Cannes-Tagebuch Endlich Sex! Oder nicht?

In Cannes bleiben die angekündigten Niederschläge aus, und dennoch gerät der Wettbewerb in einen Tiefdruckwirbel: James Grays Polizeifilm "We Own the Night" ersäuft in Pathos, Asia Argento guckt als "Alte Mätresse" wie dreihundert Tage Regenwetter.

Aus Cannes berichtet


Manche glauben, der Wettbewerb von Cannes bilde das wirkliche Leben ab. Doch das tut er nicht, zum großen Glück für das wirkliche Leben und uns alle, die sich darin bewegen. Denn sonst müssten wir uns mittlerweile große Sorgen um den Fortbestand der Menschheit machen. In den Filmen wird getötet, geschlachtet, gestorben und gesiecht – aber kaum noch gevögelt. Die Regisseure entwerfen auf der Leinwand eine beängstigende negative Utopie: In der nächsten Generation haben wir vielleicht noch ein paar Rentner zu viel, doch in der übernächsten schon so gut wie keine mehr. Erfreulicherweise gibt es aber Regisseurinnen wie die Französin Catherine Breillat, die in ihren Filmen immer wieder eindringlich daran erinnern, dass es auch andere Körperflüssigkeiten gibt als Blut.

Breillat, eine leidenschaftliche Erzählerin von Unterleibsgeschichten, hatte vor einigen Jahren mit drastischen Szenen in Filmen wie "Romance" (1999) eine Pornografie-Debatte in Gang gesetzt. Deshalb war sie von Festivalchef Thierry Frémaux nun als Erlöserin aus der Sex-Flaute auserkoren worden, mit ihrem neuen Werk "Die alte Mätresse". Doch was müssen wir zu unserem Schrecken sehen? Asia Argento leckt ihrem Liebhaber als Titelheldin Blut aus einer Schusswunde. Blut! Später schwängert der Liebhaber eine anämische Blondine, was man nicht sieht, aber ahnt, weil später ihr Bauch anschwillt. Doch was zeigt uns Breillat am Ende: Einen Arzt, der offenbar nach einer Fehlgeburt zwischen den Beinen der Blondine Unmengen von Blut aufwischt!

Catherine Breillat, das wird hier deutlich, weiß auch keinen Ausweg aus dem Demografie-Desaster. Im Gegenteil, sie lässt ihre Hauptfigur, die viel und augenscheinlich guten Sex hat, ständig das Gesicht verziehen, als habe sie dreihundert Tage Regenwetter hinter sich. Migräne-Schnute nach Super-Orgasmus? Liebe Frauen: So macht ihr es uns nicht leichter!

Statt uns anzufeuern, versucht Breillat in ihrem Film, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich spielt, das prasselnde Kaminfeuer als erotische Metapher neu zu entfachen. Ein bisschen hat man das Gefühl, dass Breillat, eine Expertin für Ohne-Kostüm-Filme, für diese stickige Literaturverfilmung nicht die Idealbesetzung war. Einmal sieht man kurz die Tätowierung, ein so genanntes Arschgeweih, über Asia Argentos Hintern. Daran stießen sich einige.

Auch James Gray gab sich in seinem Polizeifilm "We Own the Night" redlich Mühe, sein Publikum zumindest das männliche, auf Touren zu bringen. Gleich in der ersten Szene räkelt sich eine der tollsten Frauen des US-Kinos, Eva Mendes, auf einem Sofa, fasst sich lustvoll zwischen die Beine und lässt sich von ihrem Freund (Joaquin Phoenix) die rechte Brustwarze liebkosen. Das nenne ich mal einen viel versprechenden Anfang! Aber leider klopft in dem Moment irgendein Idiot an die Tür, und von diesem Höhepunkt, der nicht erreicht wurde, geht es mit dem Film bergab. "We Own the Night" versinkt immer mehr in der hohlen Beschwörung von Ehre, Gerechtigkeit und Blutsbande.

Im Grunde muss man jeden Genre-Film im Wettbewerb schon aus Prinzip ungesehen mit stehenden Ovationen begrüßen. Und tatsächlich entwickelt Gray zunächst gerade in den Szenen zwischen Mendes und Phoenix eine ganz eigenartige körperliche und seelische Vertrautheit, da erleben wir die vielen starken Frauen und verunsicherten Männerfiguren im diesjährigen Festival in der vielleicht zärtlichsten Variante. Gray schafft es sogar, uns mit der Autoverfolgungsjagd eine Standard-Sequenz des Genres mit neuen Augen sehen zu lassen, indem er sie bei strömendem Regen inszeniert. Doch je mehr er sich in die reine Männerwelt der Polizei begibt, von Konflikten zwischen Vater und Sohn und zwischen Brüdern erzählt, mit anderen Worten: Je asexueller er wird, desto mehr verliert er sich in falschem Pathos.

Der Wettbewerb hängt also zum Ende hin durch, doch das Gute ist: Alle, die daheim geblieben sind, müssen nicht mehr neidisch sein. Und wer glaubt, wir würden die Sinnlichkeitsdefizite im Kino auf den Partys wettmachen, der irrt. Denn es ist schon schwer genug, überhaupt Zugang zu einer dieser exklusiven Veranstaltungen zu erhalten. Bei der Feier zu "The Golden Compass", der neuen Fantasy-Produktion von New Line, gehörte ich zu den Auserwählten. Das wurde mir per Telefonat aus Deutschland versichert. Nachdem ich zwei Tage später noch nicht dazu gekommen war, die Einladung abzuholen, kam ein zweiter Anruf. Eine E-Mail aus Cannes sei eingetroffen, ich hätte noch nicht eingecheckt, die Einladung könne verfallen!

Ich irre also durch die Flure des Hotels Majestic, gehe in die Suite 117, in der vier strapazierte Menschen damit beschäftigt sind, die Party-Administration zu bewältigen. Ich nenne meinen Namen. "Haben Sie einen Ausweis?" Ich reiche dem jungen Mann meinen Festival-Badge. Grübeln. "Sind Sie das wirklich? Ihre Haare sind auf dem Foto viel länger!" Solche Fragen kenne ich noch von meinen früheren Reisen in die ehemalige DDR und antworte cool aus dem Repertoire: "Das ist mein Winterschnitt." Zögernd reicht mir der Mann die Einladung, ich bedanke mich, verlasse das Büro und werfe sie in den nächsten Mülleimer. Nein, da mache ich doch lieber was Nettes. Versuche zum Beispiel, eine Einreisegenehmigung für Nordkorea zu bekommen oder ein Leasingvertrag für einen amerikanischen Atombomber.



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