Cannes-Tagebuch Dieser Schmutz glänzt

Geistig behinderte Bankräuber und auf Rache sinnende Southern Belles: Amerikanisches Genre-Kino von Sofia Coppola und den Safdie-Brüdern mischt Cannes auf - und beschert Robert Pattinson seine bislang beste Rolle.

Wettbewerbsfilm "Good Time" (mit Robert Pattinson)
Festival de Cannes

Wettbewerbsfilm "Good Time" (mit Robert Pattinson)

Aus Cannes berichtet


"Du warst klasse! Richtig gut! Du hast dich ganz ruhig verhalten!" Als Conny (Robert Pattinson) und Nick (Benny Safdie) die Bank verlassen, die sie soeben ausgeraubt haben, überschüttet Conny seinen Bruder mit Lob. Es ist allerdings eigennütziges Lob, denn Conny will damit Nick vor allem ruhig halten: Sein Bruder ist geistig behindert und neigt zu impulsivem Handeln. Und was soll man sagen? Keine Viertelstunde später werden die beiden von der Polizei angesprochen, Nick rennt panisch weg, und für Conny beginnen die irrsten 24 Stunden, die der Wettbewerb von Cannes bislang zu bieten hatte.

Sechs Jahre nachdem "Drive" das Festival begeisterte und Regisseur Nicolas Winding Refn und Ryan Gosling endgültig zu Stars ihrer Zünfte machte, legen die US-amerikanischen Brüder Josh und Benny Safdie mit "Good Time" ein furioses Pendant zu Winding Refns stilprägendem Gangsterfilm vor: "Good Time" ist ebenfalls ein heist movie, mit "Twilight"-Darling Robert Pattinson als Hauptdarsteller und einem herausragenden Elektro-Soundtrack von Oneohtrix Point Never. Doch als könnte das Genrekino die Trump-Ära nicht ignorieren, interessieren sich die Safdies nicht wie Winding Refn für den Glanz polierter Oberflächen: Sie suchen den Schmutz. "Good Time" ist bevölkert von verschlagenen Kleinkriminellen, er drängelt sich in die Häuser verarmter Rentner rein, LSD wird bei ihm auf Bildchen von Alt-Right-Ikone Pepe the Frog verabreicht.

Selbst Pattinson hat jeden Gloss verloren. Mit seinen klebrigen Ponysträhnen und dem unhip halblangen Bart sah er nie räudiger, aber auch nie wilder und lebendiger aus. Von der Unsicherheit, die Pattinson manchmal in seine Rollen eingebracht und sie damit unterminiert hat, ist hier nichts mehr zu spüren. In "Good Time" nimmt er endlich das Format an, das ihm lange nur unterstellt wurde.

Szene aus "Good Time"
Festival de Cannes

Szene aus "Good Time"

Und dann gibt es ja auch noch den geistig behinderten Bruder. Gespielt von Co-Regisseur Benny Safie (sein Bruder Josh hat im Gegenzug das Drehbuch gemeinsam mit Ronald Bronstein verfasst) ist der bullig-sanfte Nick die ungewöhnlichste Figur im grandiosen Underdog-Ensemble der Safdies. Denn Nick ist einerseits Motivation für seinen smarten Bruder: Nur für ihn und ein schönes Haus auf dem Land hat Conny den Bankraub gemacht. Andererseits ist Nick durch sein schwer zu kontrollierendes Temperament auch Connys größtes Problem.

Eine geistige Behinderung als plot device? Als wäre sich der Film auch nicht ganz sicher, ob das ethisch haltbar ist, findet er bald in einer furiosen Wendung einen neuen Partner, mit dem sich Conny durch die New Yorker Nacht schlagen muss. Die irren Situationen, in die die Safdies die beiden in der Folge bringen, zeugen von einer unbändigen Fantasie, was New York und seine Bewohner sowohl als Filmlandschaft als auch als Gesellschaftspanorama zu bieten haben.

Das Einzige, was "Good Time" im Vergleich zu "Drive" fehlt, ist dessen hemmungslose Romantik, "Good Time" ist zuallererst ein Kumpelfilm, aber kein sentimentaler. Die emotionalen Lücken, die dadurch immer wieder aufreißen, füllt jedoch der Soundtrack von Daniel Lopatins aka Oneohtrix Point Never mehr als zur Genüge aus. Der maximalistische Musiker und Starproduzent (u.a. für Anohni) war sich noch nie für einen dramatischen Effekt zu schade. Hier darf er nun nach Belieben drängende Bässe, kreischende Gitarren und kitschige Synths abfahren, sitzen tut alles. Die Safdies könnten mit ihrem umjubelten Wettbewerbsdebüt am Sonntagabend einen der Hauptpreise gewinnen. Gäbe es in Cannes wie in Berlin oder Venedig einen Preis für die beste kreative Einzelleistung, wäre Lopatin ein Anwärter.

Mit ihrem gelungenen Genrekino sind die Safdies allerdings nicht allein: Für ihre Version des Southern Gothic wurde Sofia Coppola am Tag zuvor ebenfalls gefeiert. Ihre Produktionsdesignerin Anne Ross habe sie ermutigt, den Roman "Die Verführten" von Thomas P. Cullinan erneut zu verfilmen, sagte Coppola auf der anschließenden Pressekonferenz. 1971 hatte Don Siegel den Stoff bereits unter dem Titel "Betrogen" mit Clint Eastwood in der Hauptrolle verfilmt.

Szene aus "Die Verführten"
Focus Features/ Festival de Cannes

Szene aus "Die Verführten"

Dass der Impuls für die Neuverfilmung nicht aus einem inhaltlichen Interesse an der Geschichte, sondern aus dem Spaß daran, ihn auszustatten, herrührt, ist mehr als aussagekräftig. Coppolas "Die Verführten" (Deutschlandstart: 29. Juni) besticht vor allem durch sein Gespür für geisterhafte Stimmungen und feine Stofflichkeiten. Auch dadurch hat dieser Film am meisten mit Coppolas Regiedebüt "The Virgin Suicides" von 1999 gemein.

Kirsten Dunst ist seitdem von der jungfräulichen Schwester Lux Lisbon zur gestrengen Gouvernante Edwina herangewachsen: Gemeinsam mit Schulleiterin Miss Martha (Nicole Kidman) führt sie ein Mädcheninternat in Virginia. Es ist 1864, der amerikanische Bürgerkrieg wendet sich langsam zugunsten des Nordens, der Großteil der Mädchen ist zu seinen Eltern zurückgekehrt. Nur eine Handvoll ist geblieben, darunter Miss Alicia (Elle Fanning) als reifste und aufmüpfigste unter ihnen. Selbstgenügsam gibt sich diese Ersatzfamilie, wie eine schützende Wolke scheinen ihre duftig weißen Kleider die Frauen zu umgeben.

Doch dann entdeckt eines der Mädchen einen verletzten Soldaten (Colin Farrell) im Wald. Obwohl er für den Norden kämpft, bringt sie ihn heim ins Internat. Aus christlicher Barmherzigkeit gestattet Miss Martha seine Aufnahme, sie übernimmt sogar die Behandlung seiner komplizierten Beinverletzung. Als sie anschließend den bewusstlosen Soldaten wäscht, wandelt sich die Pflicht zum Genuss: Zärtlich tupft sie mit ihrem nassen Tuch den ansehnlichen Oberkörper des Mannes ab. Als sie seine Hüfte erreicht, entfährt ihr schließlich ein kleiner Seufzer.

Kirsten Dunst und Colin Farrell in "Die Verführten"
Festival de Cannes

Kirsten Dunst und Colin Farrell in "Die Verführten"

Miss Marthas Lust ist geweckt, aber leider bald auch die von Edwina und Alicia, denn Corporal John McBurnley weiß, wie er mit kleinen Komplimenten und Versprechungen Leidenschaft entfachen kann. Ein Wettkampf um die Gunst des Mannes entbrennt, ausgetragen mit Blicken, aufwendigen Frisuren und wunderschönen Kleidern - und damit den filmischen Mitteln, die Sofia Coppola wie kaum eine andere beherrscht.

Sie ist eine Regisseurin, die mehr über ihre Ausstattung als ihre Dialoge erzählt. Dass Stil die Substanz überwiege, wird ihr deshalb öfters vorgeworfen. Bei "Die Verführten" könnte dieser Vorwurf nicht unpassender sein: Der Film verfügt über keine nennenswerte Substanz, er kommt allein in den Momenten, in denen Coppola ihren Stilwillen auslebt, zusammen. Und das tut er in jeder seiner 94 Minuten.

Coppola weiß genau um die Tragweite ihrer Ideen, nichts hier ist überstrapaziert oder redundant. In einem Wettbewerb, bei dem sich so viele Kollegen in Selbstüberbietung zu üben scheinen, ist das nicht nur erfrischend. Es ist überaus souverän.

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Karbonator 25.05.2017
1.
Alles schön und gut geschrieben, aber: ---Zitat--- Doch als könnte das Genrekino die Trump-Ära nicht ignorieren, interessieren sich die Safdies nicht wie Winding Refn für den Glanz polierter Oberflächen: Sie suchen den Schmutz. "Good Time" ist bevölkert von verschlagenen Kleinkriminellen, er drängelt sich in die Häuser verarmter Rentner rein, LSD wird bei ihm auf Bildchen von Alt-Right-Ikone Pepe the Frog verabreicht. ---Zitatende--- Es wäre doch besser, wenn man nicht alles krampfhaft auf Trump zu deuten versuchte, oder nicht?
bhang 25.05.2017
2. " Es ist überaus souverän. "
[Zitat] In einem Wettbewerb, bei dem sich so viele Kollegen in Selbstüberbietung zu üben scheinen, ist das nicht nur erfrischend. Es ist überaus souverän. [/Zitat] Und ihre Filme wirken immer irgendwie "anstrengungslos". So mühelos. Einfach mal in kürzester Zeit erschaffen (aber dennoch immer großartige Filme).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.