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Cannes-Tagebuch: Ein Schiff wird kommen

Von Lars-Olav Beier

Während sich der deutsche Film auf einem Luxusliner feiert, geht der Wettbewerb zu Ende. Wim Wenders enttäuscht mit "The Palermo Shooting", der Franzose Laurent Cantet sorgt mit "Entre les Murs" für einen fulminanten Schlussakkord.

Es ist ja nicht wie bei armen Leuten – nicht mehr. Der deutsche Film, seit einiger Zeit im In- und Ausland höchst erfolgreich, hat es zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Das einstige Schmuddelkind trägt heute Smoking, vorbei die Zeiten, in denen sich die Regisseure ihre Werke vom Munde absparen mussten – nun werden Austern geschlürft! Der deutsche Film ist auf dem Achterdeck angekommen, zumindest auf dem der "MS Europa", die am Wochenende in der Bucht von Cannes vor Anker ging.

Auf dem Luxusliner stießen Schauspieler wie Mario Adorf oder Armin Rohde und Regisseure wie Leander Haussmann oder Detlev Buck, eingeladen von Hapag-Lloyd und der deutschen Filmakademie, auf ihre Branche an, versteigerten zur Nachwuchsförderung Requisiten aus deutschen Produktionen und demonstrierten innigste Eintracht. Als etwa der Auktionator zu Geboten für eine Statistenrolle im neuen Buck-Film aufrief, erhielt am Ende Mario Adorf den Zuschlag. Die gutbetuchten Passagiere der "MS Europa" kamen da nicht mehr mit.

Das setzte ein Zeichen: Wer an einem deutschen Film mitwirken will, selbst als Statist, muss dafür in Zukunft bezahlen. Das eröffnet der Branche völlig neue Finanzierungsmodelle: Hätte beispielsweise Deutschlands Vorzeigeproduzent Bernd Eichinger die Regie an seinem neuen Leinwandepos "Der Baader-Meinhof-Komplex" an Herrn Ackermann von der Deutschen Bank verkauft, statt sie seinem Kumpel Uli Edel anzuvertrauen, der dreisterweise auch noch eine Gage verlangte, hätte er ein noch weit größeres Budget zur Verfügung gehabt.

Es kann daher also nicht mehr lange dauern, bis der deutsche Film von Zuwendungen der öffentlichen Hand gänzlich unabhängig wird, und angesichts der Perspektive, sich in Zukunft keine Reden von Kulturstaatsminister Bernd Neumann mehr anhören zu müssen, der in Cannes den Namen von Fatih Akin so aussprach, dass es wie "Fuckie Atin" klang, fiel sich die Branche auf der "MS Europa" über alle Klassen hinweg in die Arme wie Leonardo di Caprio und Kate Winslet in "Titanic".

Natürlich trank man sich den deutschen Film dort etwas zu schön. Denn der deutsche Beitrag im Wettbewerb, "The Palermo Shooting" von Wim Wenders, war bei einer ersten Vorführung an der Croisette auf sehr verhaltene Reaktionen gestoßen. Am Samstagabend läuft der Film, in dem der Sänger Campino von den Toten Hosen einen erfolgreichen Fotografen spielt, in einer Galapremiere im Festivalpalais. Tatsächlich ist Wenders' Reflexion über Schein und Sein, über Leben und Tod sehr prätentiös geraten, die gestelzten Dialogsätze und schlaksigen Bewegungen des Hauptdarstellers passen nicht so recht zusammen.

Die Franzosen dagegen, die mit ihren bisherigen Wettbewerbsfilmen nur für ein mildes Lächeln gesorgt hatten, haben sich das Beste für den Schluss aufgehoben. "Entre les Murs" ("Zwischen den Wänden"), die neue Regiearbeit von Laurent Cantet ("In den Süden"), klang zunächst wie ein weiterer Gefängnisfilm. Tatsächlich erzählt Cantet von einem Lehrer, der Migrantenkindern die französische Sprache beizubringen versucht – und dabei auch das Kinopublikum ganz und gar gefangen nimmt.

Ein kleines Wunder ist dieser Film. Dem Schauspieler François Bégaudeau in der Hauptrolle und vielen Laien in den Nebenrollen gelingt es, den Zuschauer mitten hineinzuziehen in den kargen Klassenraum, in dem gut 80 Prozent aller Szenen spielen. Wir teilen die Lust und die Last an der Sprache, wir wechseln zwischen dem Lehrer und seinen Schülern ständig die Seiten. Nie passiert in "Entre les Murs" etwas Spektakuläres, nie wirkt der Film falsch oder überzogen – und doch ist er ungemein amüsant und tief bewegend.

Nie sieht man den Lehrer in "Entre les Murs" zu Hause, nie etwas trinken, essen oder Sex haben. Einmal raucht er, da fordert ihn eine Reinigungsfrau sofort auf, seine Zigarette zu löschen. Ähnlich wie Steven Soderbergh seinen Helden Che zeigt Cantet seinen Lehrer als einen Idealisten, dem der Kampf für eine bessere Welt keinerlei Privatleben lässt. Angesichts dieser ganzen entsexualisierten männlichen Helden in Cannes fragt man sich, wie die Frauen, die in den Filmen ständig schwanger wurden, wohl zu ihren Kindern gekommen sind.

Ein Festival, das von Gefangenschaft und Armut erzählte und das Frauen feierte, die ihre Kinder meist allein durch eine harte Welt bringen müssen, geht zu Ende. Erst an den letzten beiden Tagen, nach mehr als einwöchiger Leidenszeit, in der auf der Leinwand und auf der Croisette nur selten die Sonne schien und man das Gefühl hatte, dass die Menschen in Cannes zum Lachen in den Bunker gehen, gewährte der insgesamt durchwachsene Wettbewerb dem Publikum einige Lichtblicke und unbeschwerte Momente.

Weil jeder, der in Cannes die Gewinner vorhersagen möchte, sich nur blamieren kann, aber jeder, der es nicht wagt, ein Feigling ist, hier nun die Prognosen für die morgige Verleihung: Goldene Palme für das Familiendrama "Üç Maymun" des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan. Preis der Jury für Ari Folmans animierten Dokumentarfilm "Waltz with Bashir". Beste weibliche Darstellung: Martina Gusman im argentinischen Gefängnisfilm "Leonera". Beste männliche Darstellung: François Bégaudeau in "Entre les Murs". Regiepreis: der Chinese Jia Zhangke für "Er Shi Si Cheng Ji". Drehbuchpreis: der Amerikaner Charlie Kaufman für "Synecdoche, New York". Aber sicher kommt alles ganz anders.

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