Cannes-Tagebuch Körper, Küsse und andere Katastrophen

Endlich Sex! Mit den neuen Filmen von Woody Allen und Andreas Dresen steuert das Festival von Cannes in erotische Gefilde. Aber wer sich davon gleich optimistisches Kino erhofft hatte, wurde enttäuscht: Lust und freie Liebe sind auch keine Lösung, so das Motto des vierten Tages an der Croisette.

Aus Cannes berichtet


Der Körper muss so einiges erdulden hier in Cannes. Und damit sind nicht nur die Charaktere in den Filmen gemeint, die Prügel, Hunger, Knochenmarkstransplantationen und andere Grausamkeiten aushalten müssen.

Dresen-Film "Wolke 9" (Darsteller: Horst Rehberg, Ursula Werner): Das Recht, auch im hohen Alter noch mal ausflippen zu dürfen
Senator Film

Dresen-Film "Wolke 9" (Darsteller: Horst Rehberg, Ursula Werner): Das Recht, auch im hohen Alter noch mal ausflippen zu dürfen

Auch als Festival-Teilnehmer wird man täglich auf harte körperliche Proben gestellt: Handicaps, wohin man sieht: Das Hotel? Meilenweit von der Croisette und dem Palais entfernt. Also Fußmarsch, bis die Füße schmerzen oder lebensgefährlicher Slalom zwischen rasenden Motorrollern und klaffenden Schlaglöchern auf dem gemieteten Fahrrad. Und dann erst die tägliche Hatz auf einen überteuerten Happen zu essen zwischen den eng getakteten Filmvorführungen.

Aber Halt! Die larmoyante Reporter-Leier können Sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr hören, und ganz ehrlich: Kaum sitzt man wieder in einem dieser schrecklich rauen und wahnsinnig authentischen Kino-Dramen, fühlt man sich natürlich wieder wie Gott in Frankreich und dankt Schöpfer und Chefredakteur für die Gnade, hier sein zu dürfen.

Zurück also zu den Filmen, in denen es, wie wir bereits feststellten, um Gefängnisse aller Formen und Dimensionen zu gehen scheint. Beziehungen zum Beispiel - Knäste aus echten und erfundenen Verpflichtungen und jahrelangen Gewohnheiten. Und wenn dann plötzlich eine Person auftaucht oder eine Situation entsteht, die alles verändern könnte, stürzt man sich und das ganze mühsam über Jahre hinweg errichtete Konstrukt unüberlegt ins Chaos.

Klebenbleiben in alten Gefängnissen

Woody Allen ist ein Meister dieser Kartenhaus-Taktik, eigentlich handeln seine Filme seit nunmehr über 30 Jahren von nichts anderem als der Zerstörung jener Illusion, die gemeinhin Glück in der Liebe genannt wird. In Allens neuem Film "Vicky Cristina Barcelona" betitelt, reisen zwei junge Amerikanerinnen nach Spanien und lernen den freigeistigen Künstler und Charmeur Juan Antonio (Javier Bardem) kennen, der die beiden, unmittelbar nachdem er sich vorgestellt hat, auf ein Wochenende in ein malerisches Örtchen einlädt und unverblümt bekannt gibt, gerne mit allen beiden Sex zu haben, am liebsten zugleich.

Schockschwerenot! Der Rest in Kürze: Die träumerische Cristina (blond und grüblerisch: Scarlett Johansson) verfällt dem Latin Lover und landet in einer Ménage à trois mit Juan und seiner temperamentvollen Ex-Ehefrau Maria Elena (furios: Penelope Cruz), mit der ihn eine dauerhafte Amour fou verbindet. Cristina ist wie eine Muse für das verrückte Paar, und es gibt einen knisternden Kuss zwischen den beiden Film-Diven in einer rot ausgeleuchteten Dunkelkammer - doch das libertäre Glück, das Versprechen der freien Liebe abseits aller Konventionen, ist nicht von Dauer. Denn die Blondine bricht aus dem flotten Dreier flugs wieder aus. Nicht, weil sie endlich erkannt hat, was sie im Leben wirklich will, sondern schlicht, weil es nicht das ist, was sie will.

Auch die bodenständige Vicky verlebt einen heißen Flirt mit Juan - und gerät prompt in Zweifel, ob sie wie geplant ihren langweiligen New Yorker Yuppie-Freund heiraten soll - oder alles über Bord wirft, um sich in eine unsichere Affäre mit dem Spanier zu stürzen.

Trotz wildem Liebespiel, aufgeregten Zankereien und schmachtenden Küssen - am Ende bleiben alle in ihren alten Gefängnissen kleben. Und Woody Allen, der alte Zyniker, freut sich darüber, in seinem spanischen Sommernachtstraum mal wieder jede Menge schöne Frauen und haufenweise Schauspieltalent versammelt zu haben - allen voran übrigens die bezaubernde britische Theater-Actrice Rebecca Hall, die als zwanghaft rationale Vicky Allens hübsches Alter Ego gibt.

"Vicky Cristina Barcelona" läuft, wie anscheinend alles, was für ein bisschen Heiterkeit sorgt, außer Konkurrenz, und auch der zweite Film des Samstags, der sich der Lust und den fleischlichen Genüssen widmet, wird nicht im Wettbewerb gezeigt, sondern in der Nebensektion Un certain regard. "Wolke 9" ist neben Wim Wenders' "Palermo Shooting" einer der wenigen deutschen Filme, die in Cannes zu sehen sind, daher freut es besonders, dass dem "Halbe Treppe"-Regisseur aus der Berliner Schule der erste Uiuiuiui-Effekt des Festivals gelungen ist. Vierzig Jahre nach 1968 ist es nämlich immer noch ein Tabu, Menschen jenseits der Lebensmitte beim Sex zu zeigen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.