Cannes-Tagebuch Götterlieblinge in Unterhosen

Rambazamba! Diego Maradona ist der Held des wahnwitzigen Dokumentarfilms vom Emir Kosturica, der vom Aufstieg, Fall und Überlebensgestrampel des Fußballhelden erzählt - und den Kinostars von Cannes einen Spiegel vorhält.

Aus Cannes berichtet


Die Zuschauer am roten Teppich vor dem Festivalpalast würden am liebsten Blut sehen. Denn machen wir uns nix vor: Nicht bloß zum Jubeln und Fotografieren kommen jeden Tag tausende Menschen an die Absperrgitter vor dem Festivalpalast, palavern stundenlang oder stellen sich auf mitgebrachte Haushaltsleitern und Plastikpodeste, um ein paar Blick auf Angelina Jolie, Monica Bellucci, Woody Allen und Konsorten zu erhaschen. Nein, die Massen hoffen auf kleine und große Missgeschicke, auf ein Straucheln hier und einen verrutschten Spaghettiträger dort. Am schärfsten aber wäre gleich ein gesitteter Treppensturz samt saftig aufgeschrammter Kniescheiben. Fans lieben ihre Idole dann am allermeisten, wenn die Helden sich durch eine plötzliche Schicksalsfügung als irdisch erweisen.

Fußballgott Maradona in Cannes: Heiliger des runden Leders
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Fußballgott Maradona in Cannes: Heiliger des runden Leders

Das Gedrängel und Geschubse um jeden halbwegs prominenten Showhelden kann sehr nervig, aber auch sehr lustig sein in Cannes. Ganz plötzlich ballt sich in und um den Festivalpalast wieder ein Menschenknäuel zusammen, weil Monica Bellucci in einem tollen weißen Kleid herumstolziert; und unvermittelt gibt es wildes Gekreische, während man zum Beispiel am hellichten Nachmittag gutgelaunt die Strandpromenade entlangspaziert: Wer kauft denn da grad bei Cartier ein paar Juwelen ein und wird von 200 Leuten durchs Schaufenster begafft und geknipst? "Boeuf Dadü", brüllen ein paar junge Verehrer. Seltsamer Künstlername, denkt man, vermutlich ein junger französischer Filmheld, von dem man leider noch nie gehört hat. Dann geht die Ladentür auf und zwei dicke schwarze Leibwächter schieben ihren Schützling heraus, den man dann doch sofort erkennt. "Boeuf Dadü" ist Puff Daddy!Im Kino dann geht es pfeilgerade so weiter. Ein weltweit berühmter Mann lässt sich durch Belgrad kutschieren und spricht aus dem Autofenster heraus wildfremde Passanten an. Dann beeumeln er sich, wenn sie ihn verblüfft erkennen. Es ist Diego Maradona.

Der argentinische Fußballspieler im Ruhestand ist der Held des Dokumentarfilms "Maradona by Kusturica", der außer Konkurrenz im Hauptprogramm des Festivals läuft. Wie der Titel schon sagt, hat der serbische, aus Sarajevo stammende Regisseur Emir Kusturica das Werk gedreht.

Tolle Bilder gibt es in dem Film zu bestaunen, Schwarzweißaufnahmen von Maradona im Kindesalter beispielsweise, in denen er mit dem Ball zaubert und in die Kamera spricht, dass er die Welt erobern will. Und schon allein diese Szenen sind tausendmal lebendiger und aufregender als die allzu schwermütig kunsthubernden Filme, die der ungarische Regisseur Kornel Mondruczo und die Argentinierin Lucrecia Martel am Dienstag im Wettbewerb von Cannes zeigten.

Mondruczos "Delta" ist ein wortkarge Elegie auf einen jungen Mann, der nach langer Abwesenheit in sein Dorf am Rand der Welt zurückkommt. Dort trifft er auf seine Schwester und ist ihr bald in nicht nur brüderlicher Liebe zugetan. Er baut mit ihr ein Haus mitten im Fluß, doch die dumpfen Dörfler wollen das Glück nicht dulden.

Ist das der Stoff, den sich Jurypräsident Sean Penn von einem Siegerfilm in Cannes wünscht? Ein Sinn für Gegenwärtiges, für die Probleme und Sorgen, die uns heutige Menschen dringend angehen, werde den am Sonntag mit der Goldenen Palme zu ehrenden Film auszeichen, hat Penn prophezeit. Mondruczo Parabel vom mörderischen Ausgrenzungswahn passt da natürlich ins Raster. Wohl auch die Argentinierin Martel und ihr Film "Die Frau ohne Kopf", ein Rätsel-Potpourri, das den Zuschauer zum Nachdenken über Wahn und Wirklichkeit und bürgerliche Gefühlskälte anregen will.

Die Heldin in "Die Frau ohne Kopf" ist eine mittelalte Frau, die eines Tages mit ihrem Auto ein Lebewesen überfährt und Fahrerflucht begeht. War es ein Kind oder ein Hund? Träumt sie all die Dinge, die ihr von nun an widerfahren, zum Beispiel den ehebrecherischen Beischlaf mit einem Cousin ihres Gatten in einem Hotelbett? Oder ist die wie eine Schlafwandlerin agierende Frau nur wegen des Unfalls verstört? Ungeheuer gravitätisch, in sicher mühsam ertüftelten Endlos-Einstellungen breitet Martel diese Alltagsstory aus, ohne selber je Stellung zu beziehen, was man sehr schlau hingezirkelt finden kann, aber auch zum Schnarchen leblos und schrecklich ermüdend.

Was für ein heiteres, tragisches, wüstes Rambazamba bietet dagegen Kusturicas "Maradona"-Film! Immer wieder sieht man darin sensationelle Maradona-Torschüsse, die mit Sex-Pistols-Musik unterlegt sind. Durchgeknallte Maradona-Fans in Argentinien zelebrieren für den Filmemacher die satirisch-blasphemischen Rituale einer eigenen Maradona-Kirche, die dem Fußballheiligen huldigt. Und natürlich geht es auch um den Kokainkonsum, der den berühmten Sportler fast ruiniert hat und jahrelang zu einer von Paparazzi gejagten Medien-Witzfigur werden ließ. Maradona bekennt sich schuldig, weint bitterlich und lässt noch einmal vor Publikum die Hosen herunter.

Helden des Showgeschäfts

Kusturica versucht mit seinem Film eine ziemlich wahnwitzige Umarmung seines Helden. Er vermischt das Leben des Ballkünstlers Maradona auf brachiale Art mit dem des Kinokünstlers Kusturica, schneidet plötzlich Szenen aus Kusturica-Filmen, wie "Papa auf Dienstreise" und "Schwarze Katze, weiße Katze" mitten in Erzählungen aus Maradonas Leben.

Außerdem reden Kusturica und Maradona viel über die imperialistische Supermacht Amerika und setzen schwadronierend das Schicksal Argentiniens und Serbiens gleich, die ja tatsächlich beide als sehr nationalstolze und in der Welt nicht immer wohlgelittene Länder gelten dürfen. Es ist einigermaßen bizarr, wenn Maradona mit Kusturica durch Belgrad fährt und ein von Nato-Bomben halb zerstörtes Amtsgebäude ins Bild gerückt wird, um dem Fußballer ein paar wirr anklagende Worte zu entlocken.

Grandios aber ist "Maradona by Kusturica" vielleicht gerade wegen des zur Schau gestellten Wahnwitzes, wegen der wilden politischen Attacken etwa auf Prinz Charles und George Bush, wegen der zornigen Mafia-Vorwürfe, die Maradona gegen den Fußballweltverband FIFA erhebt. Hier sieht man zwei Helden des Showgeschäfts, zwei Götterlieblinge, die das Gefühl verbindet, dass sich eine Welt, von der sie einst bejubelt wurden, gegen sie verschworen hat. Nun zeigen sie ihre Wunden und werden vom Publikum dafür geliebt. Als Maradona am Dienstag für die Fotografen in Cannes einen Ball auf der zerfurchten Stirn balancierte, war der Jubel der Fans jedenfalls ungeheuer.



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