Cannes-Tagebuch Helden aus Tofu

Nach einem diesig-windigen Auftakt strahlt die Sonne über Cannes, im Wettbewerb ernten der Amerikaner Richard Linklater mit "Fast Food Nation" und der Spanier Pedro Almodovar mit "Volver" respektvollen Applaus – und zeigen doch erzählerische Schwächen.


Man muss die Idiotie bekämpfen, wo sie ihr hässliches Haupt erhebt: Das ist die Tagesparole in Cannes, und sie hat seltsamerweise ungefähr gleich viel mit dem Amerikaner Richard Linklater zu tun wie mit Harald Schmidt.

"Volver"-Darstellerin Cruz: Zwischen Dorfwelt und urbanem Chaos
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"Volver"-Darstellerin Cruz: Zwischen Dorfwelt und urbanem Chaos

Linklater hat einen Film zum Wettbewerb in Cannes beigesteuert, in dem ängstliche junge Mexikaner im Licht einer Wackelkamera nachts über die Grenze aufs Territorium der USA schleichen; später sieht man schlimme Bilder, in denen dieselben ängstlichen jungen Mexikaner in einer Fleischfabrik im US-Bundesstaat Colorado Tiere schlachten, das Fleisch zerlegen und hinterher Fett und Blut wegputzen.

In Linklaters Film "Fast Food Nation" spielen in prominenten Nebenrollen unter anderem Patricia Arquette, Ethan Hawke und Kris Kristofferson mit, vor allem aber Avril Lavigne, die hier mal nicht singt, sondern schauspielert. Sie sitzt mit ihren immer auf traurig geschminkten Kuhaugen in einer Runde von öko-aktivistischen Schülern und glotzt sehr tiefsinnig, während ein junger Kerl ein ums andere Mal die zentrale Botschaft des Films ausspricht: Jeder kann etwas unternehmen, um Dummheit, Borniertheit und Menschenverachtung zu bekämpfen - und wenn du nicht anfängst, wer dann?

Fremdeln mit der Fremde

Das ist (unabhängig von Linklaters Film) völlig einleuchtend, und deshalb muss hier kurz über Harald Schmidt geredet werden. Schmidt hat seine Sendung am Abend der Cannes-Eröffnungsgala dazu benutzt, höhnisch auf dem Sender Arte und dessen Programm einzudreschen. Dessen Filme - ferne Länder, fremde Menschen, exotische Probleme - gucke er sich nicht an. Und klar war diese Attacke irgendwie lustig gemeint, passend zu Schmidts selbstgewählter neuer Rolle als Klassensprecher von "Du bist Dumpfdeutschland"Exotik.

Ein Festivalprogramm wie das in Cannes aber könnte man, nimmt man Schmidts Arte-Bashing auch nur halbernst, glatt einstampfen: Dauernd geht’s hier um ferne Länder, fremde Menschen, exotische Probleme - und das nicht nur, weil der deutsch-französische Sender Arte (der mit anderen europäischen Kultursendern wie Channel Four konkurriert) allein an 16 Filmen als Koproduzent beteiligt ist.

Tatsächlich hat sich in den Kultursendern eine Macht etabliert, die manchen unheimlich ist: In "Le monde dilplomatique" war gerade ein Aufsatz zu lesen, der den Cannes-Veranstaltern und den europäischen Filmproduzenten vorwirft, die immer gleichen Filmemacher aus Asien und Afrika einzuladen, einen stets auf Elendsbilder und Monstersorgen erpichten Blick auf ihre Heimat zu werfen. Die Länder Schwarzafrikas, aber auch das neue China und Iran oder Indien würden im modernen Kunstfilm stets aufs Neue "auf die Probleme und Klischees reduziert, die die Europäer seit je im Kopf haben".

Schwieriges Schwelgen

Vermutlich ist er ganz nützlich, dieser Versuch, eine Debatte über die angebliche Verkopftheit des Wettbewerbsprogramms in Gang zu setzen, doch durch den weder mit Afrika noch mit Asien beschäftigten Spanier Pedro Almodovar wird alle komplizierte Gedankenarbeit erstmal souverän beiseite gewischt. Almodovars Wettbewerbsfilm "Volver" (Zurückkehren), in Spanien schon ein Riesenerfolg, ist ein schwelgerisches Melodram. In dessen Zentrum spielt Penelope Cruz die Mutter eines 14-jährigen Mädchens, das von seinem (Stief-)Vater zum Sex genötigt wird, sich tapfer wehrt und dem Mistkerl ein Messer in die Brust rammt. Daneben geht’s um eine Mutter, die angeblich bei einem Hausbrand verkohlt ist, um ein Dorf, in dem immer ein böser Ostwind weht, und ein Restaurant in Madrid, in dem die Cruz beherzt den Kochlöffel schwingt.

"Volver" schildert mit einer verblüffenden Überzeugungskraft und viel Witz den Gegensatz zwischen Dorfwelt und städtischem Alltags-Chaos. Nicht nur in der grandiosen Anfangssequenz, die Aberdutzende von Witwen und Hinterbliebenen (ausschließlich Frauen) beim Grabsteinschrubben zeigt, sieht man all dem Treiben amüsiert und gerührt zu.

Nur leider schleicht sich auch ein bisschen Langeweile ein. Sicher, Almodovar macht sich über die Idiotie des Geisterglaubens lustig. Aber um wirklich ernst zu machen mit seinen großen Themen Gier, Mord, Krebstod und tödlicher Eifersucht fehlt dem Regisseur der Mut (oder vielleicht auch nur die Lust). Lieber bettet er seine Figuren in eine wohlige, bunte Lebens- und Menschenfreundlichkeit, die ihm keiner wirklich übel nimmt, die aber auch ein bisschen schal wirkt. Einen Applaus nach der Pressevorführung bekam der Film trotzdem.

Den gab’s übrigens auch für Linklaters "Fast Food Nation", obwohl der Film mehr und mehr zerfällt. Die Kombination einer Story über ausgebeutete Einwanderer und die ekligen Machenschaften der Fleischmafia verrutscht Linklater zu einem weltverbesserischen Traktat, in dem allein die ökologisch engagierten Schüler noch halbwegs Figuren aus, ähem, Fleisch und Blut, ergeben; alle anderen Helden sind aus Tofu. Vermutlich wollte der Regisseur "Syriana" und "Traffic" ins internationale Metzgermilieu verlegen – am Ende wirkt das ganze wie ein sehr gutgemeinter Schülerfilm aus der gymnasialen Oberstufe: Die Arbeitsgemeinschaft hamburgerkritische Vegetarier ermittelt.



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