Cannes-Tagebuch Ein Schuss geht um die Welt

Nach der Hälfte des Festivals kristallisieren sich erste Favoriten für die Goldene Palme heraus. Besonders die Gesellschaftsparabel "Babel" des Mexikaners Iòárittu  sorgte für Erleichterung beim Kritikervolk. Festival-Stammgast Bruno Dumont hingegen enttäuschte mit "Flandres" auf ganzer Linie.

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Nach einer Woche voller Filme, Pressekonferenzen, Interviews und abendlicher Empfänge zeigen sich wie üblich erste Augenringe und Ermüdungserscheinungen bei den Kritikern. Zur allgemeinen Erschöpfung trug in diesem Jahr auch der Wettbewerb bei, der drei Tage lang wenig Höhepunkte und einige Enttäuschungen geboten hat. Pünktlich zur Halbzeit zog sich am Dienstag auch noch der Himmel über Cannes zu und tauchte die Croisette nach sieben Tagen brutaler Sonne in ein schattenloses, milchiges Licht.

In dieser indifferenten Stimmung pilgerte man am frühen Morgen in die Vorführung von "Babel", dem neuen Film des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iòárittu, der einst in Cannes bei der Kritikerwoche mit "Amores Perros" debütierte und es nach seinem bejubelten Drama "21 Gramm" nun in den Wettbewerb schaffte. Angesichts einer Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden und einer Story, die als moderne Parabel auf den biblischen Turmbau angekündigt wurde, wappnete man sich für die nächste Strapaze, doch Inárritu vollbrachte mit seinem erstaunlichen und mitreißenden Film das Wunder, dem Festivalpublikum neuen Mut zu verleihen.

Selten zeigte sich der Hunger nach starken Geschichten und souveränen Inszenierungen so deutlich wie nach "Babel", als die Journalisten angeregt plaudernd und mit aufgehellten Gesichtern den Saal verließen: Erleichterung machte sich breit: Nach Pedro Almodóvars "Volver", der bereits am vergangenen Freitag gezeigt wurde, hat das Festival endlich einen weiteren Favoriten für die Goldene Palme hervorgebracht.

Iòárittu will zeigen, dass wir seit der seit biblischen Zeiten babylonischen Sprachverwirrung eigentlich keinen zivilisatorischen Schritt weiter gekommen sind: Wir verstehen uns einfach nicht, und es dürfte eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis Gott unseren globalen Turm erneut mit frustrierter Wut in Grund und Boden haut. Allerdings, so zumindest entlässt uns der Film versöhnlich, haben wir noch genügend Chancen, aufeinander zuzugehen.

Kommunikationsversuche in vibrierender Großstadt

Alles beginnt mit zwei marokkanischen Bauernbuben irgendwo in der Wüste, die eigentlich die Ziegen hüten sollen, aber viel lieber mit dem brandneuen Gewehr herumspielen, das ihnen ihr Vater zur Abwehr von Schakalen gegeben hat. Angeblich soll die großkalibrige Jagdflinte drei Kilometer weit schießen, also visieren die Bengel einen Touristenbus an, der weit unten im Tal durch die Einöde fährt. Aus Spaß wird Ernst, als der kleine Ahmed tatsächlich trifft und durch das Busfenster die Ehefrau (Cate Blanchett) des Amerikaners Richard (Brad Pitt) lebensgefährlich verwundet.

Der Schuss geht im wahrsten Sinne des Wortes um die Welt, denn das ungewollte Attentat zieht seine Kreise von Marokko bis nach Los Angeles, Mexiko und Tokio. In drei parallelen Handlungen zeigt "Babel", wie Richard verzweifelt versucht, in der Wüstenei Nordafrikas einen Krankenwagen zu organisieren, wie seine Kinder daheim dank der wohlmeinenden Latino-Nanny unfreiwillig in den Grenzkonflikt zwischen den USA und Mexiko geraten - und wie das taubstumme japanische Mädchen Chieko (Rinko Kikuchi) vergebliche Kommunikationsversuche in einer vor Lärm, Musik und Stimmen vibrierenden Großstadt unternimmt. Chiekos Vater, einem Jäger, gehörte einst die Flinte.

Es ist ein komplexes Unterfangen, vier Sprachen, drei Schauplätze und diverse Laiendarsteller, darunter marokkanische Dorfbewohner, in eine funktionierende Filmhandlung zu verwandeln. Iòárittu schafft es mit eindringlichen Szenen, die vom bewährten "Brokeback Mountain"-Team Rodrigo Prieto (Kamera) und Gustavo Santaolalla (Musik) traumhaft inszeniert werden: Brad Pitt, der mit tiefen Runzeln und meliertem Haar eine seiner bisher besten Rollen abliefert, ist fassungslos, als ihm die marokkanische Polizei mitteilt, dass die einzige Ambulanz von der amerikanischen Botschaft aus politischen Gründen aufgehalten wurde, weil man einen terroristischen Akt vermutet.

"Babel" bekam längsten und innigsten Applaus

Richards mexikanische Nanny nimmt derweil dessen kleine Kinder notgedrungen von Los Angeles mit über die Grenze zu einem Familienfest. Auf der Rückfahrt legt sich ihr stark angetrunkener Neffe (Gael García Bernal) mit den amerikanischen Grenzbeamten an. Er ergreift die Flucht, als sämtliche Bemühungen, dem ebenso stoischen wie argwöhnischen Beamten zu erklären, wie die beiden blonden US-Kids mit zwei Mexikanern in ein Auto geraten konnten, scheitern. Die Nanny und die halb verdursteten Kinder werden am nächsten Tag im wüsten Niemandsland von der Polizei aufgegriffen. Als Dank dafür, dass sie die Kleinen nicht im Stich gelassen hat, wird sie auf direktem Wege ausgewiesen. Als ihr Sohn sie in Mexiko abholt, trägt sie immer noch ihr inzwischen schmutziges und zerrissenes rotes Abendkleid.

In Tokio versucht indessen Chieko den Selbstmord ihrer Mutter zu verarbeiten. Das bildhübsche, aber taubstumme Mädchen verfällt dem Irrglauben, ihr Kummer rühre daher, dass sie noch nie Sex hatte und schmeißt sich vehement an Jungs heran. Doch die unvermeidlichen Kommunikationsprobleme machen alles nur noch schlimmer. Chieko bekommt mehr und mehr das Gefühl, in ihrer eigenen Welt gefangen zu sein. Erlösung findet sie einzig und allein in einer Disko mit brüllend lauter Musik, die sie zwar nicht hört, aber zu spüren scheint. Als sie in der tanzenden Menge aufgeht, ist sie für einen kurzen Moment glücklich.

"Babel", der von dem US-Studio Paramount produziert wurde, bekam wohl den bisher längsten und innigsten Applaus des Festivals. Schon kurz nach der Vorführung war offensichtlich, dass sich Iòárittu nun gemeinsam mit Pedro Almodóvar die größten Hoffnungen auf die Goldene Palme machen kann.

Aber auch andere Favoriten haben sich inzwischen herauskristallisiert: Andrea Arnolds Debütfilm "Red Road" bleibt ebenso im Gespräch wie Lou Yes "Summer Palace". Auch Nanni Morettis gelungener Berlusconi-Film, der gar nicht von Berlusconi handelt, hat Chancen. Obwohl die Wahl in Italien längst zu ungunsten des schillernden Ministerpräsidenten entschieden wurde und "Il Caimano" bereits in italienischen Kinos gelaufen ist, genießt er zu Recht das Wohlwollen der Cannes-Kritiker.

Ignoranz, schwere Atmung und erschreckende Mechanik

Selbiges kann man von "Flandres" nun wirklich nicht behaupten. Der neue Film des Festival-Stammgasts Bruno Dumont ("L'Humanité", "29 Palms") schickt ein paar recht debil wirkende Bauernjungs aus Nordfrankreich in einen fiktiven Wüstenkrieg. Gespiegelt werden die laut Dumont absichtlich dilettantisch gefilmten Kampfhandlungen von den Erlebnissen des höchst leichtlebigen Landmädchens Barbe, die gleich mit zweien der beiden Jungs etwas hatte.

Dem ehemaligen Philosophen Dumont geht es nicht um die politischen Dimensionen - sein Krieg könnte in Tunesien, Afghanistan oder im Irak spielen, alles ist denkbar. Worum es ihm zu gehen scheint ist die Rückwerfung des zivilisierten Menschen auf seine Urinstinkte. Folglich haben die beiden Burschen an der Front nichts Besseres zu tun, als a) eine arabische Frau zu vergewaltigen, was sich bitter rächt, und b) ihr privates Konkurrenzgerangel um Barbe auf dem Schlachtfeld auszutragen, was sich zumindest für den einen Überlebenden bitter rächt.

Obwohl er die enervierend brütende Erzählweise seiner früheren Filme hier zugunsten veritabler Actionszenen aufgibt, versammelt Dumont erneut seine Lieblingszutaten: Entmenschlichter, brutaler Sex ohne Emotion und drastische Brutalität in Form eines abgeschnittenen Gemächts. Dass sich das Leben auf dem Land nicht groß vom Krieg unterscheidet, hat man spätestens kapiert, als sich die Vergewaltigung im Wüstendorf in Sachen Ignoranz, schwerer Atmung und erschreckender Mechanik nicht groß von den zuvor gezeigten Szenen unterscheidet, in denen sich Barbe daheim stoisch von denselben Bauerntölpeln rammeln lässt.

Das alles hätte vielleicht einen Sinn, wenn man sich mit irgendeiner der Hauptfiguren identifizieren könnte. Aber die Figuren bleiben letztlich so fremd und abweisend, wie der ganze Film. Bei indifferentem Wetter bot also zumindest der Wettbewerb reichlich Licht und Schatten.



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