Ludwigs XVI. und bis heute unvergessen für den Spruch: "Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen." Wenn das Volk erst einmal die Macht hat, wird man für so einen Satz bekanntlich geköpft.

Gitarren-Pop in Versailles

Dabei "würde ich so etwas nie sagen", behauptet Marie Antoinette in Coppolas Film. Tatsächlich hätte die Film-Marie dem Volk wohl eher empfohlen, doch lieber eine CD von New Order zu hören oder ein wenigstens ein schnelles Stück von The Cure. Davon bekommt man nämlich richtig gute Laune! Und deshalb dröhnt der gute alte britische Gitarren-Pop von der Tonspur, während Marie Antoinette durch die langen Korridore von Versailles stöckelt. Marie Antoinette, wie Sofia Coppola sie zeigt, ist eine Pop-Königin: vergnügungssüchtig, verschwenderisch, schön; auf den ersten Blick eine fröhliche junge Frau, die eine gewisse Ähnlichkeit hat mit der Freundin von "Spider-Man".

Letzteres liegt darin, dass Marie Antoinette von Kirsten Dunst gespielt wird, die schon in Sofia Coppolas Regie-Debüt "The Virgin Suicides" (und später in den "Spider-Man"-Filmen) mitwirkte. Kirsten Dunst strahlt den ganzen Film über, selbst wenn Marie Antoinette traurig ist: darüber, dass ihre Mutter sie im Alter von 14 Jahren aus Wien nach Frankreich abgeschoben hat, dass sie ihren geliebten Hund, einen Mops, zurücklassen musste, dass die Hofdamen sie mobben, dass ihr Mann Ludwig XVI. (stoisch: Jason Schwartzman) lieber zur Jagd ausreitet, anstatt sich der Produktion eines Thronerben zu widmen.

Eine Weile guckt man dem hochadeligen Triebleben (nicht zu verwechseln mit Marie Antoinettes Eheleben) ganz gern zu. Vor allem das höfische Protokoll, von Sofia Coppola mit milder Ironie vorgeführt, kommt einem bekannt vor: Es erinnert in seiner pompösen Eitelkeit stark an das Filmfestival selbst; nur der Sonnenkönig heißt anders. Stets geht es um Rituale, die Macht und Einfluss belegen sollen: Als Marie Antoinette sich etwa über die umständliche morgendliche Ankleide-Prozedur beklagt ("Das ist lächerlich"), entgegnet eine Hofdame spitz: "Das, Madame, ist Versailles." 40 Millionen Dollar konnte Coppola für ihren Film ausgeben; das meiste davon dürfte für Kostüme (Schuh-Design: Manolo Blahnik) und für die Miete der Originalschauplätze draufgegangen sein.

Doch früher oder später (der Film dauert knapp über zwei Stunden) hat man sich satt gesehen an all dem hübsch abgefilmten Prunk und dem eitlen Getue bei Hofe – und wartet nur noch auf die Revolution, dramaturgisch und auch sonst. Die französischen Filmkritiker ölen vermutlich schon ihre Guillotinen.

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Cannes-Festival: Ausgebuhte Coppola

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